Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider
BEFUND. Wie es um die Demokratie weltweit steht, ermittelt jährlich der Democracy Index des britischen Economist. Dieser Index erzählt in den vergangenen Jahren nicht von linearem Fortschritt, sondern von schleichender Erosion. Die Tendenz: weniger Vertrauen in die repräsentative Demokratie, mehr Polarisierung, mehr autoritäre Sturheit. Der globale Durchschnittswert ist im Vorjahr auf den niedrigsten Stand seit Bestehen des Index gefallen. Auch in etablierten Demokratien nehmen politische Fragmentierung und Vertrauensverlust zu. Trostloses Fazit: Nicht nur die Autokraten werden stärker, sondern die Demokratien sind innenpolitisch erschöpfter.
Zweite große Tendenz ist die Normalisierung des Autoritären. 2024 stieg die Zahl der als „authoritarian regimes“ eingestuften Staaten auf 60 und liegt höher als noch vor einem Jahrzehnt. Dazu beigetragen haben auch in Europa einige Beschleuniger: der populistische Schub Mitte der 2010er-Jahre, Protest und Polarisierung nach der Pandemie und zuletzt Desinformation und geopolitische Konfrontationen.
Die Quintessenz der vergangenen Dekade: Demokratie verschwindet meist nicht mit einem Putsch, sondern mit Ermüdung, Misstrauen und Apathie. Genau das macht die Entwicklung so unerquicklich – und so gefährlich.
Schwenk nach Österreich: Laut dem Jugend-Demokratie-Monitor 2025/2026 schwindet das Vertrauen der Jungen in die Politik – obwohl 89% die Demokratie weiterhin als beste Staatsform betrachten. Aber: Nur 44% finden, dass das System gut funktioniert. Larry Diamond, einer der bekanntesten Demokratieforscher weltweit, prägte dazu den Begriff der „democratic recession“, in der die Idee der Demokratie zwar attraktiv bleibt, ihre Praxis aber weltweit brüchig wird. Nun, die „theoretische“ Version der offenen Gesellschaft trägt die Bezeichnung „illiberale Demokratie“ und wird uns von Ungarn, der Türkei und nicht zuletzt von den USA vorgehüpft. Die Attraktion der Idee ist auf Dauer zu wenig.
