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Visa-Stopp für Russen? © Motto / Oliver Jiszda

Nicht nur in „ökonomischen” Bahnen denkt Bernd Schlacher (Motto; o.). Tourismusobmann Markus Grießler verweist auf sinkende Gesamtumsätze.

© Motto / Oliver Jiszda

Nicht nur in „ökonomischen” Bahnen denkt Bernd Schlacher (Motto; o.). Tourismusobmann Markus Grießler verweist auf sinkende Gesamtumsätze.

Redaktion 02.09.2022

Visa-Stopp für Russen?

Einreisebeschränkungen für russische Gäste? Ein "medianet"-Rundruf unter Touristikern ergibt ein ambivalentes Stimmungsbild.

••• Von Alexander Haide

WIEN. Eigentlich hätte es nicht verwundern sollen, dass das Thema zur Schlagzeile wird. Im August regten sich erste Stimmen, dass Staatsbürger der russischen Föderation keine Touristenvisa für die EU erhalten sollen. Was in Moskau als „Nazi-Politik” bezeichnet wurde, fand flammende Befürworter und Gegner, erste Staaten schränkten die Einreisemöglichkeiten für russische Bürger drastisch ein. Deshalb stellte medianet einigen Top-Tourismus-Profis die Frage: Brauchen wir russische Touristen in Österreich?

Kettner: „Wesentlicher Faktor”

„Mit rund 700.000 Nächtigungen pro Jahr waren russische Gäste ein nicht unwesentlicher Faktor für den Wiener Tourismus”, sagt Norbert Kettner, Tourismusdirektor der Stadt Wien. „Seit der Annexion der Krim 2014 ging die Nächtigungszahl jedoch beständig zurück. Mittlerweile liegt der Anteil der Nächtigungen unter einem Prozent. Der Ausfall kann allerdings ausgeglichen werden, da Wien breit und international aufgestellt ist. ”

Schlacher: „Vielfalt wichtig”

„Es ist sehr schwierig, auf diese Frage zu antworten, ohne sich in politischen Ansichten wieder zu finden”, meint Bernd Schlacher von der Motto Group. „Ich glaube nicht, dass wir sie zwingend brauchen, rein ökonomisch gesehen lag Russland bei den Ankünften in Wien auch schon in den Jahren vor 2019 an neunter Stelle der Quellenmärkte. Ich denke allerdings sehr wohl, dass wir sie dringend brauchen, um die Vielfalt aufrechtzuerhalten. Wien war schon immer ein Schmelztiegel, kulturell und kulinarisch. Da reicht ein Blick in diverse Speisekarten.

Es gab und gibt großartige Künstlerinnen und Künstler, Sängerinnen und Sänger, Schriftsteller wie Tolstoi, Komponisten wie Tschaikowski, gute und schlechte Menschen und daher ist meine Antwort auf Ihre Frage: Ja, wir brauchen russische Touristen und hoffen sehr, dass wir irgendwann wieder in die Normalität zurückfinden, wo wir uns über alle Gäste freuen dürfen.

Grießler: „Umsätze fehlen”

„2019 zeichneten Touristen aus Russland für mehr als 460.000 Nächtigungen verantwortlich und somit für rund 2,6 Prozent der Gästenächte”, so Markus Grießler, Obmann Tourismus, WKW. „In diesem Jahr liegt die Zahl bei bisher rund 0,6 Prozent. Diese weggefallenen Gästenächte werden gut durch andere Herkunftsländer ersetzt, die Hotellerie in Wien ist in den letzten Monaten sehr gut gebucht. Die Zahl der Gäste kann zwar ausgeglichen werden, die Gesamtumsätze, die mit Russen in der Stadt erzielt werden, jedoch nicht, da die russischen Touristen traditionell überdurchschnittlich viel Geld ausgeben.”

Reitterer: „Frage der Moral”

„Ein Einreiseverbot würde erstens auch Unbeteiligte sanktionieren, zweitens auch Kriegsgegner und Oppositionelle, die Russland verlassen wollen bzw. müssen”, sagt Michaela Reitterer, Boutiquehotel Stadthalle. „Ein Vergleich, bitte zurückdenken: Der Niedergang des Ostblocks, der Druck auf den Eisernen Vorhang entstand durch Ausreisewellen. Die brachten die Öffnung der Grenzen – nicht Einreiseverbote. Vor allem aber darf das keine Frage der Wirtschaft sein (…), es ist eine Frage der Moral und der Einheit der EU gegenüber einem Angriff auf Europa.”

Fleischhacker: Wertschöpfung

„Jeder internationaler Nächtigungsgast, der nach Österreich zu Besuch kommt, ist willkommen und bringt der Tourismuswirtschaft bzw. unserer Volkswirtschaft direkte, indirekte und induzierte Wertschöpfung”, meint Tourismusforscher Volker Fleischhacker. „Um die derzeitige markante touristische Nachfragekrise in Österreich mittel- bis langfristig zu beenden und wieder auf Wachstumskurs zu bringen, hat auch der Herkunftsmarkt Russland mit über 140 Mio. Einwohnern einen hohen Stellenwert.” 

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