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Im Handel besteht Handlungsbedarf © Lidl Österreich
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Eva Kaiserseder 16.03.2018

Im Handel besteht Handlungsbedarf

Der Lehrlingsmonitor zeigt: Zeitdruck und körperliche Belastung sind die Stressfaktoren. Im untersten Drittel beim Beliebtheitsranking: der Handel.

••• Von Eva Kaiserseder

Der Einzelhandel hat ein Problem – zumindest wenn man den jüngst veröffentlichten Ergebnissen des „Lehrlingsmonitors” glauben darf. Im untersten Drittel rangiert man da im Ranking der populärsten Lehrberufe, gleichauf mit Hotellerie&Gastgewerbe, die fast schon traditionell unter einem massiven Fachkräftemangel leiden, Friseuren oder Elektrotechnikern. Kritik kam anlässlich der Studienpräsentation auch von ÖGB-Chef Erich Foglar und AK-Präsident Rudolf Kaske, den Herausgebern der Studie: So „gäbe es sicher Handlungsbedarf, um die heimischen Lehrbetriebe zukunftsfit zu machen, vor allem bei der Ausbildungsqualität, arbeits- und sozialrechtlichen Fragen und dem Arbeitsklima”. Jeder dritte Lehrling gibt außerdem an, häufig oder sehr häufig Arbeiten zu erledigen, die nichts mit seiner Ausbildung zu tun haben. Dass jeder vierte Lehrling angibt, nach einem Arbeitstag „körperlich am Ende” zu sein, zeigt: Die Arbeitsverdichtung ist nicht weniger geworden.

KV wird von allen brav getoppt

Als größter Lehrlingsausbildner gilt traditionell der Lebensmittel­einzelhandel; allein Spar bietet 2.700 Stellen österreichweit an und ist damit der größte private Anbieter in Sachen Lehre, „wobei wir in den letzten Jahren nicht mehr alle Stellen besetzen konnten”, so Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann. Woran das liegen könnte? „Sicher auch daran, dass in dem Alter, wo Teenager diese Entscheidung fällen, einfach noch wenig Wissen über den Arbeitsmarkt und die Arbeit an sich da ist; da gilt der LEH noch als weniger cool”, so Berk­mann weiter. Aktuell werden übrigens 2.300 Lehrlinge ausgebildet, in Wien hat Spar mit der Spar Akademie eine eigene Berufsschule mit Öffentlichkeitsrecht. Dort punktet man neben Basics für die Praxis dann auch mit durchaus Extravagantem: Seit vielen Jahren stehen z.B. Schauspiel-Methoden als Goodie für die Persönlichkeitsentwicklung auf dem Stundenplan. Prämien und Benefits wie der Gratis-B-Führerschein bei Topleistungen runden das Package ab, das Feedback der Lehrlinge ist dann auch dementsprechend „sehr positiv: Wenn die Jugendlichen einmal bei uns angefangen haben, können wir bestens punkten. Die Schwierigkeit ist, sie vorab für uns zu begeistern”, so Berkmann.

Beim Mitbewerb aus dem Diskontrevier agiert man minimalistisch: Hofer etwa holt nur begrenzt Lehrlinge, aktuell sind es rund 400. Diese 400 werden jedoch überdurchschnittlich gut bezahlt: Im dritten Lehrjahr winken dem Fast-Absolventen monatlich satte 450 € mehr als die kollektivvertraglich vereinbarten 1.015 €. Wobei fairerweise gesagt werden muss: Den Kollektivvertrag toppen sämtlich auch Spar, Billa und Lidl. Pro Filiale gibt es bei Hofer jedenfalls maximal zwei Lehrlinge, insofern kann sich das Kernteam dem Rookie intensiv widmen und Neues zeigen. Interessantes Fact an dieser Stelle aus dem „Lehrlingsmonitor”: Gerade das ist für die Lehrlinge ein echtes Manko, nämlich die fehlende Zeit, die es gibt, um auszuprobieren, zu üben und zu verstehen; jeder Vierte bemängelt das.

Lehrlinge als Chefs

Ein Rollentausch spezieller Natur geht aktuell bei Billa über die Bühne (siehe auch Seite 48): Zum insgesamt sechsten Mal übernahmen Lehrlinge das Ruder; eine Woche lang waren sie an rund 200 Billa-Standorten österreichweit Filialleiter, Planung und Umsetzung von Kundenaktivitäten plus Mitarbeitergespräche inklusive. Auch Lidl hat ein ganz ähnliches Projekt mit Namen „Lehrlinge on tour”: Die Idee dahinter: „Den Teamgeist zu fördern und unter realen Bedingungen zu zeigen, worauf es bei der Arbeit im Einzelhandel ankommt – auf Verantwortungsbewusstsein und Zusammenhalt”, so das Unternehmen dazu. Und nicht zuletzt geht es um die Freude am Beruf: Sieben von zehn Befragten beim Lehrlingsmonitor macht die Arbeit Spaß.

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