•• Reinhard Krémer
Die tragischen Ereignisse im Nahen Osten belasten viele Menschen – nicht nur aufgrund des menschlichen Leids, sondern auch wegen ihrer unweigerlichen Auswirkungen auf die globale Wirtschaft und die Finanzmärkte. Konflikte dieser Art beeinflussen Energiepreise, Inflationserwartungen und das Risikosentiment der Anleger, sagt Rainer Hauser, Chief Investment Officer bei der Erste Group. Trotz kurzfristiger Unsicherheiten bleiben mehrere langfristige Investmentperspektiven unverändert. Dazu zählen unter anderem strukturelle Wachstumstreiber wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, die Energiewende, Infrastrukturinvestitionen sowie demografische Trends. Gleichzeitig beleuchtet das Update die Risiken eines anhaltend hohen Energiepreisniveaus und eines möglichen stagflationären Umfelds. Die gute Nachricht – die makroökonomische Basisannahme hält.
Eurozone wächst moderat
„Die Eurozone dürfte dank robuster Binnennachfrage moderat wachsen, da wir von nur vorübergehenden Störungen der Öl- und Gasversorgung ausgehen. Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte ihre Zinspolitik über das Jahr hinweg stabil halten. Mittel- und Osteuropa wird voraussichtlich schneller wachsen als der Euroraum, begleitet von schrittweisen Zinssenkungen in einigen CEE‑Ländern“, so Hauser.
Auch international bleiben die Grundtendenzen gültig. Die USA werden sich weiterhin in moderatem Tempo entwickeln, wenngleich mit hartnäckiger Inflation. In den Schwellenländern setzt sich der Trend fort: Chinas Wachstum verlangsamt sich, verschiebt sich jedoch zunehmend hin zu einer stärker konsumgetriebenen Struktur. In Indien bleibt die kräftige Inlandsnachfrage die treibende Kraft – trotz eines herausfordernden globalen Umfelds.
Digitalisierung und KI
„Die langfristigen Themen aus unserem Erste Insights 2026 sind nach wie vor die strategischen Eckpfeiler unseres Ausblicks. Dazu zählen die fortschreitende Digitalisierung und der wachsende Einfluss der Künstlichen Intelligenz, der mehrjährige Investitionszyklus der Energiewende – mit Ausbau von Netzen, Speichern und nachhaltigen Technologien – sowie die Modernisierung kritischer Infrastruktur in den entwickelten Volkswirtschaften“, sagt der Erste Group-CIO.
Demografische Entwicklungen
Ergänzt werden diese strukturellen Treiber durch demografische Entwicklungen, die unter anderem Gesundheitswesen, Pharma und ausgewählte Konsumsegmente prägen, sowie durch die Re-regionalisierung globaler Lieferketten.
Diese schafft weiterhin Chancen in Automatisierung, industrieller Produktion und resilienten Fertigungsnetzwerken. „Zusammengenommen bilden diese Faktoren die stabilen, mehrjährigen Säulen unserer Investmentstories“, so Rainer Hauser. Der Krieg im Nahen Osten betrifft die Märkte vor allem durch Energiepreise, Transportkosten und zunehmende Unsicherheit. Entscheidend ist daher die Frage, ob der jüngste Anstieg der Energiepreise nur eine kurzfristige Verwerfung darstellt oder über mehrere Monate anhält, meint Hauser.
Davon hängt ab, ob Märkte und Volkswirtschaften rasch zu dem Basisszenario zurückkehren können, oder ob ein Übergang in ein stagflationäres Umfeld droht, in dem Kaufkraft, Unternehmensgewinne und die Risikobereitschaft der Investoren gleichzeitig unter Druck geraten.
Zwei mögliche Szenarien
Zur Analyse hat Hauser zwei Szenarien entwickelt.
• Szenario 1 (die Effekte lassen schnell nach): Wenn sich die Energiemärkte in naher Zukunft beruhigen, bleibt der Inflationsimpuls vorübergehend und die Marktstimmung stabilisiert sich.
In diesem Fall würden Aktien in der Regel profitieren. Insbesondere europäische Aktien könnten sich erholen, sobald der Kostendruck nachlässt, und Schwellenmärkte würden an Stärke gewinnen.
Staatsanleihen in Europa und den USA würden durch sinkende Inflationssorgen gestützt, während Unternehmensanleihen (Europa/USA) von sinkenden Kreditspreads profitieren würden.
Unter alternativen Investitionen würden Energiegüter einen Teil ihrer Krisenprämie verlieren, während Industriemetalle von einem intakten Wachstumsausblick profitieren würden.
• Szenario 2 (die Effekte bleiben bestehen): Wenn die Energiepreise weiterhin hoch bleiben, wird der Schock wirtschaftlich erheblich: Die Kaufkraft sinkt, die Gewinnmargen stehen unter Druck, und die Inflation bleibt hoch. Zudem wird der Spielraum der Zentralbanken, die Zinsen zu senken, eingeschränkt. Das ist das klassische Stagflationsrisiko.
Infolgedessen würden Aktien insbesondere in Europa unter Druck geraten. US-Aktien könnten sich im Verhältnis besser halten, während Schwellenländer mit zusätzlichem Gegenwind rechnen müssten.
Europäische Staatsanleihen könnten aufgrund anhaltenden Inflationsdrucks und steigender Renditen an Wert verlieren. Anleihen aus Schwellenländern sowie Unternehmensanleihen schwächen sich in einem solchen Umfeld typischerweise ab, da sich die Kreditspreads ausweiten. Auf der alternativen Seite sollten Gold und Energiegüter attraktiver werden, während Industriemetalle wahrscheinlich weniger bevorzugt wären.
