LUXURY BRANDS & RETAIL
Grüne Goldstücke © Schullin
© Schullin

britta biron 19.11.2021

Grüne Goldstücke

Mehr als nur schöner Schein - Dem Beispiel der ­Modeindustrie folgend, erkennen jetzt auch ­immer mehr Marken der Uhren- und Schmuckbranche, dass Umwelt-, Arten- und ­Klimaschutz sowie soziale Verantwortung zu entscheidenden Erfolgsfaktoren werden.

Paris/Genf/London. Wie schmutzig das Geschäft mit Mode und Acces­soires auch im Luxussektor ist, wurde in den letzten Jahren immer vehementer thematisiert, und die Marken haben sich diese Kritik zu Herzen genommen und bei ihren Nachhaltigkeitsprogrammen kräftig Gas gegeben. Jetzt ziehen ihre Schwestern aus dem Uhren- und Schmucksegment nach.

Zwar sind deren Produkte auf den ersten Blick ohnehin wesentlich nachhaltiger, als Textilien oder Lederwaren, denn Abfall wird ob der kostbaren Materialien, mit denen man arbeitet, ohnehin vermieden, und der Wiederverkaufsmarkt ist längst gut etabliert. Aber vom glanzvollen Image bleibt recht wenig übrig, wenn man einen Blick auf die Gewinnung der Grundmaterialien wirft. Und das betrifft nicht nur die Umweltbelastungen, die durch den Abbau von Gold, Silber, Platin und Edelsteinen verur­sacht werden, sondern auch die zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen der Arbeiter in den Minen.

Schmutziges Business …

Die Organisation Human Rights Watch hat 2019 und 2020 die Beschaffungspraktiken für Gold und Diamanten von 15 großen Uhren- und Schmuckmarken, darunter die Nobelbrands Chopard, Tiffany, Rolex, Bulgari, Cartier und Harry Winston, analysiert und kommt im Bericht, der Ende 2020 präsentiert wurde, zu einem durchwachsenen Ergebnis. Zwar haben viele Unternehmen Fortschritte gemacht, was den verantwortungsvollen Einkauf von Gold und Diamanten angeht. „Dennoch erhält der Endverbraucher noch immer keine angemessene Zusicherung, dass die Produkte frei von Menschenrechtsverletzungen entstanden ist”, konstatiert Juliane Kippenberg, stellvertrende Direktorin der Kinderrechtsabteilung von Human Rights Watch.
Die Mehrheit der Hersteller kann oder will nicht angeben, aus welchen Minen ihr Gold bzw. ihre Diamanten stammen, noch prüfen oder thematisieren sie, welche Bedingungen in den Minen und an anderen Punkten der Lieferkette herrschen. Nur wenige Firmen haben eine Risikobeurteilung ihrer Lieferketten im Hinblick auf Covid-19 vorgenommen oder aktiv Maßnahmen ergriffen, um die Rechte von Arbeitern jenseits der eigenen Belegschaft zu schützen. „Trotz der Fortschritte könnten die meisten Hersteller weitaus mehr tun und Informationen dazu öffentlich machen”, ist Kippenberg überzeugt.

… soll sauberer werden

Zwei große Player sehen das ähnlich: Kürzlich haben Cartier, eine der Top-Marken des Richemont-Konzerns, und die Kering-Gruppe, zu der die Schmuckbrands Boucheron und Pomellato sowie die Uhrenhersteller Ulysse Nardin und Girard-Perregaux gehören, in Zusammenarbeit mit dem Responsible Jewellery Council das Nachhaltigkeitsprogramm „Watch and Jewellery Initiative 2030” gestartet. Geht es nach den Initiatoren, will man kein exklusiver Kreis bleiben, sondern hofft auf rege Beteiligung möglichst vieler weiterer Unternehmen.
„Die Uhren- und Schmuckbranche ist in ihrer Wertschöpfungskette weltweit auf die wertvollen Ressourcen der Erde und auf menschliches Know-how angewiesen. Die Notwendigkeit, innerhalb des Sektors gemeinsam zu handeln, um eine positive Wirkung zu erzielen, ist zwingender denn je”, kommentiert Cartier-CEO Cyrille Vigneron.
Das Programm konzentriert sich auf die Kernthemen Klimaschutz & Reduzierung der Emissionen, Arten- und Umweltschutz und Förderung von Inklusivität.
So sollen alle teilnehmenden Unternehmen ab dem nächsten Jahr die Auswirkungen der Rohstoffbeschaffung auf Biodiversität und Wasser mit fundierten wissenschaftlichen Methoden ermitteln. Bis 2025 sollen dann konkrete Pläne erarbeitet werden, um die Belastungen zu reduzieren. Weiters soll der Energieverbrauch gesenkt und auf erneuerbare Energien umgestellt werden, die Kreislaufwirtschaft forciert und Maßnahmen gesetzt werden, um Arbeiter und Natur vor schädlichen Stoffen zu schützen.
Eine Mammutaufgabe, aber laut Iris Van der Veken, Executive Director des Responsible Jewellery Councils, eine, die man jetzt in Angriff nehmen muss: „Business as usual ist keine Option mehr.”

Mehr Recycling

Ob der Masterplan von Kering und Cartier gelingt, wird sich zeigen. Daneben gibt es in beiden Konzernen eine Reihe kleinerer, aber sehr engagierter Nachhaltigkeitsprojekte.
Unter den Neuheiten der Richemont-Marke Panerai, die bei der diesjährigen Watches & Wonders-Uhrenmesse präsentiert wurden, war zum Beispiel ein ganz besonderes Modell: Die Submersible eLAB-ID besteht zu 98,6% (bezogen auf das Gewicht) aus Materialien mit einem hohen Recyclinganteil. Gehäuse, Zifferblatt und Brücken sind aus EcoTitanium, einer Legierung mit 80% Altmetall. Die SuperLuminova-Beschichtung von Zeigern und Zifferblatt stammt zu 100% aus der Wiederaufbereitung, ebenso wie das Silizium für die Hemmung des Uhrwerks.
Zur Beschaffung der für diese völlig neu entwickelte Uhr benötig­ten, recycelten Materialien musste Panerai eine komplett neue Lieferkette aufbauen und sich auch Partner abseits der Uhrenszene, wie etwa der Luft- und Raumfahrt oder dem Automobilbau, mit ins Boot holen.
Während Marken die Details zu besonderen Innovationen üblicherweise streng geheim halten, will Panerai-CEO Jean-Marc Pontroué das Know-how, das bei der Entwicklung und Fertigung der edlen Recycling-Uhr gewonnen wurde, gerne mit anderen teilen.
„Wir würden uns freuen, wenn alle unsere Kollegen in der Schweiz und auf der ganzen Welt mit denselben Lieferanten Kontakt aufnehmen und die gleichen Materialien verwenden würden”, wünscht er sich explizit möglichst viele Nachahmer. Schließlich gehe es nicht nur um den eigenen Erfolg, sondern darum, die drohende Umweltkrise und ihre globale Auswirkungen zu bekämpfen, und das erfordert auch globales Engagement.
Auch die Kering-Marke Pomellato ist in Sachen Recycling kreativ und setzt auf eine traditionelle japanische Reparaturtechnik Kintsugi, um beschädigte oder sogar zerbrochene Edelsteine – im Speziellen Jett und Opal – nicht entsorgen zu müssen. Geflickt werden die Steine mit einem speziellen Harz und feinem Goldstaub, wodurch sie nicht nur wieder ganz werden, sondern auch eine besondere Optik erhalten.

Kunden achten auf …

Und wie bewerten die heimischen Uhren- und Schmuckhändler die Nachhaltigkeitsoffensive der großen Player?
„Ich finde das ein sehr wichtiges Projekt und freue mich, dass wir mit dem Geschäft am Graben und unserer Pomellato-Boutique mit im Boot sind”, sagt der Wiener Nobeljuwelier Anton Heldwein, und Alexandra Mayerhofer, Geschäftsführerin von Juwelier Mayerhofer in Linz, pflichtet ihm bei: „Es gibt viele gute Initiativen und Projekte. Je mehr, umso besser und um so mehr werden auch die Kunden für das Thema sensibilisiert. Denn es liegt an jedem einzelnen von uns, einen Beitrag zu leisten.” Auch ­Andreas Kopf aus Götzis in Vorarl­berg sieht die Sache sehr positiv.

… Ethik & Ökologie

Was die drei noch gemeinsam haben: Sie verkaufen nicht nur Markenschmuck, sondern bieten auch Kreationen aus der eigenen Werkstatt an. Dafür verwenden sie ausschließlich Recyclinggold, die derzeit nachhaltigste Rohstoffquelle. Die Nachfrage nach solchen Stücken nimmt deutlich zu, sagt Heldwein: „Mittlerweile arbeiten die drei Goldschmiede in unserem Atelier schon fast zu 50 Prozent an Umarbeitungen.”
Gut ausgelastet ist auch die Goldschmiedewerkstatt von ­Mayerhofer: „Oftmals sind es Erbstücke, die wir zu zeitgemäßen Stücken umarbeiten. So bleibt der emotionale Wert erhalten, und die Schmuckstücke werden wieder zu geliebten Alltagsbegleitern.”
Um ausreichend nachhaltiges Gold für neue Kreationen zu haben, die auch in ökologischer und ethischer Hinsicht den steigenden Ansprüchen der Kunden entsprechen, greift Kopf auch gerne bei Verlassenschaften zu. „Die Frage nach der Herkunft des Materials wird immer häufiger gestellt.”
Abschließend weist Mayerhofer noch darauf hin, dass Nachhaltigkeit auch bei der Auswahl neuer Marken und Zulieferer eine wichtige Rolle spielt: „Wir legen Wert auf langfristige Partnerschaften, denn erst dann ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich. Vertrauen in die Arbeit unserer Lieferanten ist für uns von großer Bedeutung – schließlich stehen wir für die Qualität bei unseren Kunden ein.”

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