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Der Angriff der Bitcoin-Kinder © Panthermedia.net/Arina Habich
© Panthermedia.net/Arina Habich

Redaktion 22.09.2015

Der Angriff der Bitcoin-Kinder

Der Handel könnte bald erstmals in der ­Geschichte über eine Infrastruktur abgewickelt werden, die nicht mehr ein Einzelner besitzen kann.

•• Von Sven Gabor Janszky

Die meisten Innovations­experten, die ich in Unternehmen berate, haben Bitcoin schon abgeschrieben. Zuerst kratzten Hackerangriffe und die betrügerischen Crashs der Bitcoin-Börsen Mt. Cox und Bitstamp am Image der Kryptowährung, dann wandten sich auch die Glücksritter auf der Suche nach dem schnellen Gewinn ab. Die Folge: Der Wechselkurs zu Dollar und Euro sank erstmals signifikant – um zwei Drittel. Man könnte meinen, dass der Kryptotrend seine besten Tage schon gesehen hätte. Doch vermutlich ist das Gegenteil der Fall!

Nahezu im Wochentakt erscheinen derzeit die Nachfolger von Bitcoin: OpenBazaar greift eBay an, Lighthouse greift Kickstarter an, Darkleaks greift Wikileaks an, Storj greift die Dropbox an … Die Logik ist immer die gleiche: Durch eine dezentralisierte Technologie werden kostenlose und anonyme Märkte zum Austausch von Produkten und Leistungen geschaffen. Das „Problem“ dabei: Scheinbar hat hier niemand die Macht, die Regeln und Preise zu bestimmen. Wenn dies Schule macht, könnte es den Tod von jeder Art Online-Händler bedeuten. Wohlgemerkt nicht vom Handel, aber vom Händler.

Open Bazaar – the new eBay

OpenBazaar ist ein dezentralisiertes eBay. Jeder kann alles verkaufen. Die Logik ist exakt wie bei eBay: Jemand stellt einen Artikel ein, andere können kaufen. Doch der Unterschied liegt in zwei Dingen: Erstens kostet es keine Einstellgebühren für den Verkäufer. Und zweitens kann jeder Nutzer anonym bleiben. Dies geht, weil OpenBazaar keinen zentralen Server hat. Es hat Apps, also Clients, auf den Geräten seiner Nutzer und speichert seine Inhalte dort. Im besten Fall liegen die Daten des Dienstes also gleichzeitig auf Millionen von Computern und Smartphones weltweit. Natürlich werden die Nutzer vorher gefragt, ob sie auch ihren Computer für die Datenkopie zur Verfügung stellen wollen. Wer zustimmt, spart Geld, er erhält einen Teil seiner Transaktionskosten zurück. Durch diese dezentrale Struktur werden Ausfälle oder Server-Konfiszierungen nahezu unwahrscheinlich. Und die komplette Kommunikation, also alle Kaufprozesse, wird automatisch PGP-verschlüsselt. OpenBazaar geht weit über eBay und Amazon hinaus. Denn durch die Anonymität von Verkäufern und Käufern lässt sich auf diese Weise jeder Vertrag nach peer-to-peer-Logik schließen. Nicht nur der Kauf von Produkten, sondern Versicherungen, Vermietungen, Finanzierungen … jeweils direkt zwischen Menschen und ohne Provisionen an Institutionen. Genau dies ist die Idee hinter OpenBazaar.

Darkleaks – the new Netflix & Wikileaks

Darkleaks ist ein Schwarzmarkt zum Verkaufen und Kaufen von Informationen und Dateien. Ein Verkäufer kann anonym eine geheime Datei zum Kauf anbieten, ein meistbietender Käufer anonym kaufen. Das System hat einen automatischen Mechanismus für die Authentifikation der Dateien. Es wählt zufällige Teile der Datei aus und zeigt sie dem Käufer an, sodass er sich von der Echtheit und Qualität ein Bild machen kann. Die Zahlung erfolgt per Bitcoin, sodass der Zahlungseingang eindeutig und automatisiert festgestellt wird und die Übertragung der Datei an den Käufer automatisch erfolgt. Alle Kommunikation und Transfers sind natürlich verschlüsselt. Darkleaks nutzt die Blockchain-Technologie von Bitcoin, um ebenfalls keinen zentralen Server zu benötigen, sondern die Datenkopien millionenfach im Internet zu verteilen. Es gibt keine realen Identitäten, keinen zentralen Anbieter und keine direkte Interaktion zwischen Leaker und Käufer. Die Entwickler proklamieren, Darkleaks sei ein Geschenk, um Korruption und Kriminalität zu stoppen. Dies ist die eine Seite. Aber genauso wie Informationen über Steuerhinterziehungen, Korruption oder Menschenrechtsverletzungen von Geheimdiensten kann man Darkleaks nutzen, um Raubkopien von unveröffentlichten Filmen zu verkaufen, gefälschte Doktorarbeiten, den gestohlenen Quellcode einer wichtigen Software. Oder Nacktfotos von Prominenten. Darkleaks hat das Potenzial, zum Tummelplatz für Erpresser jeder Art zu werden, egal ob sie Staaten erpressen wollen oder den Klassenkameraden auf der Hinterbank. Der allererste Verkäufer auf Darkleaks nannte sich „SR Doug”. Er gab an, der Chefprogrammierer der inzwischen verbotenen Schwarzmarkt-Plattform „Silk Road“ gewesen zu sein, einer Art eBay für den Waffen- und Drogenhandel. Auf Darkleaks bietet er eine Datei an, die angeblich die Usernamen und Passworte von 476.122 Silk Road-Nutzern, 13.280 Produktangebote, 52.481 private Nachrichten, 145.493 Geldtransaktionen und den kompletten „Silk Road“ Quellcode enthält.

Lighthouse: The new Kickstarter

Lighthouse ist ein Crowdfunding-Dienst, basierend auf der Bitcoin-Blockchain. Das heißt: Es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens: dezentral ohne Server. Zweitens: über einen Server. Vor allem aber heißt es: „Cut out the middleman and keep what you raise.“ Weil es keinen Server und keinen Plattformbetreiber gibt, gibt es auch keine Provisionen. Die Usability ist ähnlich wie bei anderen Crowdfunding-Plattformen auch: Man stellt ein Projekt ein, beschreibt es und gibt an, wie viel Geld man dafür braucht, und was jeder Investor dafür erhält. Dann haben Investoren die Möglichkeit, das Projekt mit Geld zu unterstützen. Es geht dabei im ersten Schritt nicht um eine Neuerfindung der Venture Capital-Prozesse, sondern um eine neue Art, gemeinnützige Projekte gemeinsam zu finanzieren. Das klassische Prinzip liegt schon im Namen: Lighthouse. Von einem Leuchtturm an der Küste profitieren Tausende Segler. Aber keiner von ihnen hat das Geld, allein den Leuchtturm zu bauen. Also legen sie zusammen. Anonym. Und wenn der Leuchtturm steht, ist er für die Öffentlichkeit. Es ist unmöglich, dass ihn nur bestimmte Schiffe sehen. Auf diese Weise soll vor allem die Finanzierung des weiteren Ausbaus der Bitcoin-Infrastruktur, die Verbesserung des Codes aber auch neue Micropayment-Anbieter und Dropbox-Angreifer finanziert werden.

Was geschieht hier?

Erinnern Sie sich noch an die Musiktauschbörse Napster, die 2001 verboten und geschlossen wurde? Das war möglich, weil das „Geschäft“ von einem Anbieter über einen Server, also einen Zentralcomputer, betrieben wurde. Mensch und Computer konnte man finden und abschalten. Doch sofort nach Napster entstanden neue peer-to-peer-Netzwerke: Gnutella, Fast Track, eDonkey, Direct Connect, BitTorrent. Ihr Grundgedanke: Wenn es nicht mehr eine Person und einen Zentralserver gibt, sondern quasi jeder Nutzer die gleiche Software auf seinem Computer hat, die sich dann mit all den anderen Computern verbindet, dann lässt sich das System weder zensieren, noch verbieten noch abschalten. Dies war die Geburt der P2P-Filesharing-Systeme. Ihre Grundlogik: Das Handeln von Produkten wird kostenlos und anonym. Doch solange sie „nur“ das Kopieren und Teilen von digitalen Daten möglich machten, war die Wirkung begrenzt: Auf virtuelle Güter in Dateiform, wie Musik, Bücher, Filme, Games und Pornos. Was braucht es, damit die „Kostenlos-und-anonym-durch-peer-to-peer-Logik“ auch über die anderen haptischen Dinge kommt? Es brauchte eine anonyme Währung, denn haptische Dinge sind nicht einfach kopierbar, sondern müssen ge- und verkauft werden. Dies ist mit Bitcoin und seiner Blockchain Technologie entstanden. Und es braucht dezentrale, kostenlose, provisionsfreie „Marktplätze“, die nicht gefunden und verboten werden können. Genau die entstehen gerade. Jetzt sind alle Puzzlestücke zusammen. Die Folge: Für jeden beliebigen Menschen auf der Welt wird es demnächst möglich sein, mit jedem anderen Menschen ein Geschäft zu machen, ohne auf Zwischenhändler, Makler, Marktplätze oder andere Institutionen angewiesen zu sein. Das Einzige, was man dafür braucht, ist eine App auf dem Handy.

Wo führt das hin?

Wir dürfen nicht den Fehler begehen, zu denken, dass wir hier am Ende einer Entwicklung wären. Wenn man über OpenBazaar Produkte kaufen kann und über Darkleaks Informationen kaufen kann, dann ist das erst der Anfang. Realistisch betrachtet, kann auf diesem Weg jeder denkbare Vertrag der Welt auf peer-to-peer-Weise geschlossen werden: Für Verkäufe, Versicherungen, Vermietungen, Finanzierungen … jeweils direkt zwischen Menschen ohne Zwischenhändler und ohne Provisionen für diese Händler. Möglicherweise erleben wir hier eine historische Situation.
Bislang liegt die Macht über den Handel in der Hand einiger weniger Institutionen, die diese Macht erhalten, weil sie das knappe Gut an Infrastruktur in Logistik und Verkaufsorten besitzen. Dies lassen sie sich teuer bezahlen durch Margen und Provisionen. Doch künftig könnte erstmals in der Geschichte der Menschheit der Handel über eine neue Infrastruktur abgewickelt werden, die nicht mehr von einzelnen besessen werden kann, sondern kostenlos allen interessierten Käufern und Verkäufern zur Verfügung steht.

Und was wird der Kunde machen?

An dieser Stelle werbe ich um Realismus. Es gibt natürlich weiterhin nicht „den“ Kunden. Realistischerweise gibt es Kundensegmente, die die Bequemlichkeit von Amazon wählen.
Daneben wird es Kundensegmente geben, die die Kostenlos-Mentalität und Privacy von OpenBazaar schätzen. Und es wird ein Kundensegment geben, das an jeder Plattform vorbei direkt und persönlich mit dem Hersteller umgehen möchte.

Die Bitcoin-Story

Die Idee
Bitcoin ist ein dezentrales Zahlungssystem und der Name einer digitalen Geldeinheit.Überweisungen erledigt ein Rechner-Zusammenschluss über das Web mittels Peer-to-Peer-Anwendung ohne zentrale Abwicklungsstelle (Bank). 2008 wurde Bitcoin in einem White Paper unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto erstmals beschrieben, 2009 als quelloffene Bitcoin-Software puliziert.

Die Umsetzung
Bitcoins können dazu verwendet werden, um Güter oder Dienstleistungen zu bezahlen.Anfang März 2015 waren im OpenStreetMap-Datenbestand 6.284 Orte wie z.B. Geschäfte oder Hotels eingetragen, die Bitcoin akzeptieren. Zu den größten Online-Diensten, die Bitcoins akzeptieren, gehören der Social News-Aggregator Reddit, Microsoft Account, Overstock.com, Dell und Expedia.

Der Kurs
Die Forscher Dorit Ron und Adi Shamir analysierten im Mai 2012 den Transaktionsgrafen und ermittelten eine Zahl von 2,4 Mio. unabhängig verwendeten Adressen. Diese Zahl stellt eine Obergrenze der Nutzer dar, die bis zu dem Zeitpunkt eine Bitcoin-Transaktion durchgeführt haben. Die ersten Wechselkurse wurden 2010 ausgehandelt; Mitte Juli 2015 lag der Kurs knapp unterhalb der 300-USD-Marke.

Sven Gabor Janszky
ist Trendforscher, Buchautor, Speaker
und Direktor des 2b Ahead ThinkTanks.
http://www.2bahead.com

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