Die Automobilbranche wird jetzt weiblicher
© Mercedes-Benz Österreich
Agnieszka Kühn
MOBILITY BUSINESS Redaktion 06.02.2026

Die Automobilbranche wird jetzt weiblicher

Mit Agnieszka Kühn übernahm erstmals eine Frau den CEO-Posten bei Mercedes-Benz Österreich.

•• Von Alexander Haide

Das Jahr 2026 markiert einen historischen Meilenstein, denn es war am 29. Jänner 1886, als Carl Benz sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ zum Patent anmeldete – die Geburtsstunde des Automobils und der Beginn moderner Mobilität. Der damalige Pioniergeist prägt Mercedes-Benz bis heute. Seit 1. November 2025 verantwortet Agnieszka Kühn die Geschäftsführung und die Position der CEO von Mercedes-Benz Österreich. In dieser Funktion leitet sie das strategische und operative Geschäft. Die Managerin verfügt über mehr als 15 Jahre internationale Führungserfahrung in der Automobilbranche und kennt den heimischen Markt aus erster Hand. Sie setzt auf einen klaren strategischen Kurs. Dazu zählen eine konsequente Kundenorientierung, die beschleunigte Elektrifizierung, eine starke Produktoffensive sowie verantwortungsvolles Wachstum im Jubiläumsjahr und darüber hinaus.

medianet: Wie sind Ihre ersten Erfahrungen nach nicht einmal zwei Monaten in der neuen Funktion?
Agnieszka Kühn: Ich bin seit zweieinhalb Jahren in Österreich, dadurch kenne ich den Markt schon, die Kunden und die Agenden unserer Partner. Das macht meine neue Funktion als CEO ein bisschen einfacher und das ist ein großer Vorteil. Ich bin aber noch ein wenig im Finden der neuen Rolle, denn ich habe nicht nur die Leitung von Mercedes-Benz in Österreich übernommen, sondern auch die volle Verantwortung über das Finanzdienstleistungsgeschäft behalten. Diese Kombination und das Zusammenbringen der Unternehmen mit ihren Kulturen, Themen und Inhalten passiert neben dem normalen Tagesgeschäft on top. Der Start ist geprägt von vielen neuen Dingen und Herausforderungen. Es gibt ganz viel Freude auf Neues, Zuversicht und viele Ideen, was wir anders machen können.

medianet: Für Sie ist die Motorbranche, die früher eine typische Männerdomäne war, nichts Neues. Ist jetzt die Zeit für mehr Frauen?
Kühn: Ich beobachte das in den vergangenen Jahren, definitiv. Als ich in der Automobilindustrie begonnen habe, fehlten mir die weiblichen Vorbilder. Mir war aber immer bewusst, was ich kann und was ich erreichen wollte: ins Ausland und neue Wege zu gehen. Es gab vereinzelt Frauen, die ich aber nicht als Vorbilder wollte, da sie ein ganz anderer Typ waren als ich. Hätte es mehr gegeben, hätte ich mir mehr von ihnen als von männlichen Vorbildern abschauen können. Das fand ich schade.

medianet: Ist die Zukunft der Automobilbranche weiblicher?
Kühn: Ich denke, dass die Branche bereits weiblich ist, nur nicht in den Top-Positionen. Bei uns würde ich keine Hürden mehr sehen, die es noch vor einigen Jahren gab. Es gibt bei uns auch keine Quoten. Das ist eine ganz große Errungenschaft von Frauen, die das vor meiner Zeit erkämpft haben. Die Automobilbranche muss also nicht weiblicher werden, da ganz viele, unglaublich talentierte Frauen die Branche und unseren Konzern heute bereits beeinflussen.
Ich würde mich freuen, wenn wir noch mehr Frauen in höheren Führungspositionen sehen. Das würde natürlich auch bedeuten, dass es mehr Role Models gibt, was ich für extrem wichtig halte. Ich persönlich war nie ein großer Freund von Quoten, auch wenn mir bewusst ist, dass sie gerade in der Anfangszeit vielleicht notwendig waren, um überhaupt etwas in Bewegung zu setzen. Was ich aber heute feststelle, ist eine positive Entwicklung: Auch die männlichen Kollegen leben ihre Männlichkeit im Führungsstil nicht mehr so aus, wie es noch vor einigen Jahren der Fall war.

medianet: Heuer jährt sich das Automobilpatent für Mercedes-Benz zum 140. Mal. Wird das ausgiebig gefeiert?
Kühn: Als Konzern haben wir entschieden, das gesamte Jahr unter dem Motto ‚140 Jahre‘ zu kleineren und größeren Anlässen zu feiern. Mit der Präsentation der S-Klasse in der Vorwoche wurde die große Feier gestartet und es sind weltweite Events geplant, bei denen wir mit unseren Fahrzeugen um die Welt fahren. Aber es sind auch lokale Events und Aktionen geplant. Ich finde das großartig, da wir aufgrund all der negativen Dinge, die uns bewegen, wie die Wirtschaftslage, manchmal vergessen, dass wir uns selbst feiern können, da wir tolle Produkte haben.

medianet: Die Automobilindustrie hat schon bessere Zeiten erlebt. Was denken Sie über das Hin und Her aus Brüssel bezüglich des Verbrenner-Aus oder die ständigen neuen Förderungsregime für E-Autos. Sorgt das nicht nur für Konfusion?
Kühn: Grundsätzlich hatte die Automobilbranche mit den Auswirkungen der Politik immer schon zu tun. Je länger man dabei ist, umso mehr Krisen hat man mitgemacht und andere Themen, wie Förderungen oder die Abwrackprämie, durchlebt. Es ist wichtig, wenn die Politik den Markt unterstützt, wenn es eng wird und notwendig ist. Von Protektionismus halte ich aber nichts. Wir sind froh, wenn es seitens der Politik Unterstützung wie bei der Elektrifizierung gibt. Ich meine, dieses Hin und Her ist der Zeit geschuldet, in der wir leben. Das sehen wir nicht nur im Kontext der Automobilindustrie.
Wir wissen, dass wir alle nachhaltiger werden müssen und elektrische Fahrzeuge sind gekommen um zu bleiben. Das ist keine Modeerscheinung. In unserem Geschäft braucht die Entwicklung Zeit, denn wir sind keine mit KI entwickelte App, die man schnell herunterlädt. Da gehört mehr dazu. Einerseits braucht es diese Regulierung und wir können froh sein, dass in Europa vieles reguliert ist, da das Sicherheit gibt. Manchmal ist es zu viel wie in allen Lebensbereichen. Als für den österreichischen Markt Verantwortliche wünsche ich mir, dass die Elektrifizierung unterstützt würde.

medianet: Die Zukunft des Automobils ist elektrisch und absolut unumkehrbar?
Kühn: Ja. Es sei denn, wir erfinden etwas Besseres.

medianet: Sie selbst bezeichnen Digitalisierung als Ihr Steckenpferd. Wie weit wird KI das Auto der Zukunft verändern? Wird es zum rollenden Rechenzentrum?
Kühn: Es gibt kaum eine Industrie und keinen Lebensbereich, in dem dieses Thema heute keine Rolle spielt. Wir investieren hier sehr viel, denn zum einen ist die Erwartungshaltung des Kunden vorhanden, denn jeder hat ein Modell wie ChatGPT auf dem Handy, kann Fragen stellen oder Hilfe erhalten. Die gleiche Geschwindigkeit und dieser Zugang werden von einem Fahrzeug erwartet.
Wir pilotieren derzeit Chat-GPT im Fahrzeug. Unser Sprachassistent kann bereits heute sehr viel und wird in Zukunft noch viel mehr können. Ich bin bei Ihnen, wenn Sie meinen das ist spooky und fragen, ob das alles wirklich gut ist. Man muss sich ordentlich viele Gedanken machen, gerade was das Thema Datensicherheit und Cybersecurity betrifft. Gleichzeitig ist in der Produktion, allen Prozessen bis zur Supplychain und bei den einfachsten Bürotätigkeiten KI angekommen.

medianet: Entwickelt Mercedes derzeit Technologien für autonomes Fahren?
Kühn: Unsere MB.OS-Architektur ist vollständig für SAE-Level 3 ausgelegt. Wir arbeiten intensiv daran, den Einsatzbereich des Systems deutlich zu erweitern, beispielsweise für höhere Geschwindigkeiten bis 130 km/h und verschiedene Wetterbedingungen. Aus diesem Grund haben wir unser bisheriges Drive Pilot-Programm vorübergehend pausiert. Sobald diese nächste Generation von Level-3-Systemen einen klaren Mehrwert für unsere Kunden bietet, werden wir sie verfügbar machen. Parallel dazu bieten wir mit unserem neuen L2++-Fahrerassistenzsystem schon heute einen hohen Nutzen. Wir erwarten, dass die Entwicklungen von Level 2++ und Level 3 in etwa zwei bis drei Jahren zusammenlaufen werden.

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