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Das Licht des Zugs am Tunnelende
Redaktion 21.01.2022

Das Licht des Zugs am Tunnelende

Ist das Gerangel um die subjektive Beschneidung der „Freiheit” Petitesse oder finale Polarisierung?

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

EXPERIMENTE. Mit dem sperrigen Begriff ­Ambiguitätstoleranz bezeichnet man die Fähigkeit, mit mehrdeutigen, widersprüchlichen Situationen umgehen zu können beziehungsweise diese zu ertragen. Wenn uns also die inzwischen zwei Jahre andauernde Pandemie, deren Auswirkungen und das daraus evolvierte Regelwerk etwas gelehrt haben, dann ist es die Tatsache, dass man eine hohe Ambiguitätstoleranz gar nicht genug schätzen kann.

Sie kennen wahrscheinlich das Trolley-Problem, einen Klassiker der Moralphilosophie. Dabei dreht es sich, verknappt dargestellt, darum, ob man einen Menschen bewusst opfern darf, um mehrere zu retten. Wahlweise opfert man einige, um viele zu retten. Meist wird es mit vollbesetztem Zug, Schienen, einer Weiche und einem mit nur einer Person besetzten Trolley (die Draisine, nicht der Koffer, Anm.) dargestellt.
Intuitiv ließe sich das Problem leicht lösen, sofern man in diese makabre Situation geriete. Grundsätzlich jedoch gilt das Trolley-Problem als schlecht lösbares Dilemma, dessen Auswirkungen Philosophen, Ethiker und Juristen seit Jahrzehnten beschäftigen – ganz zu schweigen von den Entwicklern selbstfahrender Autos.

Aber zurück zur Coronakrise: Eine Studie am MIT mit rund 70.000 Teilnehmern in 42 Ländern ergab vor Jahren, dass 82 Prozent der Deutschen den einzelnen Trolleypassagier dem größeren Ganzen opfern würden; die Österreichwerte hätten wohl ähnlich ausgesehen.

Der inzwischen stark gestiegene Aggressionspegel in der Bevölkerung lässt allerdings vermuten, dass in diesem fein skizzierten Gedankenexperiment der Zug heutzutage so oder anders entgleisen würde. „Ein Zug voller maskenverweigernder ‚Maßnahmenkritiker', die zum ‚Spazierengehen' ‚auf Wien' fahren? Macht mich nachdenklich”, meint eine ansonsten durchaus pazifistisch eingestellte Bekannte. Der Weg zur Lösung eines Dilemmas braucht Zeit und Geduld und ist mit Versuch und Versagen gepflastert. Mögen uns Langmut und Durchhaltevermögen nie ausgehen.

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