••• Von Martin Rümmele
Das Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI) hat mit Ute Van Goethem eine neue Präsidentin. medianet sprach mit ihr über ihre Pläne, die Situation im Gesundheitswesen und Rahmenbedingungen, wie den Preisdruck in den USA und Störungen in Lieferketten durch den Krieg im Nahen Osten.
medianet: Was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit im FOPI?
Ute Van Goethem: Wir vertreten 25 innovative forschende Unternehmen und wichtig ist den Wert von Innovation hervorheben. Und damit ist dann auch der rasche, unbürokratische Zugang für Patientinnen und Patienten zu Innovation verbunden. Ich denke, wir haben nach wie vor sehr viele Stärken in unserem Gesundheitssystem. Das spürt man auch, wenn man Zeit im Ausland verbringt. Wir wollen deshalb konstruktiv in den Dialog kommen, damit wir das Positive, das wir haben, halten und weiter verbessern können.
medianet: Was sind die konkreten Anliegen?
Van Goethem: Gerade im Spitalsbereich haben wir einen sehr raschen Zugang zu innovativen Medikamenten. Das neue Bewertungsboard wäre gut, wenn es eine positive Bewertung für Medikamente oder für Innovation gibt und dann auch die Bezahlung national gesichert ist. Hier braucht es aber eben noch die Verbesserung, damit letzteres gesichert ist. Prinzipiell gibt es beim Zugang im niedergelassenen Bereich mit dem Erstattungskodex Herausforderungen. Ganz konkret geht es um die 10%-Regelung beim Erstattungspreis, wodurch eine neue Innovation günstiger sein muss als die billigste Vergleichssubstanz. Patientenfreundlichere Dosierungen oder auch Darreichungsformen werden vom System so nicht berücksichtigt. Das kommt speziell zum Tragen, wenn es um Indikationserweiterungen geht. So kriegen wir aber keine Indikationen mehr in die Regelverschreibung. In der Pädiatrie zum Beispiel haben wir mittlerweile 76% nur noch über chefärztliche Bewilligung und das ist aufwändig.
medianet: Haben Sie das Gefühl, dass Politik und Kassen offen sind dafür, oder wird jetzt einfach überall gespart?
Van Goethem: Gesprächsbereitschaft sehe ich schon. Es gibt Themen, da finden wir Ansatzpunkte im Gespräch. Die 10%-Regelung stur durchzuziehen, ist etwas, das für uns so nicht mehr funktioniert, weil Innovation oft in Schritten passiert. Nach der Zulassung werden Medikamente weiterentwickelt. Das wollen wir ja alle. Wir wissen aber, dass gerade bei chronischen Erkrankungen eine Option oft nicht ausreicht, um eine gute State-of-the-Art-Patientenversorgung zu ermöglichen. Es braucht Vielfalt, und das funktioniert mit dieser Spirale nach unten in der Preisgestaltung nicht. Dann kommt das Thema Studien und Studienstandort dazu.
medianet: Wie sehen Sie das?
Van Goethem: Es ist etwas, wo es viel Gesprächsbereitschaft gibt und da ist der Dialog leichter. Natürlich sagen alle: Super, wenn wir Studien nach Österreich bringen. Konzerne bringen Studien aber nur dann nach Österreich, wenn wir auch den Zugang zu Innovation in Österreich schaffen, weil das eine unmittelbar mit dem anderen verbunden ist. Wir sehen leider eine Entwicklung in Österreich, die diesbezüglich nicht besonders positiv oder eigentlich negativ ist. Wir haben rückläufige Studienplatzierungen in Österreich. In den vergangenen drei Jahren sind 28 Prozent weniger gestartet, weil andere Standorte besser funktionieren. Studien sind ein wichtiger Faktor sind. Wir haben ungefähr 4.200 Patienten jährlich in Studien in Österreich. 2021 investierten Österreichs Unternehmen der pharmazeutischen Industrie 426 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung. Das ist oft gar nicht bewusst.
medianet: Sieht das die Politik oder hören Sie da nur Lippenbekenntnisse?
Van Goethem: Dass diese Dinge ankommen, denke ich schon. Was wir damit machen, ist das andere Thema. Wir wünschen uns, dass wir ins Tun und ins Umsetzen kommen. Die Life-Science-Strategie ist im Regierungsprogramm verankert. Bis jetzt sind es aber Überschriften, und die müssen jetzt gemeinsam mit klaren Aktionen besetzt werden. Sonst bleibt es bei Absichtserklärungen.
medianet: Haben Sie das Gefühl, dass da wirklich etwas passiert? Jetzt ist Life Science nur ein Absatz in der Industriestrategie.
Van Goethem: Wir werden nicht müde, es immer wieder aufs Tapet zu bringen. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, Forschungsanreize zu schaffen, Bürokratie abzubauen und zu verstehen, wo unsere Stärken sind und auf diese Stärken zu bauen.
Ein positives Signal ist dieses Center for Translational Medicine am AKH, das im Oktober eröffnet wird, wo man merkt, dass die akademische Forschung mit der Industrie zusammenarbeiten möchte.
medianet: Wie sehen Sie das Thema Versorgung mit Arzneimitteln einerseits generell, weil die Forschung und Entwicklung nicht mehr so stark in Europa stattfindet und die Produktion schon gar nicht? Und verschärft sich das jetzt auch noch durch die aktuelle Kriegssituation im Nahen Osten?
Van Goethem: Die Diskussion um Preisgestaltung findet nicht nur innerhalb Europas statt, sondern ist mit der Diskussion in den USA noch viel globaler geworden. Da sehen wir das Risiko, dass internationale Konzerne immer mehr unter Druck kommen, dass gewisse Innovationen in manchen Ländern im schlimmsten Fall nicht oder verzögert auf den Markt kommen, weil man in der Diskussion um Referenzpricing entsprechend Verzögerung erfährt. Das Thema ist aber auch mehr angekommen bei den Entscheidungsträgern. Die geopolitische Situation ist ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor. Wenn Sie Versorgung ansprechen, also Lieferketten et cetera, da gibt es sehr viel Fokus international darauf, dass das gesichert ist und wird.
