„Identität ist ein  lebendiges System“
© Paul Sebesta
MARKETING & MEDIA Redaktion 08.05.2026

„Identität ist ein lebendiges System“

Seit seiner Gründung ist das Studio Freude Spitzenreiter der xpert.awards in der Kategorie Branding & Design.

••• Von Sascha Harold

In der noch jungen Kategorie Branding & Design der media­net xpert.awards führte in den letzten Jahren kein Weg am Studio Freude vorbei. Auch heuer setzt sich die Agentur rund im Creative Director und Co-Founder Simon Pointner wieder durch und hält mit 96,94 Punkten die nächstplatzierten Reichl und Partner Future Thinking und Sery* auf Abstand.
medianet hat mit Pointner darüber gesprochen, was die besondere Herangehensweise ­seiner Arbeit ausmacht und wie Künstliche Intelligenz das kreative Arbeiten verändert hat.

medianet: Studio Freude steht bei Branding & Design erneut ganz oben – wie schaffen Sie es, diesen hohen gestalterischen Anspruch Jahr für Jahr zu halten, trotz wandelnder Sehgewohnheiten im digitalen Zeitalter?
Simon Pointner: Ich glaube nicht, dass sich Sehgewohnheiten wirklich so radikal verändern, wie oft behauptet wird. Was sich verändert, ist die Geschwindigkeit, mit der Menschen Content konsumieren. Gute Gestaltung folgt nicht Trends, sondern einer inneren Konsequenz. Wenn man jedes Jahr versucht, zeitgemäß zu sein, wird man beliebig. Wenn man versucht, präzise zu sein, bleibt man automatisch aktuell – und entwickelt dabei eine eigene Handschrift. Unsere Handschrift ist kein wiedererkennbares Gestaltungsmuster. Sie ist ein Erlebnis. Wir glauben daran, dass jede Marke ihren eigenen Ausdruck finden sollte – nicht unseren. Deshalb arbeiten wir kontextbezogen, immer im Dialog, immer individuell. Und doch sagen viele: ‚Das fühlt sich nach Freude an.‘ Vielleicht ist genau das unsere Handschrift: konsequente Klarheit, disziplin-übergreifende Ideen und spürbare Freude.

medianet: Was waren die prägendsten Kampagnen des letzten Jahres?
Pointner: Das Projekt, das uns persönlich am meisten bedeutet hat, war eines, das wir selbst angestoßen haben: ‚Design for Good‘ – eine Ausstellung im design­forum im MuseumsQuartier. Wir haben Arbeiten der letzten zehn Jahre gezeigt, die eines gemeinsam haben: Design, das im Dienste des Gemeinwohls steht. Design für echte Veränderung. Das war kein Auftrag von außen. Das war eine Frage, die wir uns seit unserer Gründung selbst gestellt haben – und die Ausstellung war unsere Antwort. Ein Ort, an dem wir zeigen wollten, was gutes Design bewegen kann. Design for Good konnte am Ende über 5.000 Besucherinnen und Besucher begeistern!

medianet: Wie hat sich die Arbeit im Studio Freude durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändert?
Pointner: KI verändert vor allem Geschwindigkeit und Perspektive. Sie ist ein hervorragendes Werkzeug für Exploration, Research, Szenarien und erste visuelle und inhaltliche Denk-räume. Aber sie ersetzt nicht das menschliche Urteil. Die eigentliche kreative Leistung liegt weiterhin in der Kuration, im Kontext und in der Bedeutung. KI produziert Optionen, aber wir entscheiden, welche davon inhaltlich sinnvoll sind. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Das Studio ist in diesem Bereich wirklich top aufgestellt – nicht zuletzt durch unser freude collective.

medianet: Ein neues Logo reicht nicht aus, um eine Marke zu definieren. Wie müssen ganzheitliche Brandings gestaltet sein?
Pointner: Marken waren schon immer mehr als ihr Logo. Eine Marke entsteht im Verhalten. Im Klang. Im Raum. Im Interface. In der Sprache. Identität ist heute kein statisches Zeichen mehr, sondern ein lebendiges System. Die Aufgabe von Branding ist nicht Wiedererkennbarkeit allein, sondern Resonanz. Gute Marken wissen, wer sie sind. Deshalb können sie sich verändern, ohne sich zu verlieren. So denken wir Branding im Studio. Als ganzheitliches Erlebnis.

medianet: Kommen wir zur Nachhaltigkeit – welche Rolle spielt das Thema in den Briefings Ihrer Kunden?
Pointner: Oft wird Nachhaltigkeit noch als Zusatz formuliert, dabei müsste sie längst Ausgangspunkt sein. Für mich bedeutet nachhaltiges Design nicht nur Materialwahl, sondern auch gestalterische Langlebigkeit. Wenn sich etwas nach sechs Monaten alt anfühlt, war es nie nachhaltig. In einer Zeit visueller Überproduktion ist Weglassen oft nachhaltiger als Hinzufügen. Das macht Design zeitlos.

medianet: Was sind aktuell die spannendsten neuen Entwicklung im Bereich Design & Branding?
Pointner: Mich interessiert gerade die Auflösung klassischer Disziplinen. Früher gab es Grafik, Architektur, Mode, Digital. Heute können wir, besser denn je, Disziplinen zusammenführen. Marken müssen zunehmend wie lebendige Systeme gedacht werden. Die spannendste Entwicklung ist deshalb nicht technologisch, sondern interdisziplinär. Um diese Zusammenführung von Disziplinen auch zu leben, braucht es die richtige Vision und natürlich die Menschen, die genau so arbeiten wollen. Die Zirkusgasse (Agentursitz, Anm.) soll ein Ort dafür sein. Da sind wir auf dem besten Weg.

medianet: Wo wollen Sie mit Studio Freude in den kommenden Jahren neue Schwerpunkte setzen?
Pointner: Wir wollen weiter wachsen – nicht unbedingt in der Größe, sondern in der Idee, einen Ort zu schaffen und Freude aus einer Hand anbieten zu können. Mehr interdisziplinäre Projekte – mit freude agency und unserer Content-Produktion erna. Gleichzeitig freuen wir uns auf neue Begegnungen. Marken, Menschen und Unternehmen, die mit uns denken und gestalten möchten. Wir sind bereit – strukturell wie inhaltlich – für neue Aufgaben und Partnerschaften, die nicht nur etwas darstellen, sondern etwas auslösen wollen. Nämlich Freude.

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