INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Weltweit Spitze: Blockchain Initiative Logistik © Nadja Nemetz

Gerd Marlovits, Geschäftsführer der Editel Austria GmbH.

© Nadja Nemetz

Gerd Marlovits, Geschäftsführer der Editel Austria GmbH.

Redaktion 22.08.2019

Weltweit Spitze: Blockchain Initiative Logistik

Als ersten konkreten Anwendungsfall hat sich „BIL“ die global erste Branchenlösung der Digitalisierung von Frachtdokumenten ausgesucht.

WIEN. Die Blockchain wird als Zukunftstechnologie in vielen Branchen zu einem nachhaltigen Wandel führen, und gerade im Bereich Transport, Logistik und Supply Chain besteht großes Potenzial für neue Geschäftsmodelle. Der dänische Logistikgigant Maersk beispielsweise wickelt bereits 800 Schiffe logistisch und versicherungstechnisch über die Blockchain ab.

Um die Potenziale der Blockchain für die österreichische Logistikbranche zu nützen, haben die Transportunternehmen DB Schenker, Lkw Walter und GS1 Austria, der EDI-Dienstleister Editel Austria, die Bundesvereinigung Logistik Österreich (BVL), die Prüfungs- und Beratungsorganisation EY sowie der WU Wien ein Pilotprojekt gestartet: Mit der gemeinsam gegründeten „Blockchain Initiative Logistik“ (BIL) soll die erste Branchenlösung für Transport und Logistik auf der Blockchain entwickelt werden. Die Pilotphase läuft bis Dezember 2019, neue Partner können noch einsteigen.

75 Millionen Prozesse pro Jahr
Der erste konkrete Anwendungsfall ist die Digitalisierung von Dokumenten wie Frachtbriefen (CMR). Dadurch können jährlich rund 75 Mio. Prozesse österreichischer Logistiker automatisiert werden. Zudem können bis zu zwölf Mio. Blätter Papier eingespart werden: Frachtdokumente sind meist papierbasiert und deren Handhabung und Übergabe erfolgt daher oft unkontrolliert.

„Die Blockchain birgt für alle Branchen, speziell jene mit vielen standardisierten Prozessen wie Transport und Logistik, enormes Potenzial, wenn man die Technologie richtig einsetzt“, erklärt Michael Schramm, Leiter des EY Blockchain Kompetenzzentrums im deutschsprachigen Raum. „In diesem Pilotprojekt wollen wir Frachtdokumente mittels Blockchain digitalisieren und damit Verfügbarkeit, Zugriff und Weiterverarbeitung der Dokumente zu jedem Zeitpunkt transparent und sicher für alle Prozessteilnehmer aufsetzen.“ Bei der Umsetzung des Projekts wird auch der neue internationale Standard für den elektronischen Frachtbrief „e-CMR“ berücksichtigt, der noch nicht in allen Ländern ratifiziert ist.

Nach zwei erfolgreichen Projekten gemeinsam mit der Stadt Wien für die Implementierung von Blockchain in der öffentlichen Verwaltung, die international viel Aufmerksamkeit bekommen haben, startet das Blockchain-Kompetenzzentrum von EY mit Sitz in Wien das nächste Pilotprojekt. „Wir wollen gemeinsam mit den Partnern der Blockchain Initiative Logistik nichts weniger erreichen als die Revolution der Logistik-Branche“, benennt Schramm die hochgesteckten Ziele. „Es geht um eine neutrale Plattform auf Basis der Blockchain-Technologie, wo die Frachtdokumente für alle Beteiligten nachvollziehbar einzusehen sind. Aufgrund des breiten Know-hows, das in der Initiative gebündelt ist und durch neue Partner laufend angereichert wird, sind wir sehr optimistisch, diese Vision auch Realität werden zu lassen.“

Top-Partner bereits zum Start
Bereits zum Start des Pilotprojekts beteiligen sich die renommierten Partner DB Schenker, Lkw Walter, GS1 Austria, Editel Austria, BVL und die Wirtschaftsuniversität Wien an der Blockchain Initiative Logistik. Weitere Unternehmen und Institutionen können auch nach dem Startschuss jederzeit einsteigen. „Wir treiben Digitalisierungsinitiativen im Logistikbereich intensiv voran, um unseren Kunden damit noch effizientere Lösungen anbieten zu können“, sagt Alexander Winter, Vorstandsvorsitzender von DB Schenker in Österreich und Südosteuropa. „Dabei wollen wir aktiv am Prozess teilnehmen und neue Standards setzen. Blockchain-Technologien bieten gerade für die Logistik enorme Potenziale. Wir beschäftigen uns bereits seit einiger Zeit mit deren Einsatz und tauschen uns intensiv mit unseren Projektpartnern der Blockchain Initiative Logistik aus, um gemeinsam die Anwendungen von Blockchain-Technologien weiterzuentwickeln.“

Auch Lkw Walter war von Anfang an von der Initiative überzeugt: „Da sich unsere Geschäftspartner auf Lkw Walter als Marktführer und kompetenten Ansprechpartner auch im Bereich Innovation verlassen, wollen wir diese Erwartungshaltung natürlich erfüllen. Durch den Forschungsgedanken des Innovationsteams sind wir ständig dabei, neue Technologien zu testen und deren Relevanz für uns und unsere Partner zu evaluieren“, meint Innovationsmanager Matthias Leibetseder.

Zu den Gründungsmitgliedern gehört auch der führende Spezialist für Elektronischen Datenaustausch, Editel Austria GmbH. Geschäftsführer Gerd Marlovits: „Auch wenn Blockchain bestehende EDI-Prozesse vorerst nicht ersetzen wird, bietet sich für uns als EDI-Provider hier eine gute Möglichkeit, wichtige Einblicke und Synergien zu gewinnen. Diese möchten wir auch in unsere künftigen Lösungen einfließen lassen.“

Die Initiative soll international „funktionieren“
Auch GS1 Austria-Geschäftsführer Gregor Herzog ist überzeugt, „dass diese Technologie zur Speicherung von Daten auch disruptives Potenzial für Logistik und Supply Chain Management hat. Die damit einhergehenden Entwicklungen sind daher äußerst relevant für GS1 Austria als Datendrehscheibe und wir freuen uns, dazu einen Beitrag leisten zu dürfen.“

Als stärkstes Logistiker-Netzwerk Österreichs ist auch der Bundesverband Logistik (BVL) als Know-how-Geber und Multiplikator dabei. Gerald Gregori, Vizepräsident des BVL Österreich und seit Jahren als Berater in der Logistikbranche aktiv: „Gerade in der Logistik ist die Digitalisierung der Prozesse eines der zentralen Erfolgskriterien und bereits seit vielen Jahren im Laufen. Die Idee, Blockchain-Technologie und den e-CMR zu kombinieren, ist genau der richtige Schritt: Betriebliche Anforderungen und neue technologische Möglichkeiten werden zu einer Standardanwendung kombiniert, die auch international funktionieren wird.“

Grenzenlos aktiv
Ein Blick auf eine andere überregionale Initiative beweist das enorme Potenzial dieser Initiative „Made in Austria“: Über die Blockchain-Plattform TradeLens des oben erwähnten dänischen Logistikers Maersk und anderen Carriern soll schon bald annähernd die Hälfte (!) der weltweiten Seecontainertransporte laufen, wodurch eine noch effizientere Zusammenarbeit in den Lieferketten die Rahmenbedingungen im Welthandel optimieren soll.

TradeLens ermöglicht es den Teilnehmern, sich über das gesamte Ökosystem der Lieferkette hinweg zu verbinden, Informationen auszutauschen und digital zusammenzuarbeiten. Die Mitglieder erhalten einen umfassenden Überblick über ihre Daten, während sich die Fracht um die ganze Welt bewegt. So kann eine transparente, sichere und unveränderbare Aufzeichnung der jeweiligen Transaktionen erstellt werden. Blockchain erstellt eine gemeinsame, unveränderliche Aufzeichnung aller Transaktionen, die innerhalb eines Netzwerks stattfinden, und ermöglicht berechtigten Parteien den Zugriff auf vertrauenswürdige Daten in Echtzeit.

Mit mehr als 100 Teilnehmern auf der Plattform verarbeitet TradeLens bereits heute mehr als zehn Mio. einzelne Versandvorgänge und Tausende von Dokumenten pro Woche und bietet Verladern, Spediteuren, Frachtführern, Zollbeamten, Hafenbehörden, Binnentransportunternehmen und anderen Beteiligten einen durchgängigen Überblick über alle Transaktionen und schafft damit Vertrauen. Die Einhaltung von Datenbesitzrechten und der genehmigte Datenzugriff tragen dazu bei, Privatsphäre und Vertrauen zu gewährleisten und ermöglichen den Nutzern, durch den Echtzeitzugriff auf Lieferdaten effizienter zusammenzuarbeiten.

Steigendes Potenzial für alle
TradeLens ist darauf ausgerichtet, die Supply-Chain-Branche zu verändern und allen Beteiligten, von Spediteuren über Häfen und Terminalbetreibern bis hin zu Binnentransportanbietern, Zoll- und anderen Regierungsbehörden und letztlich den Kunden selbst, einen Mehrwert zu bieten.

So profitieren z.B. Frachteigentümer wie Procter und Gamble von der Aufnahme weiterer Container-Reedereien auf der Plattform. „P&G verschifft jedes Jahr ein erhebliches Volumen an Seecontainern“, sagt Michelle Eggers, Director Global Logistics Purchases, P&G. „Unabhängig davon, ob diese mit unseren Produkten oder mit Produktionsmaterialien gefüllt sind, hilft uns das Verständnis über den jeweiligen Containerstandort und -status dabei, die Lieferkette effizient(er) zu managen. Wir sind davon überzeugt, dass die Branche von der Transparenz und Genauigkeit von Blockchain-Lösungen profitieren wird, und wir sehen steigendes Potenzial, je größer die Lösung wird.“ (pj)

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