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Ars Electronica - 40 Jahre Medienkunst-Festival in Linz © TVL/Johann Steininger
© TVL/Johann Steininger

Redaktion 08.08.2019

Ars Electronica - 40 Jahre Medienkunst-Festival in Linz

Kunst, Technologie und Gesellschaft als zeitloses Dreieck - Aufreger und Politik im Festival - Highlights aus 40 Jahren.

LINZ. Am 18. September 1979 ist das erste Ars Electronica Festival im Linzer Donaupark mit der Klangwolke eröffnet worden. Bald kamen der Prix Ars Electronica und ein Museum dazu. 40 Jahre später hat sich einiges geändert: Trotzdem hat der Untertitel "Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft" nichts von seiner Kraft eingebüßt, Diskurs und Entwicklung der Medienkunst sind weltweit von Interesse.

"1979 präsentierte sich das Festival als Zeitsprung in die Zukunft, von Beginn an offen für Signale aus der Zukunft, Deutungen, dass sich mit dem Computer unsere Arbeit, Wirtschaft, Denken verändern wird", sagte Hannes Leopoldseder, der damals Intendant des ORF Oberösterreichs war. Er hatte mit Elektronikpionier Herbert W. Franke, Elektronikmusiker Hubert Bognermayr und Musikproduzent Ulli A. Rützel das Konzept für eine mehrtägige Veranstaltung entwickelt, die sich mit den aufkommenden neuen Medien, v.a. im Bild- und Tonbereich, auseinandersetzt.

"Bei der Eröffnung sagte Bürgermeister Franz Hillinger: 'Das Brucknerfest hat eine Tochter bekommen - Die Ars Electronica'", erinnerte sich Leopoldseder. In den Anfangsjahren sei ein Insiderpublikum, vor allem aus dem Musikbereich, da gewesen, erklärte Christine Schöpf, die damals beim ORF in Linz arbeitete, das Festival von Anfang an begleitete und es heute mit Ars-Electronica-Chef Gerfried Stocker leitet, im APA-Gespräch. Schrittweise sei mehr Publikum gekommen, in den ersten Jahren vor allem aus dem Ausland - "aus Japan ist immer jemand da gewesen". Das lokale Publikum sei so richtig erst mit Veranstaltungsorten wie der Tabakfabrik 2010 und ab 2015 der PostCity aufgesprungen. "Das war Location-schauen" und brachte Besucherzahlen jenseits der 100.000.

1987 wurde der Prix Ars Electronica aus der Taufe gehoben. Hannes Leopoldseder machte den Vorschlag eines Eine-Million-Schilling-Wettbewerbs, erinnert sich Schöpf - "mir hat das am Anfang überhaupt nicht gefallen, aber dann hab ich doch angefangen zu konzipieren". Herausgekommen ist ein Wettbewerb, dessen Kategorien abänderbar sind und sich der Entwicklung angepasst haben. Waren es 1987 Computergrafik, Computeranimation und Computermusik - zwei Ehren-Nicas, die an Jean-Claude Risset und Peter Gabriel gingen - gibt es heuer Preise in der ganz neuen Kategorie Artificial Intelligence & Life Art, Digital Musics & Sound Art, der Computeranimation und den seit 1998 vergebenen Jugend-Preis U19 - Create Your World. Dazu gibt es Sonderpreise für die Jugend und einen Pioneer of Media Art-Preis. "Beim ersten Wettbewerb gab es - wenn ich nicht ganz falsch liege - 600 Einreichungen", so Schöpf - heuer waren es über 3.250.

Die Kunstwelt habe sich in den 40 Jahren erheblich weiterentwickelt. "Können Sie sich eine documenta oder eine Biennale ohne Medienkunst vorstellen? Und vor etlichen Jahren war das noch der 'Sei bei uns' in der strengen Kunstwelt - gar nicht akzeptiert", so Schöpf. Auch Aufreger hat es bei der Ars Electronica gegeben, etwa bei "Next Sex" 2000, als am Hauptplatz Samenspenden im Laborcontainer auf ihre Fruchtbarkeit getestet wurden. Das unterstrich nur die vordenkerische Rolle des Festivals.

"Wir waren auch oft zu früh dran mit Themen", sagte Schöpf, die dabei an Gentechnik in den 1990er-Jahren denkt oder "Intelligente Ambiente" 1994, wo es um den Einfluss und die Wirkungen von Computern und elektronischen Medien im Alltagsleben des Menschen ging, "das war damals noch nicht so elaboriert wie heute, wo jedes dritte Haus komplett vernetzt ist". In der Ars Electronica stecke mittlerweile auch viel Politik "und das kann nicht weniger werden". Es gebe viele Projekte, die sich mit der durch die Informationspolitik veränderten Gesellschaft auseinandersetzen, auch mit Machtverhältnissen, und solche, die fragen, wem das alles gehört. Ökologie hingegen "haben wir als Thema schändlich vernachlässigt", da wäre vor zehn oder fünfzehn Jahren der richtige Zeitpunkt gewesen, überlegte Schöpf.

"Wenn man sich mit Kunst, Technologie und Gesellschaft auseinandersetzt, müssen zwangsläufig auch kritische Positionen eingebracht werden, denn es ist ja nicht alles toll, was da passiert", sprach sie den immerjungen Untertitel des Festivals an, der wohl auch in Dutzenden Jahren noch gelten wird. "In den 1980ern ging es mehr um Technik, heute steht die Gesellschaft im Vordergrund", beschrieb Leopoldseder die wechselnde Gewichtung. Für ihn war die Errichtung des Ars Electronica Centers 1996 entscheidend für den Fortbestand des Festival.

"Sonst gäbe es heute keine Ars Electronica, aber ein anderes Festival", sagte Leopoldseder und strich das Bekenntnis der Stadt hervor: "Die Stadt Linz und der Gemeinderat sorgten in 40 Jahren für die finanzielle Sicherheit". 2009 wurde das Center um rund 30 Millionen Euro erweitert, mit LED-Fassadenbeleuchtung, neuer Ausstellungshalle und einem stark frequentierten Freiluftareal. Zehn Jahre später stand heuer die Kompletterneuerung der Ausstellungen - im Zeichen der Künstlichen Intelligenz - um vier Millionen Euro an.
Das Festival selbst hat sich zunehmend vergrößert, Beiträge aus der Prix-Kategorie "Computer Animation" werden seit 2005 in einem eigenen Animation Festival gezeigt, 2011 kam das eigene Festival für die Jugend, "Create Your World" dazu, 2016 der von der EU-Kommission verliehene Starts Prize samt Ausstellung und Preisübergabe, 2017 die HelferInnen-Konferenz, im Vorjahr eine Kooperation mit der Wirtschaftskammer und viele andere, mit internationalen und regionalen Unternehmen. Das Vermittlungsprogramm "We guide you" wuchs stetig, im Vorjahr wurden 177 Touren angeboten.

Höhepunkte aus den 40 Jahren waren für Schöpf die erste Klangwolke 1979, das Mach-mit-Konzert auf dem Hauptplatz 1980, die Videonale 1986, als eine Woche lang jeden Tag Videokunst live im ORF gezeigt wurde, 1987 der Start des Prix Ars Electronica. Weiter ging es 1988 mit Maelströmsüdpol, einer Theaterreise via Donauschiff und Zug zu den Hochöfen am Voest-Industriegelände von Heiner Müller, Heiner Goebels und Erich Wonder. 1990 war ihr Highlight die VR-Konferenz, 1995 die neue Prix-Kategorie für das neue Medium World Wide Web, 1996 die Eröffnung des Ars Electronica Centers, 1997 das Preisträgerkonzert von Toshio Iwai und Ryuichi Sakamoto im Posthof, 2000 zum Thema "Next Sex" die Aufregung über den Container am Hauptplatz.

2006 war "'Going to the Country', der Tag in St. Florian wunderschön", so Schöpf. 2007 brachte ganz Linz Dekoration auf den Dächern an, was von oben fotografiert wurde, 2009 war der Höhepunkt die Eröffnung des erweiterten Ars Electronica Centers. Ein Jahr später war es die Location der gerade stillgelegten Tabakfabrik und das Drohnenballett des Ars Electronica futurelab zur Eröffnung, 2012 die Klangwolke der Ars Electronica und des Brucknerhauses "Die Wolke im Netz". 2014 wurde die Innenstadt in Besitz genommen und 2015 das erste Festival im ehemaligen Postverteilerzentrum am Bahnhof, der PostCity, veranstaltet. Aus dem Vorjahr nannte Schöpf das Konzert des Bruckner Orchesters mit Robotern und Tänzern als bleibende Erinnerung. (APA)

 

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