Großer Aufholbedarf bei digitaler Barrierefreiheit
© Accessiway
MARKETING & MEDIA Redaktion 26.06.2026

Großer Aufholbedarf bei digitaler Barrierefreiheit

Helena Selakovic, Expertin für digitale Barrierefreiheit bei Accessiway mit einer ernüchternden Bilanz zum ersten Jahr digitales Barrierefreiheitsgesetz.

••• Von Dinko Fejzuli

Ein Jahr nach Inkrafttreten des Barrierefreiheitsgesetzes (BaFG) am 28. Juni 2025 zeigt sich ein besorgniserregendes Bild: Laut einer aktuellen Analyse von Accessiway weisen österreichische Websites durchschnittlich 3,9 Barrieren bei neun untersuchten Kriterien auf – deutlich mehr als in Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien. Dabei drohen Verstöße gegen das BaFG teuer zu werden: Österreichische Unternehmen riskieren Verwaltungsstrafen von bis zu  80.000 €, dutzende Verfahren laufen bereits. medianet bat Helena Selakovic, Expertin für digitale Barrierefreiheit bei Accessiway um ein paar Antworte zum Thema.

medianet: Seit dem 28. Juni des vergangenen Jahres ist das Barrierefreiheitsgesetz nun vollumfänglich in Kraft. Spüren Sie seitens der österreichischen Unternehmen mittlerweile ein echtes, proaktives Umdenken oder dominiert in der Praxis eher die Angst vor den drohenden Verwaltungsstrafen von bis zu 80.000 Euro?
Helena Selakovic: In der Praxis zeigt sich nach wie vor ein sehr uneinheitliches Bild. Ein paar Unternehmen beziehen uns mittlerweile viel früher in ihre Entwicklungsprozesse ein und verstehen Barrierefreiheit als langfristige Aufgabe. Einige stehen aber noch am Anfang oder gehen das Thema zu selektiv an.
Entscheidend ist jedoch, dass dies keine Sicherheit schafft. Nur weil viele Unternehmen noch nicht weit genug fortgeschritten sind, bedeutet das nicht, dass mangelnde Barrierefreiheit weniger riskant wird. Im Gegenteil: Das Barrierefreiheitsgesetz stellt deutlich höhere Anforderungen an Unternehmen. Wer erst reagiert, wenn Beschwerden, Kontrollen oder Bußgelder drohen, verliert wertvolle Zeit. Barrierefreiheit muss jetzt strukturiert geplant, umgesetzt und kontinuierlich überprüft werden.

medianet: Das Gesetz betrifft ja nicht nur Dienstleistungen wie Websites, Ticket-Sites, Online-Banking, usw. sondern auch Produkte wie Smartphones, Computer, eBook-Reader oder auch Fahrkartenautomaten. Wie ist hier die Entwicklung in diesen beiden Bereichen betreffend Barrierefreiheit?
Selakovic: Technologie, die wirklich tagtäglich verwendet wird, wie zum Beispiel Computer oder Smartphones, sind hier auf dem Vormarsch: eingebaute Screenreader und Voice Control etwa werden stetig verbessert. Bei eBook-Readern geht es etwas langsamer voran, aber auch hier bieten die großen Produzenten schon Text-to-Speech oder Schriftgrößenanpassungen an. Eher schleppend ist der Fortschritt bei großen Hardware-Applikationen wie Fahrkartenautomaten, Bestellterminals oder Bankautomaten.

medianet: Wie ist das mit der Übergangsfrist?
Selakovic: Da das Barrierefreiheitsgesetz eine Übergangsfrist von maximal 20 Jahren nach Ingebrauchnahme oder bis spätestens 2040 für Selbstbedienungsterminals vorsieht, agieren im Moment nur wenige Unternehmen. Außerdem wird diesen August der technische Aspekt von Barrierefreiheit in der Hardware aktualisiert. Bisher gab es noch einige Unsicherheiten, welche Neuerungen auf die Unternehmen zukommen werden, aber bald gibt es Klarheit und es wird Zeit zu handeln!

medianet: Eine aktuelle Analyse der ATX-Prime-Unternehmen zeigt, dass selbst bei den wichtigsten Websites und Apps nach wie vor gravierende Mängel bestehen. Was sind Ihrer Erfahrung nach die drei häufigsten Hürden, vor die Unternehmen ihre Nutzer – oft völlig unbewusst – stellen?
Selakovic: Die häufigsten Barrieren, auf die wir auch immer wieder während unserer Audits stoßen, sind mangelnder Kontrast zwischen Text und Hintergrund, fehlende Alternativtexte und fehlende Beschriftungen von Eingabefeldern. Während Menschen mit ausreichender Sehstärke solche Probleme noch eher verzeihen, sind die betroffenen Inhalte für Menschen mit Seheinschränkungen oder blinde Nutzer kaum bis gar nicht wahrnehmbar. Unsere neuesten Erkenntnisse zeigen auch, dass Schriftgrößen- und Bildschirm­anpassungen vor allem auf mobilen Endgeräten noch einige Mängel aufweisen.

medianet: Wie lassen sich diese typischen Barrieren im digitalen Raum ohne großen Aufwand von Anfang an vermeiden?
Selakovic: Barrierefreiheit sollte von Minute eins an mitgedacht werden. Nichts kostet mehr Ressourcen, als erst ganz am Ende zu bemerken, dass ein fertiges Produkt unzählige digitale Hürden aufweist. Das lässt sich vermeiden, wenn von Anfang an das ganze Team einbezogen wird. Barrierefreiheit liegt nicht nur in der Verantwortung der Entwickler, sondern auch des Konzeptions-, Design- und Testingteams.

medianet: Was bedeutet das konkret für die Praxis?
Selakovic: Wenn die Aufgaben früh verteilt werden und alle über die Anforderungen Bescheid wissen, kommt es zum Schluss nicht zu einem bösen Erwachen. Das beinhaltet auch gezielte Trainings für die jeweiligen Abteilungen. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf der Fehlerbehebung, sondern vor allem auf der Prävention: Barrieren dürfen gar nicht erst entstehen.

medianet: Laut Statistik Austria leben 25 Prozent der Menschen in Österreich mit einer Behinderung. Warum wird diese enorme Zielgruppe beim Design von digitalen Angeboten im B2C-Bereich immer noch so oft übersehen oder unterschätzt?
Selakovic: Ich denke, dass viele Unternehmen gar kein klares Bild davon haben, wer die möglichen Betroffenen sein können. Leider denken viele beim Wort ‚Behinderung‘ hauptsächlich an blinde Menschen, die ja ohnehin keine digitalen Produkte verwenden – was natürlich falsch ist! – oder Menschen im Rollstuhl, die ja kein Problem beim Bedienen einer Website haben. Dass visuelle und motorische Einschränkungen ein Spektrum sind, ist vielen nicht bewusst. Einige Behinderungen sind im Alltag auch nicht immer sichtbar: Menschen mit ADHS oder ASS sind nicht klar an einem Blindenstock oder Rollstuhl zu erkennen, trotzdem erfahren auch sie Hürden im digitalen Raum und können von einer barrierefreien Lösung enorm profitieren.

medianet: Unternehmen investieren viel Geld in Marketingmaßnahmen, um die Nutzung von Apps und Websites zu bewerben, die letztendlich mäßig designt und voller Barrieren sind. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz in der Budget- und Prioritätensetzung?
Selakovic: Das ist tatsächlich spannend: Daten zeigen, dass vor allem die Zielgruppe der Unter-35-Jährigen am stärksten umworben wird. Das ist aber auch gleichzeitig das Publikum, das statistisch gesehen am häufigsten Prozesse abbricht, wenn die Anwendung nicht benutzerfreundlich genug ist. Vor allem die Gen Z legt sehr viel Wert auf eine gute Usability, wovon Barrierefreiheit ein großer Teil ist.
Wenn etwa ein Bestellvorgang zu kompliziert oder langwierig ist, wird er abgebrochen und der Kauf wird stattdessen bei einem Konkurrenten getätigt. Vielen Unternehmen ist noch gar nicht bewusst, dass ihre Hauptzielgruppen auch die sind, die keine Fehler verzeihen.

medianet: Sie betonen, dass man Barrieren durch gutes Design gar nicht erst entstehen lassen muss. Wie sieht der ideale Workflow aus, damit Barrierefreiheit von der ersten Skizze an im UI/UX-Prozess integriert ist und nicht erst nachträglich als ‚Pflaster‘ drangeklebt wird?
Selakovic: Jede gute Anwendung lebt von einem durchdachten Designsystem im Hintergrund. Wenn man von Anfang an dafür sorgt, dass die verwendeten Komponenten den Barrierefreiheitsstandards entsprechen, werden auch alle darauf aufgebauten Websites, Apps und Softwares die Anforderungen erfüllen.

medianet: Was heißt das im Detail?
Selakovic: Farbpaletten und -kombinationen müssen die Mindestkontrastverhältnisse erfüllen, die Schriftart für alle Inhalte gut lesbar sein und skalierbare Elemente auch bei Anpassung des Bildschirms stets sichtbar bleiben. Es hilft, sich vorab auch ein Bild über die geplanten Userflows zu machen: Sind die Hauptbereiche leicht zu finden? Ist die wichtigste User Journey verständlich? Können die essentiellen Funktionen auch mit assistiven Technologien bedient werden? Der European Accessibility Act (EAA), auf dem das österreichische Barrierefreiheitsgesetz (BaFG) basiert, spricht gezielt über digitale Dienstleistungen, und diese können sich auch über verschiedene Medien hinweg strecken. Umso wichtiger ist es dann, die barrierefreie Nutzererfahrung als Ganzes im Blick zu behalten.

medianet: Von Kontrasten über Animationen bis hin zur Typografie – worauf müssen UI/UX-Designer bei der visuellen Gestaltung derzeit am dringendsten achten?
Selakovic: Leider sind die Basics immer noch die Punkte, die am häufigsten Probleme aufweisen. Also der Kontrast von Text zu Hintergrund, mangelnde Informationen zu Bildern oder Formularen oder andere nicht visuell wahrnehmbare Informationen. Wir sehen aber auch einen Trend zu dynamischen Inhalten: Gute Animationen sehen toll aus und können dabei helfen, die Konzentration auf wichtige Inhalte zu lenken oder Feedback zu erhalten. Schlechte Animationen können aber auch bestimmte Nutzer:innen irritieren oder ablenken. Die Faustregel ist hier: Alles, was sich länger als 5 Sekunden von selbst bewegt, muss pausierbar sein.

medianet: Digitale Barrierefreiheit betrifft ja nicht nur Code und Design, sondern auch die verständliche Vermittlung von Inhalten: Welche Rolle spielen unterschiedliche Sprachen bzw. Sprachniveaus (wie Leichte Sprache oder Einfache Sprache) im barrierefreien Webdesign und wie setzt man diese am besten um?
Selakovic: Grundsätzlich gilt: je einfacher man seine Inhalte aufbereitet, desto größer ist die Zielgruppe, die man damit erreichen kann. Wenn man sich auf einer Website über ein Produkt informieren möchte, braucht man keine zeilenlangen Schachtelsätze mit hochgestochenem Vokabular und unzähligen Abkürzungen, die nirgends erklärt werden. Im Normalfall möchten Nutzer einfach schnell alle Informationen bekommen, die für sie relevant sind. Egal ob es sich dabei um die Geschäftsfrau, die es eilig hat, den Studenten, der gerade Deutsch lernt, oder die Person, die eine kognitive Beeinträchtigung hat, handelt.

medianet: Auch abseits der eigenen Website spielen digitale Kanäle eine große Rolle im Kommunikationsalltag. Wie kann man Social-Media-Posts (z. B. auf LinkedIn oder Instagram) mit einfachen Mitteln für alle zugänglich gestalten?
Selakovic: Auch Bilder auf Social Media brauchen einen Alternativtext. Dieser kann standardmäßig für jedes Bild auf allen Plattformen hinzugefügt werden. Außerdem profitieren Inhalte in Videoform immens von eingebetteten Untertiteln: Diese ermöglichen es nicht nur gehörlosen Menschen, das Video wahrzunehmen, sondern auch all jenen, die gerade keinen Ton aktivieren können. Dafür gibt es mittlerweile auch schon eingebaute Auto-Caption-Tools. Vorsicht ist auch bei der Verwendung von Emojis geboten: Werden sie mitten in einem Satz anstelle eines Wortes platziert, können Screenreader nur die Beschreibung vorlesen, die den jeweiligen Emojis zugeordnet sind. Und das ergibt manchmal sehr skurrile Resultate. Manchmal ist es aber nicht die Form eines Beitrags, die ausgrenzt, sondern die Botschaft oder die Sprache. Mehr Achtsamkeit auf Social Media kreiert einen inklusiven Raum für alle.

medianet: Der Einsatz von KI bei der Erstellung von Dokumenten, Texten und Code boomt. Wie wirkt sich KI aktuell auf die digitale Barrierefreiheit aus – überwiegen die Chancen für automatisierte Barrierefreiheit oder entstehen dadurch völlig neue Barrieren?
Selakovic: Im Moment sehen wir KI eher als Unterstützung und nicht als Ersatz von menschlichen Umsetzungen. Wir verwenden selbst KI-gestützte Programme, um initiale Checks und repetitive Überprüfungen durchzuführen. Trotzdem wird am Ende noch einmal alles von einem Menschen getestet und verifiziert. Komplexe Flows testen wir ohnehin nur manuell.

medianet: Wo scheitert hier KI?
Selakovic: Aktuell sieht es auch so aus, als ob der Einsatz von sogenanntem ‚Vibe Coding‘, also das Programmieren ohne tiefgehende Coding-Kenntnisse mithilfe von KI, mehr Barrieren verursacht als behebt. Komplexe Webinhalte werden nur schneller geliefert, aber nicht barrierefreier. Prompts für barrierefreie Komponenten zu verfassen, KI-generierten Code gemeinsam mit Accessibility-Experten gegen die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) zu validieren, Teams darin zu schulen, das zu überprüfen, was KI produziert – das sind keine optionalen Zusatzschritte. So macht man KI zu einem Vorteil statt zu einem Risiko.

medianet: Was raten Sie Unternehmen, die jetzt feststellen, dass ihre bestehenden Systeme und Webauftritte voller Barrieren sind? Wie geht man eine nachträgliche Optimierung am besten und ressourcenschonendsten an?
Selakovic: In diesen Situationen ist Priorisierung das A und O. Das Gesamtbild kann schnell überfordernd wirken, deshalb sollte man in Etappen arbeiten. Zuerst sollten die Barrieren auf den globalen Elementen der Website, also zum Beispiel Hauptmenü, Suchfunktion oder Footer identifiziert werden. Da sich diese Fehler über alle Unterseiten hinweg ziehen, sollten diese zuerst behoben werden. Anschließend sollten die wichtigsten Userflows auf Barrierefreiheit überprüft werden: Wo besteht der meiste Traffic, welche Funktionen werden am häufigsten verwendet? Hier dürfen Barrieren die Nutzer nicht mehr an einem erfolgreichen Abschluss hindern. Zum Schluss sollten alle weiteren Elemente analysiert und die darin gefundenen Probleme Schritt für Schritt behoben werden. In weiterer Folge ist es essentiell, dass die nun barrierefreien Komponenten für alle weiteren neuen Seiten und Funktionen verwendet werden.

medianet: Wo kann man sich hier Unterstützung holen?
Selakovic: Hier können Unternehmen wie Accessiway helfen: Bei jeder Barrierefreiheitsprüfung werden oft Dutzende von Problemen festgestellt, deren Schweregrad und Priorität professionell eingeschätzt werden müssen. Um Unternehmen eine Möglichkeit zu geben, den Barrierefreiheitsstatus ihrer Websites nachzuverfolgen und den Fortschritt der Behebung an einem Ort zu verwalten, haben wir auf einer neuen Plattform technologische Exzellenz und menschliche Expertise vereint. Die Plattform bietet zudem die notwendigen Tools für Software-Entwickler, um Probleme effizient zu lösen. Dabei unterstützen selbstverständlich auch unsere Experten. Letztendlich geht es darum, einen Prozess zu etablieren, die Situation zu überwachen, Wissen zu erwerben und auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen einzugehen.

medianet: Frage zum Schluss: Gibt es Branchen mit positiven Vorreitern zum Thema digitale Barrierefreiheit, bzw. gibt es einen Gap zwischen Privatunternehmen und den digitalen Auftritten von öffentlichen Institutionen/Unternehmen?
Selakovic: Da das Gesetz zur barrierefreien Umsetzung von digitalen Produkten und Dienstleistungen des öffentlichen Sektors schon vor einigen Jahren in Kraft getreten ist, hatten diese Institutionen schon eine gewisse Vorlaufzeit, was die Behebung von digitalen Barrieren betrifft. Trotzdem ist ersichtlich, dass sie in offiziellen Überprüfungen kaum besser abschneiden als Anbieter im privaten Sektor. Das kann unter anderem daran liegen, dass beispielsweise Behörden oder Gemeinden nur wenige Ressourcen zur Verfügung haben, um regelmäßig ihre digitalen Produkte auf den neuesten Stand zu bringen. Ein Faktor, der hier auch mitspielt, ist die große Menge an PDFs, die auf den Seiten implementiert sind. Auch diese Dokumente müssen barrierefrei zugänglich sein, was sie aber in den meisten Fällen nicht sind.

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