Generationenprojekt Reichl und Partner
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MARKETING & MEDIA Redaktion 26.06.2026

Generationenprojekt Reichl und Partner

Vater und Sohn im Deep-Talk: Rainer und Matthias Reichl über Strategie, Familie und Momente, die ein Unternehmen formen.

••• Von Chris Radda  und Jakob Klawatsch

Einen „Talk, der von der üblichen Machart abweicht“ versprach medianet-Herausgeber Chris Radda zu Beginn des „agency log #115“. Zu Gast waren Reichl und Partner-Gründer Rainer Reichl und sein Sohn Matthias Reichl, der mit Jahresbeginn die Funktion des Group CEO übernommen hat.

Der Anlass war durchaus bemerkenswert: Bei der medianet X night 2026 war die Reichl und Partner Kommunikations-Gruppe die meistprämierte Agenturgruppe des Landes, in zehn Kategorien stand sie achtmal auf dem Podest. Gleichzeitig markiert der interne Führungswechsel an die nächste Generation einen wichtigen Meilenstein in der fast vier Jahrzehnte langen Unternehmensgeschichte.

Technologie als roter Faden
Zu Beginn des Gesprächs blickt Rainer Reichl auf die Gründungszeit Ende der 1980er-Jahre zurück. Marketing sei damals kaum mit heute vergleichbar gewesen, ihn habe aber früh die technologische Entwicklung begeistert. „Ich bin relativ früh auf den Apple Macintosh gestoßen und das Produkt hat mich total fasziniert. Ich glaube, wir waren die erste Agentur in Österreich, die einen Mac gekauft hat“, erzählt Reichl senior. Lange bevor Begriffe wie Big Data oder KI zum Branchenstandard wurden entwickelte die Agentur so datengetriebene Marketingansätze. „Wir waren technologisch immer vorne dabei und haben zukünftigen Entwicklungen antizipiert“, so Reichl.

Der nächste Schritt war die Digitalisierung: Nach Eindrücken aus den USA gründete Reichl eine der ersten Digitalagenturen Österreichs. Sein Grundsatz sei dabei stets derselbe geblieben: „Die Wahrheit liegt in der Kommunikation sicherlich im Ganzen. Es geht nicht darum, dass man einzelne Stücke rausholt, sondern man muss analoge, digitale, persönliche, erlebbare und auch soziale Kommunikation als Agentur abdecken.“
Heute sieht der Gründer eine ähnliche Zäsur wie in der Anfangszeit. „Künstliche Intelligenz ist eigentlich genau der Zeitpunkt den ich damals erlebt habe mit Apple Macintosh“, erklärt er. Denn die Technologie ermögliche es „als international gesehen kleine Agentur plötzlich Kunden weltweit zu betreuen.“

„Die wahren Assets“
Trotz aller Technologiethemen sieht Reichl senior den größten Erfolgsfaktor nicht in Software oder Tools. „Der Zusammenhalt unseres Teams und das Kultivieren von Wissen im Unternehmen, das sind eigentlich die wahren Assets, die wir haben“, betont er.

Entscheidend sei eine klare Vision, die von den Mitarbeitern verstanden und mitgetragen werde. „Mitarbeiter werden erst dann richtig gut, wenn sie die Vision auch verstehen, mittragen und spüren“, so Reichl senior. Führung bedeute für ihn vor allem Menschen zu fördern und Potenziale zu entwickeln.

Unternehmerkind wird CEO
Für den Sohn Matthias Reichl war der Weg in die Agentur kein vorgezeichneter Karriereplan, sondern eine organische Entwicklung. „Es war nie so, dass ich in diese Position gedrängt oder gezüchtet wurde“, sagt er. Gleichzeitig sei Unternehmertum von klein auf Teil seines Alltags gewesen.

Denn bereits als Zwölfjähriger gründete er erste Technologieprojekte, gegen Ende seiner Schulzeit schließlich sein erstes eigenes Unternehmen. Die Verbindung aus Technologie, Design, Kreativität und Unternehmertum habe ihn dann in die Agentur geführt. 2020 trat Matthias Reichl operativ in das Unternehmen ein.
Besonders prägend sei dabei auch das familiäre Umfeld gewesen, mit unterschiedlichen Rollen der Eltern. „Mein Vater war immer dieser stürmische, kreative Unternehmer. Meine Mutter war die, die geschaut hat, dass man Geld reinbekommt und die kontrolliert hat. Ich glaube, mit dieser Mischung trifft man wirklich gute Entscheidungen“, unterstreicht Reichl junior.

Generationenwechsel
Der Übergang an die nächste Generation wurde über mehrere Jahre sorgfältig vorbereitet. Gemeinsam mit Experten für Family Governance diskutierte die Familie Zukunftsfragen, Verantwortlichkeiten und Wissenstransfer. „Wir haben uns eigentlich noch viel besser kennengelernt, nämlich was wirklich jeder im geheimen Hinterstübchen denkt“, sagt der Vater rückblickend. Aus diesem Prozess entstand nicht nur Klarheit über die familiären Rollen, sondern auch eine strategische Weiterentwicklung des Unternehmens. Künftig sollen Partizipation, Beteiligungsmodelle und neue Formen der Zusammenarbeit stärker in den Mittelpunkt rücken. „Das Unternehmen der Zukunft muss bereit sein, Partizipation zu leben“, betont Reichl senior.

Fokus auf Umsetzung
Die Zukunft der Agenturbranche war ein zentrales Thema des weiteren Gesprächs. Beide Reichls erwarten eine stärkere Verlagerung. „Umsetzung gehört dazu, aber es verlagert sich immer mehr in die Beratung“, unterstreicht Sohn Matthias. Standardisierte Leistungen würden zunehmend zur Commodity, gefragt seien hingegen strategisches Denken, Kreativität und ein tiefes Verständnis für die Geschäftsmodelle der Kunden.
Rainer Reichl fordert zudem ein Umdenken bei der Auswahl von Agenturen. An unbezahlten Wettbewerbspräsentationen nehme die Gruppe nicht mehr teil. „Ein Konzept gibt es ab 25.000 Euro“, erklärt er. Statt klassischer Pitch-Marathons setze man auf Testprojekte und langfristige Partnerschaften.

Krankheit als Wendepunkt
Zum Ende des Gesprächs wurde es persönlich, als es um das Thema Gesundheit ging. Vor zehn Jahren machte Rainer Reichl seine Krebsdiagnose öffentlich, ein damals ungewöhnlicher Schritt für einen österreichischen Agenturchef. „Ein Informationsvakuum ist die Grundlage für Spekulationen“, sagt er rückblickend. Offenheit gegenüber Mitarbeitern, Kunden und der Öffentlichkeit sei für ihn der richtige Schritt gewesen Und er betont: „Ich würde es genau so wieder machen.“
Aus der persönlichen Krise entstanden neue Perspektiven, Gesundheitskommunikation entwickelte sich so zu einem eigenen Geschäftsfeld der Kommunikations-Gruppe. Und trotz Operationen und laufender Behandlung blickt er positiv nach vorne. Die Erkrankung habe ihn gezwungen, frühzeitig über Nachfolge und Zukunft nachzudenken und damit den Weg für den heutigen Generationenwechsel geebnet.

Das gesamte Interview sehen Sie auf: tv.medianet.at

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