INDUSTRIAL TECHNOLOGY
Die Bedeutung von Industrie 4.0 für B2B eCommerce. Sana Commerce.

Arno Ham, Chief Product Officer bei Sana Commerce.

Sana Commerce.

Arno Ham, Chief Product Officer bei Sana Commerce.

Redaktion 14.06.2017

Die Bedeutung von Industrie 4.0 für B2B eCommerce.

Ein Interview mit Arno Ham, Chief Product Officer bei der Software-Agentur Sana Commerce, Spezialist für B2B E-Commerce-Lösungen.

MÜNCHEN/WIEN. Für Österreich erwartet PwC bis 2020 knapp 15 Mrd. € Mehrumsatz durch Industrie 4.0-Lösungen; für Deutschland erwartet das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), dass bis 2020 durch Industrie 4.0 153 Mrd. € zusätzliches volkswirtschaftliches Wachstum generiert wird. Bis zu diesem Zeitpunkt sehen 83% der Unternehmen einen hohen Digitalisierungsgrad ihrer Wertschöpfungsketten.

Swissmen, die Vereinigung der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie sowie verwandter technologieorientierter Branchen, kommt nach einer Umfrage seiner Mitgliedsunternehmen zu dem Ergebnis, dass die Schweiz sehr gute Voraussetzungen hat, um das Potenzial der Digitalisierung erfolgreich zu nutzen. Rund 80% der Umfrageteilnehmer sehen in Industrie 4.0 mindestens einen direkten Nutzen. Die meisten KMU wie auch Großunternehmen glauben, dass Industrie 4.0 vor allem die Produktivität steigert und Zusatznutzen für Kunden schafft.
Allerdings: Zwar wird Industrie 4.0 einhellig mit höherer Wertschöpfung verbunden, doch dies als Chance für die Weiterentwicklung im B2B-Omnichannel-Vertrieb – speziell in Richtung eCommerce – zu nutzen, ist noch wenig im Bewusstsein – überraschend, denn: Wie sonst soll der ROI von Investitionen in Industrie 4.0 erreicht werden, wenn nicht durch Umsatzsteigerung, Positionierung im Markt mit wettbewerbsfähigeren Preisen und die Vermarktung entsprechen neuer Geschäftsmodelle.

Dazu im Interview: Arno Ham, Chief Product Officer bei Sana Commerce:
medianet: Stellen Ihre Kunden bereits die Verbindung von Industrie 4.0 und eCommerce her?
Arno Ham: In gewisser Hinsicht schon, aber nur ansatzweise. Wenn wir unsere Kunden aus der Produktions- und Fertigungsindustrie fragen, welche Themen sie derzeit am meisten beschäftigen, geht es zumeist um die Umsatzsteigerung, die Zahl der Bestandskunden erhöhen und neue Wege, um im Wettbewerb zu bestehen. Diese Antworten lassen vermuten, dass Unternehmen bei der Entwicklung ihrer B2B-eCommerce-Aktivitäten die Rolle von Industrie 4.0 nur wenig im Blick haben.
Aber gerade die verschiedenen Ausprägungen von Industrie 4.0 – bei denen es oft zunächst intern um die Vernetzung von Maschinen, Systemen, Produkten und Prozessen geht – haben einen erheblichen Einfluss darauf, externe Geschäftsziele zu erreichen. Kurz: Unsere Kunden haben im Zuge der digitalen Transformation Industrie 4.0 durchaus im Blick, aber es fehlt noch an der Entwicklung entsprechender Geschäftsmodelle und deren Positionierung am Markt. Zudem sind aktuell viele Hersteller noch damit beschäftigt, die technischen Voraussetzungen für Industrie 4.0 zu schaffen – etwa damit, Geschäftsdaten aus den unterschiedlichen Systemen, Tabellen oder Unterlagen auf einer einzigen Unternehmensplattform in der Cloud zu konsolidieren.

medianet: Was sind aus Ihrer Sicht als eCommerce-Anbieter die ersten Schritte für Unternehmen in Richtung Industrie 4.0, und wie könnte die Zukunft aussehen?
Arno Ham: Zunächst einmal sollten Hersteller ihre internen Prozesse und externen Geschäftsabläufe als Einheit betrachten. Entscheidend ist, das Thema Industrie 4.0 mit Frontend-Systemen zu verknüpfen, damit Verbesserungen in Produktion, Logistik sowie in produktbezogenen Leistungen letztlich auch direkt beim Kunden als Kaufargument ankommen. Dazu nur ein Beispiel: Kaum ein Gerät wird mehr ohne ein Embedded-System ausgeliefert – mit Sensoren in Verbindung mit Internet of Things (IoT) ließe sich das After-Sales-Geschäft für Investitionsgüter relativ einfach steigern. Geht man an den Anfang des Verkaufsprozesses, bieten eCommerce-Lösungen mit durchdachten Self-Service-Technologen interessante Perspektiven: Sie ermöglichen es, individuelle Produkte online zu konfigurieren und – im Sinne von Industrie 4.0 – und über das dahinterliegende ERP-System den Auftrag direkt an 3D-Drucker bzw. entsprechenden Produktionsmaschinen des Herstellers zu übermitteln. Mithilfe von IoT-Technologie – gesteuert über das ERP-System – wird das Produkt anschließend in den Lieferprozess eingeschleust, in Zukunft auch über Drohnen- oder fahrerlose Transportsysteme.

eCommerce-Lösungen mit IoT über die gesamte Lieferkette hinweg sind zwar heute noch Zukunftsmusik, doch in fünf Jahren könnten solche Szenarien zum Alltag gehören. An den Machbarkeitskonzepten wird schon gearbeitet.
Generell ist deutlich: Die Entwicklung, Produkte über IoT mit komplexen "Machine-to-Machine-to-Machine"-Interaktionen zu vernetzen, wird letztlich den gesamten Produktlebenszyklus beeinflussen– von Design, Produktion, Verkauf und Wartung bis hin zum Recycling.
Doch bei der Verbindung von eCommerce und Industrie 4.0 geht es um mehr, als nur darum, den Prozess von der Bestellung über die Produktion bis zur Lieferung möglichst effizient zu gestalten. Die Daten, die daraus Cloud-basiert erfasst werden, schaffen eine neue Qualität im Online-Handel: Analysen aus eCommerce- und ERP-Aktivitäten zeigen Einkaufstrends und Muster des Marktbedarfs, die direkten Einfluss auf die Produktentwicklung und Produktion nehmen sowie auf Geschäftsmodelle, komplementäre Dienstleistungen und Vertriebsstrategien.
Auf Basis dieser Daten wäre es beispielsweise relativ einfach möglich, die Produktion automatisch auf saisonale Produktlinien umzustellen oder Voraussagen über Bestellvolumina zu treffen. Fertigungsprozesse könnten so gesteuert werden, dass ein personalisiertes Produkt exakt zu dem Zeitpunkt fertig ist, wenn der Kunde es bestellt.

Spannend sind auch die Möglichkeiten, dass Produktionsanlagen eigenständig den Verkauf neuer Produkte vorantreiben - und zwar durch Empfehlungen im eCommerce-System: Angenommen, ein Kunde bestellt ein personalisiertes Produkt, das im 3D-Drucker erstellt wird; durch Machine-to-Machine-Analysen ließen sich Kunden identifizieren, die von diesem Produkt ebenfalls profitieren könnten. Und diese würden automatisiert über das eCommerce-System eine Empfehlung erhalten. Intelligente eCommerce-Systeme in Kombination mit Maschinen, die durch Industrie 4.0 lernen, das Kundenverhalten immer besser zu verstehen, bringen völlig neue Perspektiven in das B2B-Geschäft

medianet: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden für den Erfolg von Industrie 4.0?
Arno Ham: Hersteller müssen zu allererst die technologischen Voraussetzungen dafür schaffen. Ohne die technischen Grundlagen eines standardisierten ERP-Systems mit integriertem eCommerce und einer klaren cloudbasierten IT-Strategie sind die Möglichkeiten für 'Machine-to-Machine' und 'Human-to-Machine'-Interaktionen sehr limitiert.

Hinzu kommt: Um ihren Datenbestand sinnvoll nutzen zu können, müssen Hersteller 'Data-Science'-Kompetenzen aufbauen. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich diese Fähigkeiten auf breiter Front in den Unternehmen fest etablieren. Darüber hinaus sind im Umfeld von Industrie 4.0 eine ganze Reihe regulatorische, rechtliche sowie sicherheits- und datenschutztechnische Fragen zu klären, um veränderte Prozesse, Arbeitsabläufe und den Datenaustausch zwischen unterschiedlichen Systemen zu regeln.

Eine weitere wichtige Herausforderung betrifft die Unternehmens- und Mitarbeiterkultur in einer von Industrie 4.0 geprägten Arbeitswelt. Die Abgrenzung von Verantwortungsbereichen verschwimmt, Rollen, Aufgabenfelder und Kommunikationswege verändern sich. Dies braucht einen sorgfältig moderierten Change-Prozess im Unternehmen über alle Hierarchien. Dies braucht jedoch seine Zeit. Doch es ist wichtig, Software-Entscheidungen von heute mit Blick auf deren Zukunftsfähigkeit zu treffen und auf integrierte Lösungen zu setzen für eine durchgängige Verbindung von Produktion zum ERP-System bis hin zum eCommerce für eine kundenzentrierte Omnichannel-Strategie.

Sana Commerce ist eine Software-Agentur mit Sitz in der Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam, Niederlande. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Softwarelösungen für den Online-Handel mit ERP-Integration. (red)

Links:
https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Dossier/industrie-40.html
http://www.pwc.at/herausforderung/digitale-transformation/industrie-4-0-studie.html
https://www.swissmem.ch/fileadmin/user_upload/Swissmem/Industrie___Politik/Industrie40/Umfrage_Industrie4.0-2016.pdf

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