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„Unabhängigkeit durch wirtschaftliche Stärke” © Gregor Turecek
© Gregor Turecek

Redaktion 13.09.2019

„Unabhängigkeit durch wirtschaftliche Stärke”

Die „Gruppe 39” ist die älteste Vereinigung internationaler Nachrichtenagenturen, Clemens Pig aktuell ihr Vorsitzender.

••• Von Dinko Fejzuli


Die weltweit älteste Vereinigung unabhängiger Nachrichtenagenturen, „Gruppe 39”, feierte kürzlich im Rahmen einer Generalversammlung in Wien ihr 80-jähriges Jubiläum. Bei dieser Gelegenheit nahm man auch die dpa Deutsche Presse-Agentur und die britische Nachrichtenagentur PA Media in die Gruppe auf.

Die Wurzeln der nunmehr aus zehn Mitgliedern bestehenden Gruppe gehen ins Jahr 1939 zurück. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs legten die nordischen (Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland) und die Benelux-Agenturen Belgien und Niederlande sowie die Schweizer Nachrichtenagentur unter dem Namen „Hellcommune” den Grundstein für die Gruppe 39 und leisteten damit Widerstand gegen staatlich kontrollierte oder beeinflusste internationale Agenturen der damaligen Zeit.

Gemeinsame Werte verbinden

Damals wie heute eint die Mitglieder ein gemeinsames Wertesystem. Sie sind von Staat und Regierung unabhängig, handeln nach dem redaktionellen Prinzip der „true and unbiased news” und verstehen wirtschaftliche Stärke als Basis für die Erhaltung der redaktionellen Unabhängigkeit. Aktuell führt Österreich unter Präsidentschaft von APA-CEO Clemens Pig den Vorsitz. medianet nahm die Generalversammlung der Gruppe 39 in Wien zum Anlass und bat Pig zum Interview.

medianet:
Herr Pig, wie aktuell ist der Gründungsgedanke, die Wahrung der redaktionellen Unabhängigkeit im Jahr 1939 auch heute noch?
Clemens Pig: Man kann sich unverhandelt darauf verständigen, dass die redaktionelle Unabhängigkeit immer wichtig war, immer wichtig ist und immer wichtig sein wird. Das ist ein ganz zentraler Wert für Medienunternehmen in Demokratien. Die Frage, warum das Thema der Unabhängigkeit jetzt wieder mehr im Zentrum steht, hat vielmehr mit den ökonomischen Rahmenbedingungen zu tun: Wenn unabhängige Nachrichtenagenturen wie die APA in einem relativ kleinen Medienmarkt tätig sind und der Medienmarkt in Summe aufgrund der bekannten Entwicklung, beispielsweise in den Werbemärkten oder in der Mediennutzung, Herausforderungen unterworfen ist, dann steigt schlichtweg der wirtschaftliche Druck.

medianet:
Das heißt, wirtschaftlicher Erfolg ist eine Grundbedingung für redaktionelle Unabhängigkeit.
Pig: Die Formel lautet ‚Redaktionelle Unabhängigkeit durch wirtschaftliche Stärke'. Denn: Wir erleben aktuell eine deutliche Entwicklung und zwar ein publizistisches Erstarken von internationalen staatlichen Nachrichtenagenturen in Ländern, in denen oftmals Regierungsgelder dazu verwendet werden, um PR-Inhalte auch in die großen internationalen Nachrichtenmärkte zu schwemmen. Wir erleben einen PR-Professionalisierungsgrad in teilweise autoritären, illiberalen Staaten. Das geht natürlich auch in Richtung Propaganda. Und das betrifft nicht nur Text, sondern auch Bild und Bewegtbild.

medianet:
Wo würden Sie Parallelen zu heute sehen – in der Notwendigkeit eines Verbands wie der Gruppe 39?
Pig: Die aktuelle Herausforderung ist, als nationale Nachrichtenagentur Lösungen zu organisieren. Das Motto lautet ‚Wesentlich mehr zusammenarbeiten”. Die Agenturen in der Gruppe 39 sind alle genossenschaftlich oder kooperativ organisiert. Sharing Economy findet hier Eingang. Das betrifft vor allem Themen wie Innovation, Technologie und Digitalisierung. Ob es um Videoaustausch, Contentaustausch, Technologietransfer geht – es braucht eine neutrale Instanz.

medianet:
Warum braucht es dann eine neutrale Instanz?
Pig: Wir erleben in Europa teilweise eine Entwicklung, in der staatliche Eingriffe in die Medienwelt einen Anschlag auf die freie Presse bedeuten. Hier mit geeinter Stimme aufzutreten, ist ein zentraler Punkt. Datenthemen oder Login-Allianzen erfordern länderübergreifende Zusammenarbeit. Auch wenn wir an europaweite Themen denken wie die Urheberrechtsnovelle: Alle Agenturen der Gruppe 39 treten natürlich ganz klar für ein Urheber- und Leistungsschutzrecht ein. Hier brauchen wir die Zusammenarbeit der unabhängigen Agenturen, alleine kann man das nicht stemmen.

medianet:
Welche Position nimmt die APA hier ein? Ist man eine Art Science-Lab?
Pig: Unabhängige Nachrichtenagenturen haben alle einen starken Innovations- und Businessfokus. Den Digitalisierungs- und Technologiefokus hat die APA bestimmt am stärksten verankert. Insbesondere bei Themen wie Daten, Artificial Intelligence, Mobile Pay und Bewegtbild können die Nachrichtenagenturen ihre Ressourcen bündeln.

medianet:
Was sind die größten Herausforderungen zurzeit?
Pig: Da sollte man unterscheiden zwischen dem redaktionellen Teil und den technologischen und Business-Entwicklungen. Im redaktionellen Teil geht es darum, den hohen Stellenwert von unabhängiger, faktenbasierter Information in die Zukunft zu bringen. Das bedeutet, dass wir uns auf laufend neue Kanäle und Formate konzentrieren müssen. Da geht es um das geänderte Mediennutzungsverhalten, auf das wir reagieren müssen, indem wir unsere Kunden z.B. verstärkt in den Morgenstunden beliefern. Auch das Thema Automated Content spielt eine große Rolle. Es hilft, den Medien die Informationen bedeutend schneller auszuspielen und im Suchmaschinenranking weit vorn zu sein. Das alles hilft uns dabei, eine News-Tech-Agentur zu werden. Der Fokus von News-Tech liegt auf der APA als redaktions- und inhalte- basierte Software-Nachrichtenagentur. Und das ist ein deutlicher Switch im zukünftigen Produktportfolio. Wir werden neben Inhaltemanagern verstärkt auch zu IT-Prozessmanagern werden.

medianet:
Um noch einmal auf das Redaktionelle zurückzukommen. Gibt es Interventionsversuche seitens der Politik, einzelne Redakteure, bei denen versucht wird, Einfluss zu nehmen? Wie reagiert man darauf?
Pig: Bei mir landen keine Interventionen und das wäre auch vollkommen aussichtslos. Wir sind die APA und wir leben von der Unabhängigkeit und der Neutralität. Das Wichtigste sind Quellenglaubwürdigkeit und Quellenvielfalt. Wenn eine unabhängige Nachrichtenagentur einen Fehler macht, ist es ein Zeichen von redaktioneller Qualität, diesen Fehler rasch und transparent zu korrigieren. Nicht jeder Anruf ist eine Intervention.

medianet:
Steigt die Bedeutung der APA in Zeiten, in denen Redaktionen kleiner werden?
Pig: Medien verwenden die APA als Backbone. Das ist die optimale Rolle, die die Agentur liefern kann. Ich halte das für die perfekte Koexistenz.

medianet:
Die Rollen, die es früher gab, die der Parteien, der Unternehmen, der APA, der Medien haben sich verändert. Mittlerweile haben auch andere Akteure die Möglichkeit, den Spin anders zu drehen.
Pig: In einer digitalisierten Welt ist jede und jeder Produzent. Umso wichtiger ist es, dass wir Leuchttürme der verifizierten und faktenbasierten Information sind. Wir sind kein Wahrheitsministerium, das über wahr und unwahr entscheidet. Wir unterliegen einer journalistischen Ethik und davon werden wir keinen Millimeter abgehen. Die Rahmenbedingungen haben sich geändert, aber unterm Strich ist das Teil des neuen Spiels.

medianet:
Braucht es Regeln?
Pig: Gerade was Soziale Medien betrifft, die eben genau keine Medien sind, weil sie eben keinen journalistischen Produktionsprozessen unterliegen, fehlt es an Einordnung. Umso wichtiger ist es, dass die Medien sich sehr genau an die Spielregeln halten. Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit sind sowohl spiel- als auch demokratie­entscheidend.

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