••• Von Alexander Haide
Der Personenverkehr klappt gut, beim Gütertransport auf der Schiene ist noch viel zu tun. Anständig ins Stottern kommt der Bahnausbau jenseits der Grenzen, wenn es um ein einheitliches EU-Eisenbahnsystem geht. Sebastian Kummer, Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik an der WU Wien, und Michael Schwendinger, Verkehrsexperte beim VCÖ, analysieren den Ist-Zustand und skizzieren, was in Zukunft noch zu tun ist.
medianet: Die ÖBB investiert bis zum Jahr 2030 19,7 Milliarden Euro in den Ausbau der Bahn. Ist das genug?
Michael Schwendinger: Investitionen ins Bahnnetz sind nie genug und man kann immer mehr investieren. Österreich steht bei der Eisenbahninfrastruktur im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht da. Die deutsche Organisation ‚Allianz für Schiene‘ beleuchtet die Investitionen, wobei Österreich mit 350 Euro pro Kopf im europäischen Vergleich auf Platz drei liegt, hinter Luxemburg und der Schweiz. In Deutschland sind es weniger als 200 Euro.
Bei der Infrastruktur ist Deutschland leider das Negativbeispiel, denn es wurde über die vergangenen zwanzig Jahre zu wenig investiert und das rächt sich jetzt. Infrastrukturen zu erhalten, ist eine sehr langfristige Angelegenheit. Bei Einsparungen werden Probleme erst nach einigen Jahren sichtbar. Es ist fahrlässig, Investitionen zu verschieben, da das ein Hinausschieben auf die nächste Generation ist.
Sebastian Kummer: Österreich ist bei der Infrastruktur im Gegensatz zu anderen Ländern ganz gut, weil man extrem viel Geld investiert hat. Das ist positiv zu beurteilen. Ich glaube, dass wir im Personenverkehr ganz gut unterwegs sind, da nützt uns natürlich der Wettbewerb zwischen der ÖBB und der Westbahn auf der Langstrecke. Im Nahverkehr könnte man immer etwas verbessern. Im Güterverkehr sind riesige Probleme vorhanden, da der Strukturwandel schlagend wird. Es werden immer weniger Kohle und schwere Materialien als Massengüter transportiert, es geht mehr in die Richtung Kaufmannsgut, Sammelstückgut und kleinere Sendungen. Dafür bräuchte es Automatisierungskonzepte beim Containerumschlag und bei den Fahrzeugen.
medianet: Was nützt ein tolles Eisenbahnsystem in Österreich, wenn es hinter der Grenze hapert?
Schwendinger: Das große Zielbild ist ein einheitliches EU-Bahnsystem, denn derzeit geht viel an Attraktivität und Kapazität verloren. Das ist am Paradeprojekt Brenner-Basistunnel gut erkennbar, denn er alleine hilft uns in Österreich nicht weiter. Da müssen die Nachbarländer mitspielen. Und beim Nord-Süd-Zulauf herrscht durchaus Verbesserungsbedarf. Wenn Deutschland weniger investiert, hilft dieses Milliardenprojekt nichts.
Dabei wird ersichtlich, dass Eisenbahn eigentlich eine internationale Angelegenheit ist. Es wäre deshalb das Paradeprojekt der EU im nächsten Jahrzehnt, dass wir ein einheitliches Bahnsystem bekommen.
medianet: Der Güterverkehr stagniert. Welche Maßnahmen könnten getroffen werden?
Kummer: Das Problem ist, dass man so viel in Tunnelprojekte investiert. Fünf Milliarden für die Koralmbahn ist für mich von dem Kosten-Nutzen-Verhältnis her nicht gerechtfertigt.
Das andere Problem ist, dass sehr viel Geld in den Brenner-Basistunnel gesteckt wird, der Nutzen aber hauptsächlich in Italien liegt. Den sehe ich hier für Österreich nicht. Der Tiroler Bevölkerung wird immer versprochen, dass er große Verlagerungen (des Lkw-Transitverkehrs, Anm.) bringt. Man wird erst sehen, ob die eintreten.
Alle Ziele, die den Güterverkehr betreffen, sind verfehlt worden, beim Personenverkehr sehe ich einen gewissen Nutzen. In diesem Bereich ist die Verkehrspolitik durchaus erfolgreich. Der Semmering-Basistunnel wird noch einmal einen großen Schub beim Passagierwachstum im Personenverkehr bringen. Das konnten wir beobachten, nachdem die West-Strecke attraktiv wurde. Ich bin immer dafür eingetreten die Strecke zwischen Graz und Linz, also die Pyhrn-Strecke, auszubauen. Dort besteht sicherlich noch Bedarf, aber richtig überzeugend sind die Pläne dafür nicht. Von dem Plan von Wels über nördlich von Salzburg bis nach Deutschland eine ganz neue Strecke durch hügeliges Gebiet zu bauen halte ich überhaupt nichts.
Schwendinger: Für viele Unternehmen ist der Tonnenkilometer beim Lkw günstiger. Hier sollten externe Kosten besser abgebildet werden, man kann auch über eine Ausweitung der Maut auf Landesstraßen, wie in der Schweiz, nachdenken. Hinzu käme die bessere Kontrolle von Lohndumping, des Einhaltens von Ruhezeiten, von Sozialstandards und der Überladung. Diese Missstände sind beim Lkw möglich und bei der Bahn nicht. Hier gibt es eine Schieflage. Es muss sich für den Unternehmer rechnen, vom Lkw auf die Bahn umzusteigen.
Der zweite Punkt sind die erste und die letzte Meile, die Einfüllstutzen in das System. Hier müsste bei Güterterminals in punkto Kapazität mehr Platz geschaffen werden. Aber auch Anschlussbahnen gehen in Österreich zurück und bei großen neuen Betriebsansiedelungen ist das auch nicht mehr vorgeschrieben. Zusätzlich sind andere Verlademöglichkeiten abseits von großen Güterterminals und Anschlussbahnen nötig, Verlademöglichkeiten für den kombinierten Verkehr.
Kummer: Man müsste nur konsequent den kombinierten Verkehr nicht mit der rollenden Landstraße, sondern mit Behältern oder Sattelauflegern transportieren und sie auf die Bahn bringen. Und danach batterieelektrische Zugmaschinen oder, beim Containerbetrieb, E-Lkw einsetzen, die Vor- und Nachläufe erledigen. Das wäre auch ökologisch eine sehr gute Alternative.
Zusätzlich bräuchte es eine starke Konzentration auf den Seehafenhinterlandverkehr. Da sind wir schon ganz gut, aber es könnte noch einiges gemacht werden. Dabei setzt man auch gewisse Hoffnungen auf die Koralmbahn. Die Strecken nach Koper und nach Rijeka wären aber viel wichtiger.
Sehr bedeutend wäre für den Ausbau auch die Strecke von Berndorf bis zur slowenischen Grenze, der verschoben wurde, was für mich völlig unverständlich ist. In dieses Projekt müsste unbedingt investiert werden, um den Güterverkehr zu verbessern. Die Trasse ist derzeit nur einspurig, da müsste ein zweites Gleis gelegt werden. Dafür existiert eine Planung, bei der Realisierung wurde aber eingespart. Berndorf ist einer der erfolgreichsten Logistikstandpunkte, deshalb sollte man ihn auf der Straße und auf der Schiene gut anbinden.
Es ist auch ein Witz, dass autonomes Fahren auf der Schiene, was relativ einfach möglich wäre, in Österreich allgemein verschoben wurde, obwohl es große Pläne und Pilotprojekte gab. Das wäre gerade im Güterverkehr ein Riesenvorteil. Im Personenverkehr könnte man über autonomes Fahren diskutieren, da ist es nicht so wichtig. Im Güterverkehr wäre das ein ganz großer Gewinn.
