••• Von Dinko Fejzuli
Mit der bisherigen Chefredakteurin Maria Scholl und dem bisherigen COO Klemens Ganner hat die APA – Austria Presse Agentur nach dem Abgang von Clemens Pig, der ja an die ORF-Spitze wechseln wird, eine neue interimistische Doppelspitze. Im Interview mit medianet sprechen die beiden über Kontinuität, den Wert von Vertrauen im digitalen Wildwuchs und die kaufmännische Verantwortung für den Journalismus.
medianet: Frau Scholl, Herr Ganner: Seit dem geplanten Rückzug von Clemens Pig, der ja ab Anfang 2027 den ORF führen wird, wurden Sie zwar recht rasch, aber aktuell nur bis Ende 2026 mit der Führung der APA-Gruppe betraut. Warum diese temporäre Lösung?
Maria Scholl: Die APA hat als Genossenschaft der Medien eine heterogene Eigentümerstruktur. In einer so kurzen Zeit eine langfristige Nachfolge zu vereinbaren, wäre weder seriös noch der Bedeutung der APA angemessen gewesen. Die Interimsphase gibt uns und unseren Eigentümern Zeit für einen ordentlichen Prozess.
medianet: Fährt man in so einer Übergangsphase nicht auch immer mit angezogener Handbremse?
Scholl: In Zeiten einer so massiven Umbruchsphase in unserer Branche mit angezogener Handbremse zu fahren, wäre vollkommen unverantwortlich. Das können und werden wir natürlich nicht machen.
Klemens Ganner: Wir stehen ja beide nicht vor Aufgaben, die wir vorher nicht kannten. Viele der großen Projekte – von der Budgetierung bis zur Strategiearbeit für die nächste Periode – lagen ohnehin schon in unserer gemeinsamen Verantwortung. In den vergangenen eineinhalb Jahren wurde in der APA ein erweiterter Führungskreis aufgebaut, um Verantwortung intern gut weitergeben zu können. Als Prokuristen in der Geschäftsleitung haben wir gemeinsam mit APA-CFO Doris Pokorny bereits sehr viele Entscheidungen für die Gruppe mitgetragen.
medianet: Die Medienbranche durchlebt aktuell schwere Zeiten und gerade in Phasen, wo Redaktionen Mitarbeiter abbauen, werden die Produkte der APA immer wichtiger. Im Haus arbeiten auch immerhin rund 200 Journalistinnen und Journalisten. Frau Scholl, Sie kommen direkt aus der Redaktion und wechseln jetzt in die Unternehmensführung. Inwieweit kann das ein Vorteil sein?
Scholl: Ich sehe es natürlich als Vorteil, wenn man das Herzstück des Unternehmens in der Tiefe und in den Mechaniken bis in die tägliche praktische Ebene kennt und dessen Bedeutung im Herzen trägt. Doch so sehr mich diese redaktionelle Arbeit auch antreibt, denke ich, dass wir an einem Punkt stehen, an dem das Überleben von sauberer Information nicht mehr nur davon abhängt, was wir berichten, sondern wie wir es monetarisieren können. Ich sehe diesen Schritt deshalb als kaufmännischen Auftrag, um den Journalismus und damit auch die Medienvielfalt zu schützen.
medianet: Die APA ist mit ihrer Produktpalette sehr breit aufgestellt. Neben den klassischen redaktionellen Produkten gibt es weitere Services, die einen Nutzen für andere Unternehmen stiften. Wie wesentlich ist dieser zweite Teil mit all den digitalen Anwendungen und Innovationen?
Ganner: Absolut wesentlich. Die APA funktioniert so, weil sie die Märkte Medien, Wirtschaft und Politik gut bedienen kann und daraus Kunden gewinnt, Umsatz und Gewinne erwirtschaftet. Das Schöne und Spannende ist, dass sich all unsere Geschäftsfelder, News, Comm, Tech, gegenseitig befruchten und ergänzen. Alles, was in der Redaktion zum Thema Content passiert, sind am Ende des Tages Contentprozesse. Auf einer technologischen sowie einer Produkt- und Prozessebene kann man diese für viele Anwendungsfälle in der gesamten Kommunikationsbranche abbilden und wiederverwenden.
medianet: Stichwort Spardruck: Die Medienbranche leidet unter brüchigen Geschäftsmodellen. Wie begegnet die APA diesem schwierigen Marktumfeld, in dem die eigenen Kunden unmittelbar von diesen Verwerfungen am Werbe- und Lesermarkt betroffen sind?
Scholl: Unser Vorteil ist es, dass die APA durch langjährige Diversifizierung nicht mehr nur vom Mediensektor abhängig ist, sondern die gesamte Kommunikationsbranche bedient. Gleichzeitig optimieren wir unsere Prozesse seit Jahren. Einsparungsmaßnahmen sind – wenn notwendig – mit Bedacht auf unseren Grundauftrag und mit Fairness für alle Ebenen des Unternehmens umzusetzen. Wir werden da weiterhin mit sehr viel Augenmaß vorgehen. Gleichzeitig gilt: Wenn unsere Kunden personell schwächer besetzt sind, brauchen sie uns oft umso mehr.
medianet: Sie bekleiden beide schon lange verantwortungsvolle Positionen in der APA. Was ist nun in der neuen Rolle für Sie persönlich anders?
Ganner: Es stimmt, wir sind lange dabei und ich bin seit 15 Jahren in Führungspositionen in der APA-Gruppe, aber es macht einfach einen Unterschied, ob man Verantwortung für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trägt oder nur für einen Teilbereich.
Scholl: Wenn man für einen Teilbereich verantwortlich ist, ist man auch ein Stück weit Advokatin dieser Einheit innerhalb der Gruppe. Wenn man aus dieser Position in die Gruppenführung aufsteigt, ändert sich die Perspektive. Man sieht das Ganze, den gesamten Organismus. Die APA als Ganzes ist ein zentrales Scharnier in der Medien- und Kommunikationsbranche. Das Zusammenwirken all unserer Kräfte fasziniert mich an dieser Rolle und unserem Unternehmen. Für mich persönlich bedeutet es natürlich auch eine Verbreiterung der eigenen Wirksamkeit.
medianet: Werfen wir einen Blick aus der APA heraus in die Branche: In den Redaktionen sind immer weniger Menschen für immer mehr Inhalt verantwortlich. Wird der Content der APA dadurch immer wichtiger?
Scholl: Ich sehe hier eine gewisse Ambivalenz: Wir freuen uns, wenn wir eine große Rolle bei unseren Kundinnen und Kunden spielen, gleichzeitig ist unsere wichtigste Lebensversicherung und Existenzberechtigung der Medienpluralismus in Österreich. Das Letzte, was wir als APA wollen können, ist, dass es nur noch die APA gibt, dann gibt es die APA nämlich auch nicht mehr.
Für uns ist es zentral, dass wir komplementär zu den Redaktionen unserer Kundinnen und Kunden aufgestellt bleiben. Wir sind intensiv mit ihnen im Gespräch, um zu verstehen, was ihre Strategien sind und wo die APA als Gemeinschaftsunternehmen der Branche ihren Beitrag leisten kann, aber auch, wo unsere Kunden ihre eigenen markenbildenden Inhalte brauchen. Diese Differenzierung wird am digitalen Marktplatz immer wichtiger.
medianet: Wie sieht die Produkt- und Innovationsstrategie in der APA aus? Setzen Sie rein auf Bedarfsorientierung oder entwickeln Sie proaktiv, also auf eigenes Risiko, neue Dinge?
Ganner: Innovation bleibt ein wesentlicher Faktor unseres Erfolgspfads. Wir investieren intensiv in Forschung und Entwicklung sowie in KI-Anwendungen, um hier weiterhin vorne dabei zu sein. Entscheidend ist die Frage, was die APA als Kommunikationsinfrastruktur heute und morgen leisten muss, und wie wir uns als Gruppe aufstellen, um unsere Kundinnen und Kunden bei ihren Kernaufgaben schneller, besser und effizienter zu unterstützen.
Scholl: Dabei darf man eines nicht vergessen: Wir sind ein reines B2B-Unternehmen. Uns geht es nicht um den Erfolg eines Produkts auf dem B2C-Markt, sondern um den Erfolg unserer Kundinnen und Kunden. Das Prinzip APA beruht auf einem Faktizitäts-, Seriositäts- und Verlässlichkeitsversprechen in allen unseren Angeboten und Dienstleistungen. Innovation ist dafür in unserem technologiegetriebenen Ökosystem von großer Bedeutung. Sie sichert diese Versprechen für die Zukunft ab.
medianet: Frage zum Schluss: Im digitalen Raum nehmen Desinformation und Fake News zu. Versteht sich die APA mit ihren Produkten verstärkt auch als eine Art Gütesiegel? Quasi: Wo APA draufsteht, ist auch APA mit all ihren Werten drin?
Scholl: Absolut. Vertrauen und Professionalität sind unsere gemeinsame Währung. Die APA ist eine geschlossene Plattform, ein „Walled Garden“ und damit ein Stück weit das Gegenmodell zu Social Media. Zu uns kommt man für professionellen Journalismus und professionelle Kommunikation. Dieses Gütesiegel strahlt auf unsere Kunden ab und schafft einen sicheren Rahmen für seriöse Kommunikation, für verifizierte Inhalte, für Transparenz von Lieferketten und für saubere Governance von Daten.