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Supply-Chain mit Team-Geist © Jakub Jirsk/Fotolia

Vom Hersteller bis in das Supermarktregal ist es ein langer Weg – dank EDI können Produkte rasch und effizient durch die Supply-Chain geschleust werden.

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Vom Hersteller bis in das Supermarktregal ist es ein langer Weg – dank EDI können Produkte rasch und effizient durch die Supply-Chain geschleust werden.

Helga Krémer 14.09.2018

Supply-Chain mit Team-Geist

Unterschiedliche Produkte – unterschiedliche Konzepte – unterschiedliche Lieferketten. Eine Gemeinsamkeit gibt es dennoch: EDI.

••• Von Helga Krémer

Jedes Handelsunternehmen und jeder Hersteller hat seine Besonderheiten – bei den Warengruppen, bei den Produkteigenschaften, bei der Organisation der Lieferketten. Zu den unterschiedlichen Einflussfaktoren zählen u.a. das Konsumentenverhalten oder auch rechtliche und regulatorische Bestimmungen. Es wird unterschieden, ob Waren einen kurzen oder einen langen Lebenszyklus haben. Zu den „Langen” gehören die sogenannten FMCG, Fast Moving Consumer Goods. Schnelldreher, Konsumgüter des täglichen Bedarfs, wie etwa Nahrungsmittel, Putz- oder Pflegeprodukte. Dann gibt es solche mit kürzerem Lebenszyklus, saisonale Produkte, modische Trendprodukte oder elektronische Geräte wie Digitalkameras. Je nach Zyklus, Lieferanforderung und Geschäftspartner werden diese durch unterschiedliche Supply Chain-Konzepte vertrieben.

Was sie alle verbindet?

EDI. Das steht für elektronischen Datenaustausch oder auch Electronic Data Interchange und bezeichnet jene Technologie, durch die elektronische Geschäftsdokumente wie beispielsweise elektronische Bestellungen, Lieferscheine oder Rechnungen automatisiert und standardisiert zwischen Unternehmen ausgetauscht werden können. In Echtzeit, ohne Medienbruch und auf vielfältigste Art und Weise.

Damit das störungsfrei und vollautomatisch passiert, gilt es, gewisse Grundvoraussetzungen zu erfüllen. Dazu gehört unter anderem die gewissenhafte Pflege der unternehmenseigenen Stammdaten. Denn diese identifizieren in der gegenseitigen Kommunikation unmissverständlich sowohl die Unternehmen als auch ihre Produkte/Artikel, Läger, Geschäfte und vieles mehr.

Die Krux mit den Stammdaten

Manchmal begreife man erst durch die Einführung von IT-Systemen im Unternehmen, wie wichtig Stammdaten sind und dass sie funktionieren müssen. „Stammdaten sind das Öl in den Zahnrädern heutiger Supply Chains”, befindet Peter Sturm, Head of Supply Chain, Nestlé Österreich GmbH.

„Ein im Handel erhältliches Produkt hat schnell mal 50 unterschiedliche Attribute. Fehlerhafte Daten führen hier unweigerlich zu Problemen, und insofern ist Datenqualität ein Muss”, meint Gerd Marlovits, Geschäftsführer Editel Austria. Auch Sylvia Völker, Head of Supply Chain Management, Maresi Austria GmbH, bestätigt: „Stammdaten hat man in allen Bereichen – im Marketing, im Vertrieb, das ist nicht nur ein logistisches ­Thema.” Bei Maresi hält man aus diesem Grund dazu regelmäßig interne und externe Schulungen ab.

Netzwerkeffekte nutzen

Hat man dieses Fundament für den Datenaustausch geschaffen, geht es an die Umsetzung. „Was wir im Zusammenhang mit EDI bemerken: Wenn die großen Unternehmen lückenlos eine bestimmte Technologie abdecken, dann ziehen auch die kleineren und mittleren Betriebe über Netzwerkeffekte mit. Weil einfach der Nutzen für jeden einzelnen, der dieses ­System verwendet, immer mehr steigt”, sagt Maria ­Madlberger, Universitätsprofessorin an der Webster Vienna Private University. Das habe man sehr stark in der FMCG-Branche sehen können, „diese zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie versucht, die großen Warenmengen, die ihr eigen sind, möglichst ­effizient durch die Supply Chain zu schleusen. Da hat man natürlich einen ganz anderen Bedarf, was Datenaustausch und Kooperationsmodelle angeht. In manchen Bereichen kommen bspw. Konzepte wie VMI und CPFR zur Anwendung.”

Partnerschaftlich und …

Das Konzept VMI, Vendor-managed Inventory oder zu Deutsch Lieferantengesteuerte Lagerhaltung, ist ein logistisches Mittel zur Verbesserung der Performance in der Lieferkette, bei dem der Lieferant Zugriff auf die Lagerbestands- und Nachfragedaten des Kunden hat. Der Warenbestand beim Kunden wird dabei vollständig vom Lieferanten verwaltet. Grundlage für die Berechnung der Lieferungen sind z.B. Verbrauchs- oder Abverkaufszahlen, die elektronisch übermittelt werden.

… standardisiert steuern

Ähnlich bei CPFR, Collaborative Planning, Forecasting and Replenishment (bedeutet wortwörtlich gemeinsame Planung, Prognose und Bestandsführung). Neben den sog. Kurantmengen, die täglich übermittelt werden, fließen auch Aktionsmengen in die Planung ein, die nach dem tatsächlichen Bedarf gesteuert sind.

„Mit diesen Daten kann man auf Markteinflüsse Rücksicht nehmen, man kann dahinterliegend auch die Produktion steuern”, weiß Franz Haiden, Geschäftsleitung Q Logistics GmbH, war er doch vor 20 Jahren an der Einführung von VMI in Österreich maßgeblich beteiligt. Die Vorteile solcher Konzepte erschließen sich dabei vor allem durch die Standardisierung der ausgetauschten Daten: „Je standardisierter der Prozess und die Produkte an sich, desto einfacher ist Automatisierung”, weiß Gerd Marlovits.

Der Handel „im Netz”

Wie wichtig standardisiertes EDI ist, sieht man auch am Beispiel Maresi, die rund 80% ihrer ORDERS (elektronische Bestellungen) über EDI empfangen, somit einen recht hohen Automatisierungsgrad haben: „Die restlichen 20 Prozent, das sind Kleinkunden, wo EDI nicht an der Tagesordnung steht, und zum Teil auch Exportkunden. Was ich aber schon bemerkt habe, ist die Bereitschaft von Partnern – die Kooperation bei EDI hat sich wirklich erhöht”, erläutert Sylvia Völker. Und bei manchen Partnern werde der Automatisierungsgrad zur Bedingung, z.B. beim Online-Handel. „Ich glaube, der Druck wird größer. Warum? Weil manche Online-Händler die Supply Chain anders sehen. Die optimieren für sich die ganze Wertschöpfungskette, und da spielen Logistik und EDI als Kostenfaktor eine große Rolle. Pakete sind teurer als Paletten-Lieferungen”, sagt Peter Sturm, Head of Supply Chain, Nestlé Österreich GmbH.

Kompetenzen lernen

Etablierte Unternehmen müssen zum Teil umdenken, „wenn sie auf den Online-Zug aufspringen möchten”, glaubt Madlberger: „Sie werden Kompetenzen lernen müssen, die von den Online-Händlern vorgegeben werden.” Multi Channel, Omni Channel ebenso wie Lieferlogistik seien immer wettbewerbsrelevanter, weil der Konsument immer gnadenloser werde, was Defizite angeht. „Wenn eine Lieferung zu spät kommt, wenn es Qualitätsprobleme gibt, das wird heute immer weniger toleriert. Da wird sicher ein immenser Kostendruck entstehen.” „In der Zukunft braucht die Supply Chain Flexibilität, und die Technik soll diese erhöhen”, meint Völker.

Bahnbrechendes Neues

Wann wird man in Wien die ersten Drohnen sehen, die Lebensmittel liefern? Geht es nach Florian Bell, dann lieber früher als später – Obst und Gemüse zeitnah an den Online-Kunden zu bringen, sei ja gegenwärtig auch schon ein großes Thema bei der LGV-Frischgemüse. Etwas weniger enthusiastisch ist die Sicht Haidens: „Ich bin da eigentlich eher skeptischer. Ich kann mir langfristig viele Produkte vorstellen, die kommen werden, aber Lebensmittel? ­Also Drohnen an sich, da könnten die ersten in drei bis vier Jahren fliegen.”

Der Online-Handel mit Lebensmitteln an sich werde sicher stärker, glaubt Bell: „Nicht weil wir das bei der LGV gerade machen. Ich glaube, es kommt eine ganz andere Generation nach, die einen ganz anderen Zugang hat, das darf man nicht vergessen. Thema wird da sein, dass man den Endkunden erreicht.” Schaue man sich die Shop-Dichte in Österreich an, den Kostendruck, so sei der Lebensmittel-Online-Handel auf jeden Fall spannend.

Wohin geht die Reise?

Essenziell für den Erfolg bleibt die Zusammenarbeit, das Partnerschaftliche. „Einkauf, Verkauf, Planung, Disposition, Logistik, man ist mittendrinnen im Unternehmensumfeld des anderen, da muss man zusammenarbeiten, um sich zu verbessern. Das Persönliche wird immer bleiben, auch wenn Abläufe automatisiert werden”, meint Peter Sturm.

„Wenn wir von Standardisierung und Automatisierung reden, sind Stammdaten das Fundament”, ergänzt Sylvia Völker und kommt damit auf die Grundlagen einer funktionierenden Supply Chain zurück.
Was die Umsetzung von Projekten im Supply-Chain-Umfeld anbelangt, schlägt Gerd Marlovits in eine ähnliche Kerbe: „Ich glaube, das ‚Denken in Wertschöpfungsketten' wird wichtiger denn je, und Unternehmensgrenzen verlieren zusehends an Bedeutung. Etwas pointiert ausgedrückt: Nicht Unternehmen treten in Wettbewerb, sondern deren Supply Chains. Und wenn man eben nachhaltig erfolgreich sein möchte, dann geht dies nur gemeinsam. Trotz aller Technologie, Digitalisierung etc., die Menschen müssen miteinander können. Ist doch irgendwie auch beruhigend.”

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