INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Vorsichtig abwartend © pixabay / Janno Nivergall
© pixabay / Janno Nivergall

Helga Krémer 20.05.2022

Vorsichtig abwartend

Der Bank Austria Branchenüberblick ortet positives Branchenklima im Frühjahr 2022 – trotz erhöhtem Materialmangel und wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit.

WIEN. Österreichs Wirtschaft hat den Schwung vom Vorjahr in das laufende Jahr mitgenommen. Im Sektordurchschnitt ist das Branchenklima noch im April 2022 in der Industrie, am Bau und im Dienstleistungssektor positiv geblieben. Für die Ermittlung des Branchenklima-Indikators werden die Entwicklung der Produktion und Umsätze bis März 2022 den Konjunkturbefragungsergebnissen vom April 2022 gegenübergestellt.

Der aktuelle Branchenüberblick der UniCredit Bank Austria zeigt, dass nach dem wachstumsstarken ersten Quartal 2022 die unternehmerischen Erwartungen bis April in allen Sektoren im Wachstumsbereich geblieben sind. Zudem berichten die Unternehmen sowohl in der Industrie als auch am Bau gut gefüllte Auftragsbücher. Dennoch sind die Produktionserwartungen für die nächsten Monate in einigen größeren Industriebranchen, vermutlich aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheiten, pessimistischer geworden. Auch der Vormaterialmangel, der sich Anfang 2022 in vielen Produktionsbranchen schon etwas entspannt hatte, sei zuletzt in der Aprilbefragung wieder gestiegen und dämpfe die Stimmung. „In Summe lassen die jüngsten Konjunkturbefragungsergebnisse den Schluss zu, dass die heimische Wirtschaft ein langsameres Tempo einschlägt, aber bei einem Abklingen der kriegsbedingten Turbulenzen das hohe Wachstum vom ersten Quartal rasch wieder aufnehmen könnte,“ sagt UniCredit Bank Austria-Ökonom Günter Wolf.

Industriewachstum wird schwächer
Mit Ausbruch des Ukrainekriegs hat sich der Materialmangel in der Industrie verschärft. Für das 2. Quartal erwarten 48% der Industrieunternehmen erhebliche Produktionsbehinderungen durch Engpässe und Probleme bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen; im ersten Quartal waren es 38%. Besonders ausgeprägt ist der Materialmangel in der Kfz-Industrie, wo 84% der Unternehmen über fehlende Vorprodukte klagen, sowie im Maschinenbau und der Elektroindustrie mit Anteilen von jeweils rund 60%. Über dem Sektordurchschnitt liegt Vormaterialmangel auch bei den industriellen Bauzulieferern. Darüber hinaus wurden von den größeren Industriebranchen keine nennenswerten Lieferkettenprobleme berichtet.

Im zweiten Quartal 2022 ist zwar aufgrund des sehr hohen Produktionswachstums 2021 von 26% mit einer leichten Abschwächung der Industrieproduktion im Vorjahresvergleich zu rechnen. Allerdings zeigen die Ergebnisse der Unternehmensbefragungen, dass die Industriekonjunktur trotz des Materialmangels bisher in Schwung geblieben ist. Im April lag die Kapazitätsauslastung im Sektordurchschnitt bei 89% und damit weiterhin über dem Vorkrisenniveau. Zudem waren die Auftragsbücher gut gefüllt, gemessen am positiven Saldo der Auftragsbeurteilungen von zwölf Prozentpunkten. Im Vergleich dazu wurde im wachstumsstarken Jahr 2018 für die Auftragsbeurteilung ein Saldo von unter sechs Prozentpunkten ermittelt. Und nicht zuletzt sind die Produktionserwartungen für die nächsten Monate im Industriedurchschnitt per Saldo zwar vorsichtiger geworden, aber im Wachstumsbereich geblieben.

Ein Blick auf die Bauwirtschaft
„Die Baukonjunktur bleibt 2022 voraussichtlich auf Wachstumskurs, wird aber im Vergleich zum Vorjahr an Schwung verlieren. Die Hochbaukonjunktur bremsen die schwache Nachfrage nach Büros und Einzelhandelsbauten und die Budgetbeschränkungen im öffentlichen Hochbau. Zudem wurde im Wohnbau der Nachfrageüberhang großteils schon abgebaut“, so Wolf. Die Neubaubewilligungen im Wohnbau seien seit zwei Jahren rückläufig, seit dem
4. Quartal 2021 auch im Einfamilienhausbau. Weitere stärkere Wachstumsimpulse könne die Bauwirtschaft 2022 im Bereich der Hochbausanierung und voraussichtlich im Tiefbau erwarten. Beide Sparten profitieren von den Förderungen für Klimaschutzmaßnahmen. (hk)

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