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Die Hand am Gashahn © Martina Draper

Gudrun Meierschitz

© Martina Draper

Gudrun Meierschitz

Helga Krémer 11.03.2022

Die Hand am Gashahn

Könnte Europa den Ausfall russischer Gasimporte einfach so wegstecken? Eine aktuelle Studie der Kreditversicherer Acredia und Euler Hermes versucht eine Beantwortung der heiklen Frage.

WIEN. Es wird für Europa nicht leicht werden, sollten die russischen Gasimporte wegfallen, immerhin decken sie 36% des gesamten Gasbedarfs der EU. Eine Studie des österreichischen Kreditversicherers Acredia in Zusammenarbeit mit der Kreditversicherungsgruppe Euler Hermes hat errechnet, dass fast 10% des gesamten Energiebedarfs der EU bei einem Ausfall gefährdet wären. Vor allem Ungarn, Slowenien, Tschechien, Lettland und Deutschland wären betroffen, da mehr als 20% des Energiebedarfs dieser Länder von russischem Erdgas abhängen.

„Die Lage in Österreich schaut nicht besser aus“ erläutert Acredia-Vorständin Gudrun Meierschitz. „Dreht Russland den Gashahn zu, wären 19 Prozent unserer Energieversorgung gefährdet. In dem Fall gäbe es drei Möglichkeiten: mehr Erdgas aus anderen Ländern importieren, mehr Energie aus anderen Quellen erzeugen und die Erdgas-Nachfrage durch erhöhte Preise drosseln.“

Europa habe drei Möglichkeiten, einen Ausfall zu kompensieren. Zum einen könnten andere Länder einspringen. Die Kapazitäten sind jedoch begrenzt und hängen von der Infrastruktur ab. Zum anderen könnten erneuerbare Energiequellen die Lücke schließen, was aber einer gemeinsamen Anstrengung aller EU-Länder bedarf. Schließlich könnte die Nachfrage durch dauerhaft erhöhte Preise gedrosselt werden.

Import aus anderen Ländern erhöhen
Europas Gasspeicher sind derzeit zu 29% gefüllt, das reicht bei diesem milden Winter bis Ende März. Im Sommer müssen die Reserven wieder aufgefüllt werden. Es gibt zwar erste Bestrebungen der EU mehr Erdgas aus Ländern wie Algerien und Qatar zu beziehen. Die begrenzten Kapazitäten würden allerdings nur einen Zeitpuffer von drei Tagen schaffen. Ein Umstieg auf andere Lieferländer setzt zudem einen Zugang zum Pipeline-Netzwerk voraus, was nicht bei allen potenziellen Partnern der Fall ist.

Energiehoheit durch erneuerbare Energie zurückgewinnen
„Um die Energiehoheit zurückzugewinnen, ist es wichtig, dass Europa jetzt einen ambitionierten und koordinierten Plan entwickelt“ fordert Meierschitz. „Nur so kann die Energiesicherheit für den nächsten Winter gewährleistet werden.“

Um die Gasimporte aus Russland zu ersetzen, müsste die Produktion aus erneuerbarer Energie um 1 Exajoule (278 TWh) pro Jahr gesteigert werden. Dazu sind jährliche Investitionen von 170 Mrd. € notwendig, das entspricht 1,3% des europäischen BIP. Für Österreich würde das bedeuten, dass die Produktion aus Solar- und Windenergie um je 38% und aus Bio-Gas um 20% gesteigert werden müsste.

Nachfrage reduzieren
Wie sich erhöhte Preise auf die Stromnachfrage auswirken, hat Fukushima gezeigt. Damals verlor Japan auf einen Schlag 27% seiner Atomenergie. Aufgrund dieser Erfahrungen geht die Studie davon aus, dass die Erwartung von einem dauerhaften Preisanstieg von plus 40% für Strom und plus 100% für Gas, die Nachfrage zwischen 8 und 10% reduzieren würde. Der Anstieg der Handelspreise in der EU in den letzten 12 Monaten von plus 30% bei Strom und plus 50% bei Gas ist bereits ein Schritt in diese Richtung. „Stoppt Russland die Gaslieferungen, dann ist ein Preis von 200 Euro/MWh möglich“ kalkuliert Meierschitz. „In Österreich würde das die Stromnachfrage um acht Prozent reduzieren.“

Relativ einfach ließe sich der Gasverbrauch bei der Stromproduktion senken. In Österreich gibt es laut Gas Connect Austria derzeit 59 Kraftwerke, die Strom mit Erdgas erzeugen. Bei einem Ausfall der russischen Gaslieferungen, würde die heimische Stromproduktion um 14% sinken. Dies ließe sich zumindest teilweise durch eine Steigerung der Stromproduktion aus Alternativquellen wettmachen. (hk)

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