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Wenn eine Marke eine Nation prägt © PantherMedia/soniabonet (YAYMicro)
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Redaktion 19.02.2021

Wenn eine Marke eine Nation prägt

Der schwarze Stier ist das Markenzeichen der Bodega Osborne. Längst ist er zum Symbol für Spanien geworden.

••• Von Maren Häußermann

MADRID. In einer Hafenstadt in Südspanien reihen sich die Lagerhallen aneinander, weiß gestrichen hinter grauem Himmel. Zwischen ihnen ein sauber gepflasterter Weg, gesäumt von Orangenbäumen. Im Herzen der Weinerei Osborne steht der schwarze Stier – aus Eisen besteht das Markenzeichen, das mittlerweile als spanisches Symbol gilt und auch von der Firma Swarovski schon mit Kristallen besetzt wurde.

Im 18. Jahrhundert kam ein Engländer nach Cádiz und begann damit, Wein herzustellen, der als Sherry in die Geschichte eingehen sollte. Noch heute ist das Unternehmen Osborne in Familienbesitz. Alle 300 Aktionäre sind Familienangehörige. Und auch das Produkt ist noch immer das gleiche.

Regionale Einzigartigkeit

Das Besondere am Wein aus Jerez ist die Region, in der er hergestellt wird. Zwischen Puerto de Santa María, Sanlucar de Barrameda und Jerez de la Frontera ist die Luftfeuchtigkeit optimal. Die Lagerhalle, in der sich die Fässer stapeln, ist von schwarzem Schimmel geschmückt. Würde man ihn entfernen, würde er wiederkommen, sagt Jose Luis Conteras, der durch die Halle führt. Doch gerade das sei wichtig.

Das ganze Jahr über herrscht in den Lagerhallen eine Temperatur zwischen zwölf und 25 Grad. Keine künstliche Wärmeregulierung ist dafür notwendig, das subtropische Klima ermöglicht an diesem Abschnitt der Costa de la Luz eine jährliche Durchschnittstemperatur von 18 Grad. Obwohl die Trauben sehr wohl aus umliegenden Gebieten stammen, wo andere Bedingungen herrschen, dürfen ausschließlich diejenigen Weine als Sherry oder Brandy de Jerez bezeichnet werden, welche durch die geschützte Herkunftsbezeichnung auf diesen Teil Spaniens zurückzuführen sind.
Nachdem der Alkoholgehalt von 37% auf 30% gesenkt wurde, ist der Brandy seit 2019 als Veterano im Handel. Er wird in den Fässern hergestellt, in denen zuvor für den Zeitraum von 30 Jahren Sherrys hergestellt wurden. 40 Jahre lang werden die Fässer für Brandy verwendet und anschließend weiterverkauft, beispielsweise nach Schottland, wo Whisky darin reift.

Reifeverfahren

Die Fässer sind in drei Reihen aufeinandergestapelt: Ganz unten, in den Soleras, befinden sich die ältesten Mischungen, in den obersten ist der Wein am jüngsten. „Jeder Wein aus Jerez ist eine Mischung. Ist ein Jahrgang ausgewiesen, handelt es sich um eine Fälschung”, erklärt Conteras. Deshalb hat das Getränk immer die gleiche Farbe und den gleichen Geruch.

Vorarbeiter und Önologen entscheiden, wann die Produkte der Soleras auf den Markt gebracht und die Fässer mit jüngerem Wein aufgefüllt werden. Dabei werden die Holzgefäße, welche 600 l fassen, nur bis zu 500 l befüllt. Auf ihrer Oberfläche bildet sich die Weinreife, welche als Schutzfilm zwischen dem Alkohol und dem Sauerstoff liegt und das Produkt somit konserviert. Gleichzeitig entzieht sie ihm so Glyzerin und die Säure, was dem Wein aus Jerez seinen einzigartigen Geschmack verleiht.
Sechs Weine bietet die Bodega an – vom eher bitteren Fino bis zum süßen Vermut. Dieser wird mit der Traube hergestellt, die nach Pedro Jiménez benannt ist, der angeblich die Riesling-Traube aus Deutschland nach Spanien gebracht hat. Weil die südeuropäische Region wärmer und sonniger ist, ist der Geschmack anders als im kühlen Weinland Deutschland. Der Klimawandel habe sich bisher nicht auf die Weine ausgewirkt, allerdings auf die Weinlese: War diese früher noch Mitte September, sei sie letztes Jahr Anfang August gewesen.

Stier goes Austria

Die österreichische Firma Swarovski hat das Markenzeichen der Firma Osborne als international anerkanntes spanisches Symbol auserwählt, es mit Kristallen bestückt und als Sammlerstück in Madrid ausgestellt, wo es zeitweise im Jahr 2013 vor dem Amerikahaus stand. Der Wind bewegte die Kristalle und ließ sie mit dem Licht spielen. Nachdem Teile daraus gestohlen wurden, hat das Haus Osborne das Ausstellungsstück in seine eigene Sammlung gebracht.

Tatsächlich hat der Stier zu nationalen Debatten geführt – zwischen Stierkampfgegnern und den Menschen, welche eine Union Spaniens gegenüber der Regionalität verteidigen. Osborne verteidigt, dass es sich bei ihrem Markenzeichen niemals um ein politisches Statement gehandelt habe. Der Brandy sei ein starkes Getränk, der Stier ein starkes Tier. Alle Produkte, die den Stier tragen, welcher häufig auf Souvenirs gedruckt ist, werfen einen Teil für Osborne ab, welche das Patent darauf besitzen.
Dass der Stier von der Marke getrennt wahrgenommen wird, ist vor allem der europäischen Bürokratie geschuldet. Früher standen 500 Eisenstiere in ganz Spanien verteilt; sie trugen den Markennamen und Werbung. Doch im Jahr 1988 entschloss man sich in Form einer Richtlinie dazu, dass solche Werbetafeln an den Straßenrändern nicht mehr genehmigt sind, weil sie schlicht vom Straßenverkehr ablenkten.
Laut Osborne gab es aber so viele Beschwerden der Spanier, die sich mit dem Stier identifizierten, dass schlussendlich 95 davon bleiben durften. Ohne Aufschrift. Als unfreiwilliges politisches Symbol.

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