FINANCENET
Vom Schreckgespenst zum besten Freund © Panthermedia/James Teohart
© Panthermedia/James Teohart

reinhard krémer 28.09.2018

Vom Schreckgespenst zum besten Freund

„Open Banking”, die ungeliebte Öffnung von Finanzdaten für Drittanbieter, bietet der Finanzbranche neue Chancen.

••• Von Reinhard Krémer

WIEN. „Open Banking”, also die Öffnung von Finanzdaten für Drittanbieter, hat sich allerorten als Schreckgespenst gezeigt: Verbraucher reagieren verunsichert, die Finanzbranche ortet unerwünschte Konkurrenz. Dabei bietet sie auch Chancen, wie eine Studie der internationalen Unternehmensberatung A.T. Kearney zeigt.

Alles von allen

Die neue „PSD2 Open Bank-Richtlinie” ermöglicht seit Anfang dieses Jahres allerorten neue und teils ungewöhnliche Entwicklungen. So können zum Beispiel die Bank, der E-Mail-Anbieter oder Facebook alle Zahlungen für den Verbraucher leisten, den Stromtarif auf Basis des Verbrauchs optimieren oder bei jedem Urlaub eine Reiseversicherung abschließen. Das sind ungewohnte und massive Änderungen im täglichen Leben. A.T. Kearney befragte 20.000 Konsumenten in Europa und den USA, davon 500 in Österreich, was sie von dieser neuen Chance halten.

Das Fazit: Überzeugen Service und Mehrwert, dann sind Kunden bereit, ihre Finanzdaten mit Dritten zu teilen.

Aufgeschlossene Österreicher

Studienautorin Daniela Chikova, Partnerin Financial Services bei A.T. Kearney: „41 Prozent der Österreicher würden ihre Finanzdaten mit einem Drittanbieter teilen, wenn so ihre Steuern oder Sozialleistungen automatisch verwaltet werden könnten. Jeder dritte Befragte ist auch daran interessiert, seine Versorgungszahlungen (Gas-, Strom-, aber auch Mobilfunkrechnungen) auf diesem Weg zu optimieren.”

Wer also den Stromanbieter, Versicherer, Netzbetreiber, etc. wechseln möchte, der kann bald auf Vergleichsplattformen à la Durchblicker & Co. verzichten, da die Internetpräsenz der Hausbank diese Aufgabe übernimmt oder sogar aktiv die besten Tarife und Konditionen anbietet. Ob Open Banking zur Erfolgsgeschichte wird, hängt in erster Linie vom Vertrauen der Konsumenten ab. Die meisten Verbraucher erwarten, dass ihre Daten sicher sind und ernsthaft geschützt werden – die Österreicher sind hierbei besonders skeptisch.

Prüfstein Datensicherheit

Nur 24% der Befragten wären bereit, Dritten einen Zugriff zu gewähren. In Osteuropa sind die Bedenken in Bezug auf Datenschutz deutlich geringer. 44% der Kroaten und 39% der Italiener beantworteten diese Frage positiv. Für 34% der Österreicher ist die Sicherheit das wichtigste Kriterium, 18% würden Open Banking immerhin aus Bequemlichkeit erlauben. Genau hier können die alteingesessenen Hausbanken der frisch geschlüpften Konkurrenz aus dem Netz die Stirn bieten. Überwältigende 78% der österreichischen Konsumenten vertrauen ihrer Primärbank am meisten.

Ungeliebter Bankwechsel

Im Gegensatz dazu sind Internet­riesen wie Amazon, Google & Co mit 14% hier weit abgeschlagen. Dazu kommt, dass die Österreicher kaum Lust auf einen Wechsel der Bank aufweisen. Nur zwölf Prozent der Österreicher spielen mit dem Gedanken, die Hausbank zu wechseln – der europäische Durchschnitt liegt bei 21%.

Auf ihren Vertrauens-Lorbeeren sollten sich die Banken trotzdem nicht ausruhen, denn mit PayPal ist noch ein Internet-Player im Rennen. Bereits heute vertrauen 58% der Europäer PayPal. Das ist ein bedeutendes Treuekapital, das die Firma in nur 20 Jahren ihres Bestehens aufgebaut hat., so die Studie.
Grund dafür: „PayPal ist nicht nur bequem, sondern nachweislich auch sicher”, so der zweite Studienautor Achim Kaucic, Principal Financial Services bei A.T. Kearney. Für die anderen Internetriesen ist Open Banking trotzdem eine Option, ermöglicht es doch, eigene Finanzdienstleistungen zu erweitern. So bietet Amazon über Visa schon heute eine Kreditkarte an.

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