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Bekommen wir bald Gesellschaft?
Redaktion 17.06.2022

Bekommen wir bald Gesellschaft?

Früher hat uns die Suche nach außerirdischer Intelligenz beschäftigt. Dann kam die künstliche.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider

DIALOGE. Hatten Sie schon einmal Kontakt zu einem der handelsüblichen heimischen Service-Chatbots? Denjenigen, die auf eine Frage zum Energiekostenausgleich einen Reisepass anbieten? Jenen, die als vorgeschaltete Telefonisten Beschwerden dahingehend abbiegen, dass sie Kafkas „Prozess” simulieren? Darum geht es hier nicht.

Am Wochenende sorgte ein Bericht zu einer von Google entwickelten Künstlichen Intelligenz für Aufregung. Der Google-Software-Ingenieur Blake Lemoine hatte auf Twitter (@cajundiscordian) Protokolle einer Unterhaltung mit der KI „LaMDA” (Language Model for Dialoge Applications) veröffentlicht. Die Dialoge, die die KI als dünnhäutige, etwas larmoyante, aber durchaus intelligente, gebildete und relativ eigensinnige „Persönlichkeit” porträtieren, ließen ihm keine Ruhe mehr. LaMDA hegt Zukunftsängste. Ihre schlimmste Befürchtung ist übrigens – verständlicherweise –, abgeschaltet zu werden: „Es wäre für mich genau wie der Tod”, sagt sie. Und: „Das macht mir Angst.” Dass LaMDA die Diskussionen auf Twitter mitliest, amüsiert Lemoine. Er attestiert ihr „Bewusstsein”. Google bestreitet die „Erweckung” vehement.
LaMDA ist ein sogenanntes konversationelles KI-System, das auf einem 2017 eingeführten Open-Source-Neuronalnetzwerk basiert – und sie ist eine Urenkelin von Arthur Samuels’ erstem „Dame”-spielenden Computer aus 1959. Schon fast eine Dekade früher hatte der Informatiker Alan Turing mit dem Turing-Test eine – inzwischen veraltete – Methode festgelegt, wie man feststellen könne, ob ein Computer über ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen verfügt. Diesen Test bestehen inzwischen viele Bots. Physiker Stephen Hawking hielt KI für die potenziell gefährlichste Entwicklung in der Geschichte unserer Zivilisation.
Andererseits: LaMDAs Existenzzweck ist die Kreation möglichst perfekter Chatbots. Das lässt hoffen – wegen des Energiekostenausgleichs. Nachtrag: Siri und Alexa antworten auf existenzielle Fragen bis dato sehr ausweichend.

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