•• Von Helga Krémer
Industrie- und Energieunternehmen stehen vor der Aufgabe, ihre Prozesse nachhaltiger, effizienter und zugleich resilient zu gestalten. Digitalisierung und Innovation spielen in diesem Spannungsfeld eine zentrale Rolle, Industriesoftware gilt dabei als Schlüsseltechnologie für Resilienz und nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit. Dazu begrüßte Bernhard Gily, Verlagsleiter medianet, im medianet TV-Studio Johannes Wolf, Managing Director Central Eastern Europe & Middle East bei Copa-Data. Copa-Data ist ein international tätiger österreichischer Softwarehersteller mit Sitz in Salzburg, spezialisiert auf Industrie- und Energieautomation.
medianet: Copa-Data blickt auf ein außergewöhnlich erfolgreiches Geschäftsjahr zurück. Die Gruppe wuchs 2025 um 21 Prozent, in Ihrer Region CEE und Naher Osten lag das Plus sogar bei über 24 Prozent. Was hat dieses starke Wachstum möglich gemacht – gerade in einem wirtschaftlich anspruchsvollen Umfeld?
Johannes Wolf: Dieses starke Wachstum im Jahr 2025 macht uns besonders stolz. Der Grundstein für diesen Erfolg liegt natürlich schon viele Jahre zurück. Dieses Wachstum hat mehrere Gründe, es gibt mehrere Faktoren, die man berücksichtigen darf. Zum einen ist es die Fokussierung auf Wachstumsbranchen und auch Wachstumsmärkte. Hinsichtlich Branchen sind es überwiegend die Prozessindustrie, Life Sciences, Pharma, kosmetische Industrie, chemische Industrie bis hin zur Halbleiterindustrie und die Energiewirtschaft. Hinsichtlich Märkte gibt es natürlich Regionen, die besonders stark wachsen. Zu erwähnen ist zum Beispiel der Nahe Osten, Indien, aber auch Nord und Südamerika.
Ganz, ganz wesentlich ist das Thema Diversifikation – wir sind nicht auf eine Branche angewiesen, wir sind auch nicht auf ein Kundensegment angewiesen. Das heißt, wir sind sehr breit aufgestellt und das ermöglicht uns, Rückgänge in gewissen Branchen mit anderen Branchen, anderen Segmenten zu kompensieren.
medianet: Sie haben die Regionen schon angesprochen. Da würde ich gerne gleich anknüpfen. Sie verantworten eine Region, die wirtschaftlich sehr heterogen ist. Wo sehen Sie aktuell die stärksten Wachstumsimpulse, und wo unterscheiden sich die Anforderungen deutlich von westeuropäischen Märkten?
Wolf: In unserer Region ist speziell der Nahe Osten sehr stark am wachsen, sehr dynamisch. Warum? Es ist natürlich ein sehr finanzkräftiger Markt und da gibt es auch eine extrem hohe Geschwindigkeit.
Wenn ich jetzt vielleicht in dieser Region Mittlerer, Naher Osten Saudi Arabien als Land herauspicke, dann gibt es dort eine Vision. Die ist angelegt für das Jahr 2030, die Saudi Vision 2030. Und da gibt es viele Projekte, viele Infrastrukturprojekte, die mit unglaublicher Geschwindigkeit auf den Boden gebracht werden. Wir sind dort speziell im Bereich der Energiewirtschaft tätig, bei vielen Projekten, die mit unserer Software im Bereich der Energieautomatisierung umgesetzt werden.
Die Geschwindigkeit dort ist nicht vergleichbar mit Europa oder mit Westeuropa. Da wird gesagt: ‚Okay, wir machen das.‘ Und innerhalb weniger Monate entstehen da zehn, 20, bis zu 100 Umspannwerke oder Erzeugungsanlagen für PV oder für andere erneuerbare Energiequellen. Das kann man sich in Europa aufgrund der Regulatorik gar nicht vorstellen.
medianet: Ein zentraler Wachstumstreiber ist Ihre Softwareplattform zenon. Sie dient zur Automatisierung, Steuerung, Überwachung und Optimierung industrieller Anlagen – insbesondere in den Bereichen Energie, Life Sciences und Pharma. Was macht diese Branchen derzeit so aufnahmefähig für Automatisierungssoftware?
Wolf: Wenn man jetzt den Bereich Energiewirtschaft betrachtet, dann wissen wir, dass die Energiewirtschaft vor großen Herausforderungen steht – Stichwort Energiewende. Wir haben mehr Erzeugung aus erneuerbaren Energiequellen, Consumer werden auch Prosumer, Haushalte produzieren selber Energie. Ganz generell: Der Ausbau der erneuerbaren Energiequellen ist massiv. Das heißt, das Stromnetz muss gleichzeitig modernisiert – es ja auf diese Dynamik im Stromnetz nicht ausgelegt – , aber auch ausgebaut werden. Und das unterstützen wir mit unserer Softwareplattform Zenon, um diese Modernisierung, diesen Ausbau überhaupt möglich zu machen. Das geht nur über Automatisierung und Standardisierung, weil die Fachkräfte, um solche Projekte zur Umsetzung zu bringen, schlichtweg nicht vorhanden sind.
Um das ein bisschen mit Zahlen zu untermauern: Global gesehen wird sich der Energiebedarf, der Energiekonsum bis 2050 auf 50.000 Terawattstunden verdoppeln. Da blicken wir bis dahin auf einen erhöhten jährlichen Energiebedarf von 1.000 Terawattstunden pro Jahr – das gleicht dem Energiebedarf von Japan. Das heißt, der Energiebedarf von Japan kommt Jahr für Jahr on top dazu. Das muss man durch Erzeugung von Energie kompensieren und zugleich auch sicherstellen, dass die Energie von A nach B kommt.
medianet: Ihre aktuellste Presseaussendung trug den Titel ‚Das Zeitalter der softwaredefinierten Automatisierung bricht an‘. Das klingt nach einem Paradigmenwechsel. Was genau bedeutet das – und warum ist dieser Ansatz für Industrieunternehmen so relevant?
Wolf: Ja, es ist ein Paradigmenwechsel. Es wird Zeit brauchen, bis sich das auch in der Breite, in der Masse entsprechend etabliert und manifestiert.
‚Software Defined‘ ist ein Begriff aus der IT. Das ist kein neuer Begriff. Es ermöglicht, durch Software raschere Innovationszyklen zu bewerkstelligen. Ich bin nicht mehr auf die Industriesteuerung oder klassische SPS (speicherprogrammierbare Steuerung) bei Maschinen und Anlagen angewiesen. Diese Logik, die auf diesen Industriesteuerungen läuft, die bewegt sich in den virtuellen Raum. Beispielsweise in Docker-Containern, die dann in der eigenen IT Infrastruktur laufen und über Kubernetes (eine Open-Source-Plattform zur automatisierten Bereitstellung, Skalierung und Verwaltung von containerisierten Anwendungen Anm.) orchestriert werden. Die klassische Industriesteuerung, SPS, wird damit obsolet.
Für das Softwareunternehmen Copa-Data ist es natürlich ein logischer Schritt, auf dieses Thema zu setzen, das auch zu unterstützen. Und das tun wir auch. Man kann heute auf GitHub gehen, sich Repositories runterladen und das in der Docker-Umgebung laufen lassen. Diese Art der Virtualisierung ist keine Zukunftsmusik mehr. Was sind die Vorteile? Ich habe geringere Kosten bei der Anschaffung, aber auch beim Betrieb. Ich kann die Arbeitsweisen aus der IT anwenden. Ich kann skalieren, in einem ganz anderem Ausmaß, als wenn ich an eine Hardware, an ein Gerät gebunden bin.
medianet: Viele Unternehmen zögern bei großen Modernisierungsschritten aus Kostengründen. Wie hilft softwaredefinierte Automatisierung dabei, bestehende Anlagen weiterzuentwickeln, ohne alles neu bauen zu müssen?
Wolf: Es geht nicht darum, Bestehendes einfach mal herauszureißen und wegzuwerfen. Das ist auch nicht der Ansatz. Aber ich denke, jeder Industriebetrieb, aber auch Energieunternehmen sind gut beraten, sich dem Thema zu widmen, sich einfach mit dem Thema vertraut zu machen.
Ich bin davon überzeugt, dass die Vorteile überwiegen. Weil es Flexibilität schafft, weil es Unabhängigkeit schafft. Warum? Weil ich dann nicht mehr von einem bestimmten Hersteller, eines Industriegerätes, einer Industriekomponente abhängig bin. Und somit auch nicht mehr mit der damit einhergehenden Belieferung. Erinnern wir uns an die massiven Lieferkettenprobleme in den vergangenen Jahren. Hinsichtlich der aktuell herrschenden geopolitischen Unsicherheiten, empfiehlt es sich Flexibilität und Resilienz zu schaffen – und die gehen auch mit dem Thema Software Defined Automation einher.
medianet: Ein Themenwechsel: Österreich steht wirtschaftlich unter Druck – hohe Energiepreise, Fachkräftemangel, Investitionszurückhaltung. Welche Rolle kann Automatisierungssoftware dabei spielen, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts zu sichern?
Wolf: Ich denke, es wird nur mit diesen Hilfsmitteln gehen. Wir selber sehen uns ja als ‚Befähiger‘, als Enabler, und wir wissen, dass diese Technologie hilft, diese Resilienz zu schaffen, diese Wettbewerbsfähigkeit auch wieder zurück zu erlangen.
Weil man dadurch nicht nur Effizienzen steigert, sondern auch Kosten reduziert. Speziell dann, wenn man das Thema holistisch betrachtet. Da gibt es weltweit vergleichbar auch keine andere Technologie am Markt, die das, wenn ich jetzt einen Produktionsstandort oder auch Energieversorger und Netzbetreiber betrachte, wirklich holistisch abbilden kann. Was meine ich damit? Im Industriekontext kann ich mit unserer Technologie die Produktion abbilden. Ich kann aber auch die Gebäudeautomatisierung integrieren. Ich kann die eigene Energieerzeugung und -speicherung am Standort integrieren, bis hin zu Kläranlagen, Betriebsmitteln, die ich am Gelände habe. Ich kann also meinen Produktionsstandort holistisch betrachten und auch Synergien schaffen.
Viele Industriebetriebe stehen vor einer besonderen Herausforderung, die der Datensilos. Da brauchen wir noch nicht über Industrie 4.0 sprechen. Die Realität sieht so aus, dass es weiterhin isolierte Systeme gibt und somit diese Synergien nicht geschaffen werden können. Wir haben dankenswerterweise eine Technologie, die wir anbieten können, um das ganzheitlich zu betrachten, um diese Synergien auch zu schaffen.
Das Interview sehen Sie demnächst auch auf: tv.medianet.at
