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Das M&A-Geschäft läuft bei uns nur gedämpft © Panthermedia.net/Dmitriy Shironosov
© Panthermedia.net/Dmitriy Shironosov

Redaktion 03.09.2021

Das M&A-Geschäft läuft bei uns nur gedämpft

Weltweit boomen Mergers & Acquisitions – in Österreich ist davon nichts zu merken, die Umsätze gingen zurück.

••• Von Reinhard Krémer

WIEN. Nach dem coronabedingten Rückgang läuft die Weltwirtschaft in den letzten Monaten stark an. Besonders deutlich zeigt sich das am M&A-Markt, wo 2021 neue Spitzenwerte bei der Anzahl an Deals und dem Volumen, das in Unternehmenskäufe investiert wurde, erzielt werden. Getrieben wird dieser Höhenflug vor allem durch aktive Private-Equity-Investoren und eine Vielzahl an SPACs (Special Purpose Acquisition Companies), also Firmenhüllen, die über einen Börsengang Geld einsammeln und dann in nicht-börsen­notierte Unternehmen investieren, wie der zwölfte österreichische M&A-Index der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY zeigt.

In Österreich ist der weltweite M&A-Boom hingegen kaum spürbar: Die Anzahl der Übernahmen mit österreichischer Beteiligung ist im ersten Halbjahr 2021 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur leicht von 133 auf 147 gestiegen. Das bedeutet nach einem kurzen Rückgang 2020 eine Rückkehr zum Vor-Corona-Niveau: Im ersten Halbjahr 2019 wurden 153 Transaktionen gezählt.
Die Transaktionsvolumina sind dagegen um 51,3% von 8,2 Mrd. € auf 4 Mrd. € und damit ebenfalls auf das Niveau von 2019 zurückgegangen. Im Vorjahr hat der Borealis-Deal der OMV rund die Hälfte des gesamten Deal-Volumens ausgemacht. Insgesamt wurde das Volumen im 1. Halbjahr 2021 nur bei 17,7% aller Deals bekannt gegeben.

Dominanz der Supertanker

Der Großteil des veröffentlichten Transaktionsvolumens verteilt sich im Wesentlichen auf die Top-3-Deals, welche zusammen zwei Drittel der gesamten Investitionssumme ausmachen: Der Kauf von 33,6% an der CA Immobilien Anlagen AG durch die Starwood-Beteiligungsgesellschaft SOF-11 Klimt CAIS um 1,157 Mrd. €, die Übernahme von 80% der Schur Flexibles Holding durch die B&C Industrieholding um 720 Mio. € und der Kauf des polnischen Papier- und Kartonwerks International Paper-Kwidyzn durch die Mayr-Melnhof Karton AG um 703 Mio. €.

„Weltweit geht der M&A-Markt gerade durch die Decke und erreicht ein Rekordhoch. In Österreich dagegen ist von diesem Boom wenig zu spüren. Allerdings sehen wir einen leichten Anstieg der Deal-Aktivität nach den Lockdown-Monaten, die den Transaktionsmarkt leicht gebremst haben”, sagt Eva-Maria Berchtold, Partnerin und Leiterin der Strategie- und Transaktionsberatung (Strategy and Transactions) bei EY Österreich.

Das 2. Halbjahr wird stärker

Viele Unternehmen organisieren sich als Reaktion auf die Pandemie neu und halten Ausschau nach strategischen Übernahmezielen oder stoßen Unternehmensteile ab, um ihr Portfolio neu auszurichten. In Kombination mit der hohen Liquidität im Markt und dem anhaltenden Niedrigzinsumfeld erwarten wir ein starkes zweites Halbjahr am M&A-Markt”, so die EY-Expertin. Die überwiegende Mehrheit der Transaktionen im 1. Halbjahr 2021 entfiel mit 138 Deals auf strategische Transaktionen – das entspricht einem Plus von elf Transaktionen im Vergleich zum Vorjahr.

Finanzinvestoren hintennach

Demgegenüber gab es lediglich neun Transaktionen durch Finanzinvestoren (Private Equity, „PE” bzw. Venture Capital, „VC”) mit österreichischer Beteiligung. Diese waren unter anderem der Erwerb der Schur Flexibles Holding GesmbH mit Sitz in Wien durch die österreichische B&C Industrieholding GmbH und der einer einstelligen Prozent-Beteiligung durch Peugeot Invest Société anonyme an der Signa Development Selection AG.

Im Gegensatz zum weltweiten Transaktionsmarkt spielt in Österreich privates Risikokapital damit unverändert nur eine untergeordnete Rolle. Ausländische Investoren haben im ersten Halbjahr 2021 verstärkt in Österreich zugeschlagen: Die Anzahl der Transaktionen stieg im Bereich „Inbound” deutlich von 46 auf 71 Deals – ein Plus von 54%, so die EY-Expertin.

Österreicher zurückhaltend

Demgegenüber hielten sich österreichische Investoren stärker zurück: Bei den „Outbound”-Deals gab es einen leichten Rückgang von 49 auf 47 (minus 4,1%) Übernahmen und bei Transaktionen innerhalb Österreichs („Domestic”) ein deutliches Minus von 38 auf 29 Deals (minus 24%).

Bei der Anzahl der Transaktionen lag der Immobiliensektor im ersten Halbjahr mit 43 Deals vorne, gefolgt von Unternehmen aus dem Technologiesektor mit 28 Deals sowie der Industriebranche mit 24 Transaktionen. Bei den veröffentlichen Transaktionsvolumina rangiert der Industriesektor mit 1,6 Mrd. € vor dem Immobiliensektor mit 1,5 Mrd. € auf Platz eins. Das ist vor allem auf die Transaktionen B&C Industrieholding GmbH – Schur Flexibles Holding GesmbH sowie Mayr-Melnhof Karton AG – International Paper Kwidyzn zurückzuführen, auf die rund 90% des Volumens entfallen.

Neuaufstellung im Gange

„Industrieunternehmen sind mitten in der Transformation und müssen sich neu aufstellen, um digitale Fertigungstechnologien zu implementieren oder ihre Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln – nach der Coronakrise mehr denn je. Der Erwerb neuer Technologien und der Ausbau digitaler Produktionsmöglichkeiten treiben die digitale Transformation bei den Unternehmen voran”, sagt Berchtold.

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