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Die neuen Wege in der Nahversorgung © dpa/A0070 Hans Heckmann
© dpa/A0070 Hans Heckmann

Redaktion 26.11.2021

Die neuen Wege in der Nahversorgung

Die Pandemie bringt eine Aufwertung der Nahversorgung, UniBox und Onlinehandel bringen Würze in die Idylle.

••• Von Christian Novacek

Den einen Trend hat die Coronapandemie so richtig breitgewalzt – jenen hin zum Onlinehandel, der jetzt Lockdown-bedingt zum weihnachtlichen Höhenflug ansetzt. Daneben fiel die andere, dem Wesen nach freundlichere Bewegung, weniger auf: jene hin zur Neubewertung der Nahversorgung.

Dabei hat sich hier die Retro­bewegung gemütlich und vor allem praktisch neu eingerichtet – etwa in Form der handlichen Boxformate von Billa, Unimarkt und dem Kastlgreissler.

Nahversorgung punktet

medianet ist der Frage nachgegangen, inwieweit die Händler eine Aufwertung des Nahversorgungsbegriffs nachvollziehen. Die präzise Antwort dazu von Nah&Frisch-Geschäftsführer Hannes Wuchterl: „Aus unserer Sicht ein klares Ja! Das Konzept der selbstständigen Kaufleute ist moderner den je!”

Wuchterl verweist auf natürliche Kaufmannstugenden, die gerade jetzt mit Zusatzserviceleistungen (Post, Tabak/Trafik), die vielerorts von niemand anderem mehr erbracht werden, erfolgversprechend ins Gewicht fallen.
Auch Spar-Sprecherin Nicole Berkmann sieht Kauffrau und Kaufmann aktuell gut im Geschäft: „Nahversorgung hat immer einen hohen Wert, nur ist das den meisten Menschen nie so bewusst gewesen wie in den Lockdown-Phasen.”

Task-Force bei Lidl

Lidl Österreich-Chef Alessandro Wolf anerkennt, „dass der Stellenwert der Nahversorgung durch die Krise sicher höher geworden” ist. Bei Lidl habe man entsprechend darauf reagiert: „Mit einer regelmäßig tagenden Task-Force haben wir uns laufend auf die neue Situation eingestellt und die Ausnahmesituation bisher gut gemeistert. Die größte Herausforderung am Beginn der Pandemie war es, die hohe Nachfrage in sehr kurzer Zeit zu befriedigen und alle Menschen zu versorgen – und das haben wir geschafft!”

Beim unmittelbaren Konkurrenten Hofer hat man „im Rahmen der Krise eine Tendenz zu einem noch regionaleren Einkauf” wahrgenommen. „Allgemein kann man sagen, dass es eine starke Verschiebung im Sortiment in Richtung Frische und Regionalität gab”, so Hofer-Chef Horst Leitner.

One-Stop-Shopping

Die vom LEH unisono verkündete, positive Werteverschiebung ging aber auch abseits der Regionalität mit einer Verhaltensänderung seitens der Konsumenten einher. Rewe Österreich-Konzernpressesprecher Paul Pöttschacher verortet wie folgt: „Seit Corona können wir erkennen, dass viele Kunden weniger oft, dafür mehr einkaufen – Stichwort: One-Stop-Shopping.”

Mit dem „breiten Filialnetz unserer Handelsfirmen” sieht er Rewe optimal aufgestellt – mit dem richtigen Verkaufsformat für jeden Kunden.
Breit aufgestellt sieht sich auch Spar: „Wir sind an fast 1.600 Standorten in Österreich der jeweils örtliche Nahversorger. Wir sorgen für Nahversorgung in jeder Lebenslage – vom Bodensee bis zum Neusiedlersee, vom Wallersee bis zum Wörthersee”, so Berkmann.
Ähnlich, aber regional heruntergebrochen, argumentiert man bei Unimarkt: „Kundinnen und Kunden schätzen es heute noch mehr, einen Nahversorger in der unmittelbaren Umgebung zu haben und keine langen Strecken für den Einkauf zurücklegen zu müssen.”

Grundversorgung gesichert

Aufseiten der Branchensprecher von WKÖ und Handelsverband gibt es bezüglich Aufrechterhaltung der Nahversorgung in der Krise dickes Lob. Christian Prauchner, Obmann des Lebensmittelhandels in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), führt aus: „Der österreichische Lebensmittelhandel hat während der Coronapandemie eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er die Grundversorgung der österreichischen Bevölkerung – in Partnerschaft mit der Landwirtschaft und den Vorstufen – auch in der größten Krisensituation des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg – verlässlich sicherstellen kann.”

Besonders vorteilhaft war dabei „die dezentrale Struktur des heimischen Lebensmittelhandels mit seiner hohen Dichte an Nahversorgern auch im ländlichen Raum”. Die Versorgungsdichte liegt im Vergleich zu Deutschland in Österreich um fast ein Drittel höher.

Krisenbewältigung

Handelsverband-Chef Rainer Will betont zudem die positive Krisenperformance der Händler: „Unsere Nahversorger haben die Bevölkerung mit Masken erstausgestattet sowie die Umstellung auf die FFP2-Masken begleitet.”

Weiters habe das betriebliche Impfen dazu beigetragen, die Krisenfestigkeit zu erhöhen: „Laufend werden durch den Handelsverband und seine Mitglieder Initiativen gestartet – etwa niedrigschwellige Impfangebote im Supermarkt, kongenial begleitet von der bundesweiten Impf-Kampagne ‚Wir handeln gemeinsam. Wir impfen gemeinsam'.”

Lebensmittel in der Box

Abgesehen von der Tatsache, dass der Lebensmittelhandel in der Krise einen markanten Beitrag zu deren Bewältigung mitträgt, poppten zur rechten Zeit neue Konzepte auf – allen voran das erwähnte Handelsformat in der Box, ohne Personal in die Landschaft gesetzt.

Tatkräftig war hier Unimarkt vorangegangen – mit folgender Philosphie: „Im ländlichen Raum gestaltet sich die Versorgung schwierig, wodurch eine starke Abwanderung von kleinstrukturierten Lebensmittelhändlern erkennbar ist. Mit der UniBox ist es uns gelungen, auch in Gebieten, wo die Rahmenbedingungen nicht optimal sind, die Vor-Ort-Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs zu sichern”, versichert nunmehr Unimarkt-Chef Andreas Haider anhand des probaten Gegenmittels: Der UniBox, die eine Versorgung hauptsächlich durch das komplett kontaktlose und autonome System ermöglicht.
Die Resonanz bis dato: „Die UniBox wird gut angenommen, wir erhalten viel positives Feedback, was uns sehr freut”, so Haider. „Die Kunden sind sehr froh darüber, direkt in der Nähe einen Lebensmittelhändler mit Waren des täglichen Bedarfs zu haben und nicht mehr viele Kilometer für den Lebensmitteleinkauf zurücklegen zu müssen.”

Regionalität in der Box

Auch Billa hat per April das conveniente Format für sich entdeckt: Vier Regionalboxen gibt es derzeit in den Kärntner Gemeinden Baldramsdorf, Dellach, Flattach und Mörtschach. „Wir nehmen unsere Rolle als verlässlicher Nahversoger in den ländlichen Regionen sehr ernst und nutzen auf diesem Wege ebenfalls alternative Betriebsformate, um möglichst nah an den Menschen vor Ort zu sein – gerade auch dort, wo kein Markt in der näheren Umgebung zu finden ist”, erklärt Pöttschacher und verweist desgleichen auf ein positives Feedback, das zeige, „dass der Bedarf vorhanden ist”.

Außerdem ist die Box kein starres Objekt – Pöttschacher weiter: „Wir hören genau auf die Bedürfnisse unserer Kunden und erweitern die Auswahl an Lebensmitteln von Lieferanten aus der Region sowie Produkten des täglichen Bedarfs in den Billa-Regionalboxen stetig. Der Fokus liegt klar auf regionalen Produkten, die im Umkreis der Regionalboxen erzeugt werden.”

Automatisierte Versorgung

Der positive Sanktus zur Box kommt von Branchensprecher Rainer Will, der die automatisierten Shopkonzepte als vielversprechend ansieht, „um kleineren Gemeinden ohne Nahversorger wieder eine innovative Einkaufsmöglichkeit zu bieten”. Will lobt weiters die Barrierefreiheit der Boxen – der Einlass erfolgt beispielsweise digital via App, an 365 Tagen im Jahr. „Aufgrund der flexiblen Einsatzmöglichkeiten der automatisierten Module sind Standorte in ganz Österreich möglich”, führt Will aus.

Auffallend ist, dass der Marktführer im LEH der neuen Vertriebsmöglichkeit wenig abgewinnen kann. Bei Spar wird Nahversorgung schlichtweg anders – nämlich kaufmännisch traditionell – definiert: „Ein guter Nahversorger hat alles, was Kunden für das tägliche Leben brauchen, da können Boxen oder Ähnliches nicht mit”, so Berkmann.

Die Post macht lebendig

Spannend im Sinne der Nahversorgung ist das Projekt „Land Partner” der Post, das u.a. vom Handelsverband, der Monopolverwaltung (Trafiken) und den Österreichischen Lotterien aktiv unterstützt wird.

„Hier geht es darum, Ortszentren wiederzubeleben, indem diese einen Nahversorger mit Postservice und Finanzdienstleistungen bekommen”, sagt der Handelsverbandschef und illustriert: „Außerdem gibt es dort Produkte aus der Region, etwa eine Kaffeeecke zum Verweilen, eine Lotto-Verkaufsstelle oder eine Telekom-Beratungsmöglichkeit.”

Online nahversorgt?

Auf den ersten Blick und flüchtig wohl auch noch auf den zweiten ist der Onlinehandel der natürliche Feind des stationären Geschäfts – ist er damit auch ein Hemmschuh für eine gesunden Nahversorgung? Nein, ist man bei der Rewe vom Digital Retail als Ergänzungsfaktor überzeugt: „Zusätzlich zur Optimierung unseres Netzes an Standorten und Logistikzentren gehen wir digital neue Wege. Die starke Nachfrage in unseren Online-Shops und auch bei Click & Carry, wo online bestellte Waren in ausgewählten Märkten selbst abgeholt werden können, zeigt, dass wir flexibel agieren und rasch auf geänderte Bedürfnisse unserer Kunden eingehen können”, erklärt Paul Pöttschacher.

Dass der Onlinehandel mit Lebensmitteln ein Geschäft im engeren Sinne sei, würde zurzeit allerdings kaum jemand behaupten: Aktuell liegt der Online-Anteil im heimischen Lebensmittelhandel bei bescheidenen 2,5%. Die Gründe dafür liegen einerseits in der hohen Versorgungsdichte und Qualität des stationären Lebensmittelhandels hierzulande und andererseits darin, dass insbesondere frische Lebensmittel leicht verderblich und daher schwieriger zuzustellen sind.
Bemerkenswert im Kontext ist, dass Billa online ganz Österreich versorgt, Interspar sich auf Städte und Gegenden (beispielsweise den Speckgürtel von Wien) fokussiert, die zumindest theoretisch eine schwarze Null in den Raum stellen, und Hofer vor Kurzem ebenfalls ins Online-Lebensmittelgeschäft eingestiegen ist, wenn auch vorerst nur in der Bundeshauptstadt.

Rentabilität ist außen vor

„Die meisten Online-Angebote im Food-Bereich sind bis heute nicht rentabel”, folgert entsprechend Christian Prauchner von der WKÖ.

Die Herausforderung läge in der letzten Meile, insbesondere im ländlichen Raum. „Doch auch im Lebensmittelhandel hat die Coronapandemie den Trend in Richtung Online-Handel beschleunigt. Die Ausgaben im Distanzhandel im Food-Segment stiegen im Jahr 2020 um 46 Prozent im Vergleich zum Vorjahr”, so Prauchner.
Er führt aus: „Heute bauen nicht nur die großen Vollsortimenter und teilweise auch Diskonter ihre Online-Angebote – primär in den Großstädten – aus. Auch neue Player betreten immer wieder – mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen und unterschiedlichem Erfolg – den Markt. Wie hoch die Bäume im heimischen Online-Food-Handel in den Himmel wachsen, werden letztlich die Konsumenten entscheiden.”
Auch wenn Online-Supermärkte und Lebensmittel-Lieferservices in Zeiten der Pandemie boomen – „ein echtes Einkaufserlebnis lässt sich nicht mit ein paar Klicks ersetzen”, so Rainer Will vom Handelsverband.

Austariertes Verhältnis?

Damit die Balance zwischen Online und Offline, zwischen Kaufmann und Diskonter auch in Zukunft nicht ungesund wird, ist nicht zuletzt die Politik gefordert. In puncto Neo-Ökologie wird die AWG-Novelle, speziell die beschlossene Einführung eines Einweg-Pfandsystems sowie der verpflichtende Ausbau der Mehrweg-Quote, weitreichende Auswirkungen auf den Lebensmittelhandel haben. „Wir appellieren an Klimaschutzministerin Gewessler, sowohl den gesamten filialisierten Lebensmitteleinzelhandel als auch die mehr als 6.700 selbstständigen Kaufleute im Land bei der Umsetzung des Einwegpfandes bestmöglich zu unterstützen”, so Will.

Denn letztlich sollte möglichst befreit von Störgeräuschen mit den Worten von Hannes Wuchterl, Nah&Frisch, auch für die fernere Zukunft gelten: „Gut geschult, ehrlich, kooperativ, mit Handschlagqualität und mit Rücksicht auf die Natur und die Menschen wirtschaftend – das sind die Nahversorger von morgen.”

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