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Die Bitcoin-Falle und ihre letalen Gefahren © APA/AFP/Jack Guez
© APA/AFP/Jack Guez

Helga Krémer 26.01.2018

Die Bitcoin-Falle und ihre letalen Gefahren

Die Bocksprünge der Kryptowährung zeigen: Vermögen sind hier in permanenter und unterschätzter Gefahr.

••• Von Helga Krémer

Kryptowährungen, an vorderster Front Bitcoin, teilen die Anleger derzeit in zwei Lager – die Enthusiasten und die Realisten. Den einen sind keine Anstiege zu hoch, um nicht doch noch zu investieren, den anderen die ganze Sache im besten Fall suspekt. Denn mit realen Werten wie Anleihen oder Aktien hat Bitcoin ja nichts zu tun. „Bitcoin ist ein reines Spekulationsobjekt, das sich als Währung ausgibt”, sagte OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny.

Keine Anlage, nur Spielgeld

Ähnlich kritisch betrachtet Otto Lucius, Vorstandsvorsitzender Österreichischer Verband Financial Planners, die Entwicklung der Möchtegern-Währung: „Bitcoin und Co. sind keine Anlageklassen und keine Währungen. Etwaige Ertragserwartungen sind reine Spekulation, niemand kann seriöserweise sagen, wie sich der Preis entwickelt.” Der jüngste Kurseinbruch bei Bitcoin mache deutlich, wie wackelig das Cyber-Konstrukt dastehe.

So hoffe man bei Kryptowährungen einfach nur darauf, dass sich nach dem Kauf noch jemand findet, der noch mehr Geld dafür ausgibt als man selbst. Aus Sicht von Lucius sollten sie im Portfolio eines Anlegers keinen Platz finden. „Wenn Bitcoin eine Anlageklasse wäre, würde das auf einen Casinobesuch in gleichem Maße zutreffen”, bringt der Vorstandsvorsitzende des Österreichischen Verbands Financial Planners seine Skepsis auf den Punkt.
Was macht aber nun den Reiz aus? „Viele Menschen sehen die Möglichkeit, über Nacht reich zu werden”, meint Otto Lucius. In der Tat verlockend, verzeichnete die Kryptowährung Bitcoin 2017, in USD gerechnet, ein Plus von rund 1.400%. Zum Vergleich: Der FTSE all World Index (bildet über 3.100 Unternehmen in 47 Ländern ab, Anm.) schaffte im vergangenen Jahr (YTD, 22.1.2018) gut 25%.

Gier frisst Hirn

Der Vorstandsvorsitzende des Österreichischen Verband Financial Planners wird nicht müde, Konsumenten in Goldgräberstimmung vor zu viel unkalkulierbarem Risiko und einer gewissen „Gier-frisst-Hirn”-Mentalität zu warnen: „Sollte sich Bitcoin jedoch als Finanzblase herauskristallisieren, kann die Kryptowährung binnen Stunden jeglichen Wert und deren Besitzer damit ihr eingesetztes Kapital komplett verlieren.”

Lucius rät dringend davon ab – besonders im Zusammenhang mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen –, sich auf spekulatives Terrain zu begeben; man sollte zur Erreichung seiner ­finanziellen Lebensziele besser auf eine seriöse Finanzplanung setzen.
Apropos seriös: Der US-Ökonom Joseph Stiglitz warnte die Schweiz vor einem möglichen Reputationsrisiko durch die Kryptowährung Bitcoin. Denn es gäbe in Wahrheit nur eine Motivation für Kryptowährungen, nämlich die Geheimhaltung. Im Gespräch mit der Schweizer Tageszeitung Blick sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger Stiglitz: „Viele Länder wollen Bitcoin verbieten, nur die Schweiz macht das Gegenteil. Wir reden hier über Steuerhinterziehung, Terrorismus, Geldwäscherei: Dinge, mit denen man nicht in Verbindung stehen will.”

Es besteht Handlungsbedarf

Auch dem OeNB-Gouverneur Nowotny stoßen die Bitcoins sauer auf. So könne es doch nicht sein, dass der 500 €-Schein nicht mehr gedruckt wird, um Geldwäsche zu bekämpfen, und jedem noch so kleinen Sparverein strenge Regeln aufgebrummt werden, um dann zuzusehen, wie weltweit munter mit Bitcoin Geld gewaschen wird. Da bestehe laut Nowotny Handlungsbedarf. „Das heißt nicht, dass jeder Bitcoin-Nutzer ein Verbrecher ist. Aber Bitcoin hilft Kriminellen. Wenn wir also über Obergrenzen bei der Bargeld-verwendung diskutieren, dann kann man Bitcoins nicht einfach links liegen lassen”, meint der OeNB-Gouverneur.

Vorsicht ist geboten

Auch die US-Börsenaufsicht SEC hat so ihre Bitcoin-Bedenken: In einem Schreiben an Fonds-Verbände warnte die Behörde vor Sicherheitsproblemen bei Anlageprodukten, die auf Kryptowährungen basieren und für eine breite Öffentlichkeit vorgesehen sind. „Es gibt eine Reihe substanzieller Probleme mit dem Investorenschutz, die geprüft werden müssen, bevor die Emittenten diese Fonds Investoren anbieten”, betonte die zuständige SEC-Vertreterin ­Dalia Blass.

Sie forderte darin Antworten auf mindestens 31 detaillierte Fragen zum Zuschnitt der geplanten Produkte. So müsse geklärt werden, wie bei den anvisierten Investmentfonds und börsenotierten Fonds (ETFs) die Anlegergelder geschützt sind und die Preise festgelegt werden.
Zudem müsse sichergestellt werden, dass die Investoren die Risiken verstehen und eine Manipulation der Bitcoin-Märkte verhindert werde. Und die Möglichkeiten zur Manipulation der Kryptowährungen sind leider mannigfaltig – sowohl handgemacht als auch maschinengefertigt.
Eine klassische handgemachte Manipulation widerfuhr Ethereum in Form von Fake News: Auf „4chan” (Imageboard, englischsprachige Website, auf der Bilder veröffentlicht und diskutiert werden, Anm.) wurde das Gerücht verbreitet, Ethereum-Erfinder Vitalik Buterin sei bei einem Autounfall gestorben; ein Kursverfall bei Ethereum war die Folge. Buterin widerlegte die Behauptung nahezu umgehend – er veröffentlichte ein Selfie auf Twitter –, und der Kurs erholte sich rasch. Auch beliebt unter den Manipulatoren: „Pump and Dump”-Aktionen. Hier wird der Kurs zuerst durch falsche und irreführende positive Aussagen, Nachrichten oder Tweets künstlich aufgebläht, um dann an Gutgläubige teuer zu verkaufen.

Böse Buben Willy & Markus

Oder, ganz futuristisch: Bots. Zwei dieser winzigen Programme mit automatisierten Aufgaben, Willy und Markus, handelten mit Bitcoins, die ihnen nicht gehörten. Während des Hacks, der Mt.Gox, einen der damals weltweit größten Handelsplätze für Bitcoin, schließlich in die Knie zwang, konnten solche Bots gefälschte Handelsvorgänge durchführen, Millionengewinne einstreifen und gleichzeitig den Kurs manipulieren. Die Bots Willy und Markus sollen somit für den Bitcoin-Kurssprung 2013 verantwortlich sein.

„Menschen, die sich für Kryptowährungen interessieren, müssen nüchtern denken”, sagte der Blockchain-Experte Laz Alberto neulich zu BuzzFeed. Wem das nicht recht gelingen will, der sollte wohl einen Casino-Besuch den Kryptowährungen vorziehen. Faites vos jeux!

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