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Die große Chance © VÖZ/Franz Helmreich Fotografie

Gerald Grünberger

© VÖZ/Franz Helmreich Fotografie

Gerald Grünberger

Redaktion 11.05.2018

Die große Chance

Gerald Grünberger, VÖZ, sieht in der Fake News-Debatte eine große Chance und setzt auf die Einführung eines Informationsfreiheitsgesetzes.

Vergangenen Dienstag fand im Wiener MuseumsQuartier der Print Summit statt. Die Veranstaltung soll die Qualitäten von Werbung in Zeitungen und Magazinen unterstreichen. medianet sprach im Vorfeld mit Gerald Grünberger, Geschäftsführer des Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ).


medianet: Am 8. Mai ging der Print Summit Austria über die Bühne. Allgemein gefragt: Wie geht es der heimischen Print-Branche aus Sicht des VÖZ denn?
Gerald Grünberger: Grundsätzlich gut, allerdings entscheidender ist nicht die Sicht des VÖZ, sondern jene der Leser und Nutzer sowie der Auftraggeber. Österreich ist ein Printland, das bestätigen auch die einschlägigen Zahlen: Am Lesermarkt gehören wir zur internationalen Spitze und auch am Werbemarkt stehen wir gut da – Print war laut Focus 2017 in Österreich mit 1,95 Milliarden Euro wieder die klare Nummer eins unter den Werbegattungen.

medianet:
Wird die Branche – auch von der eigenen Zunft – also in einem desolateren Zustand dargestellt, als sie es in Wirklichkeit ist?
Grünberger: Die Zuschreibung ‚desolat' ist jedenfalls absurd, ich denke im Vergleich mit vielen anderen Ländern in Europa oder auch international steht der österreichische Printmarkt exzellent da. Aufgrund meines internationalen Engagements habe ich Einblick in viele andere Märkte und kann daher berichten, dass uns viele Branchenvertreter anderer Länder um die Situation in Österreich beneiden. Richtig ist, dass die digitale Transformation auch zu Veränderungen bei uns führt, aber die Medienunternehmen verlegerischer Herkunft sind in diesem Prozess seit einigen Jahren sehr gut aufgestellt.

medianet:
Wie würden Sie denn die Anstrengungen der heimischen Verleger beurteilen, alternative – vor allem digitale – Erlösquellen abseits des klassischen Printprodukts zu finden?
Grünberger: ePaper, Apps oder Online-Portale – die österreichischen Medienunternehmen verlegerischer Herkunft spielen ihr Kernprodukt selbstverständlich auf unterschiedlichen Medienkanälen aus. Aber nicht nur im Contentbereich, sondern auch in vielen anderen Geschäftsfeldern wie Transaktionsportalen sind unsere Medienunternehmen aktiv. Ein prominentes Beispiel hierfür wäre etwa willhaben.at der Styria Media Group AG. Die österreichischen Medienunternehmen verlegerischer Herkunft forcieren das Classified-Geschäft nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland – wie zum Beispiel das Unternehmen Russmedia erfolgreich beweist.

medianet:
Vor Kurzem sind die aktuellen MA-Zahlen erschienen und es fällt auf, dass einzelne Qualitätsmedien sogar zulegen konnten. Manche führen das als Gegenreaktion der Leser, die in Zeiten von Fake News auf der Suche nach Qualitätsinhalten seien. Ist dieser Zu­sam­menhang berechtigt oder greift diese Ver­mutung zu kurz?
Grünberger: Die Fake News-Debatte ist für Qualitätsmedien eine große Chance. Angesichts der viralen Welle an Fake News vor allem in Sozialen Netzwerken hat sich ein verstärktes gesellschaftliches Bedürfnis nach Orientierung und Vertrauen entwickelt. Der professionelle Journalismus in Österreichs Zeitungen und Magazinen ist dabei unser entscheidender Wettbewerbsvorteil. Je größer das Bewusstsein des Publikums über Echokammern, Filterblasen und interessensbasierte Algorithmen wird, desto mehr schätzt es die Einordnung, die Überprüfung von Fakten durch professionelle Journalisten und Redaktionen und die Vermittlung des gesamten Kontextes in unseren Medien.

medianet:
Mit dem Datenschutz-Anpassungsgesetz kommen nun Ausnahmen für Verleger. Sind Sie mit der nun vorliegenden Lösung zufrieden und wo sehen Sie aus Sicht des VÖZ noch Änderungsbedarf?
Grünberger: Nur eine kleine Korrektur vorweg: die erfolgte Klarstellung dient der Medienfreiheit und der freien Berichterstattung, nicht dem Verleger. Wir haben in den letzten Monaten – auch an dieser Stelle – gewarnt, dass unter dem Deckmantel des Datenschutzes eine Metternich-Medienbehörde entstehen könnte, die die freie Berichterstattung aufgrund drakonischer Strafen einschränken könnte. Umso erfreulicher ist es, dass der Bundesregierung jetzt mit dieser Klarstellung – die seitens der Europäischen Union auch eingeräumt wurde – ein vernünftiger Ausgleich zwischen den Grundrechten Datenschutz und Pressefreiheit gelungen ist. Das war eine äußerst positive Maßnahme zur Stärkung der Medien- und Meinungsfreiheit in unserem Land. Wir sind selbstverständlich mit der beschlossenen Lösung sehr zufrieden – eine Lösung, die auch bei unseren deutschen Nachbarn positiv und bewundernd registriert wurde.

medianet:
Bleiben wir bei einem ähnlichen Thema, der Informationspflicht von Behörden Journalisten gegenüber – etwas, was in Deutschland zugunsten der Medien weit großzügiger geregelt ist als in Österreich. Hier wurde vor Kurzem ein Fall bekannt, bei dem das Forum Informationsfreiheit bei Anfragen zur letzten Landtagswahl in NÖ statt Auskunft seitens der Behörden massenhaft Gebührenvorschreibungen für die gestellte Anfrage bekam. Gehört beim Thema Informationspflicht die Regelung nachgebessert?
Grünberger: Die Einführung eines Informationsfreiheitsgesetzes steht seit geraumer Zeit auf unserem medienpolitischen Forderungskatalog. Die Bundesregierung hat beim Thema Datenschutz gezeigt, dass sie bereit ist, sinnvolle und zeitgemäße Vorschläge aufzunehmen. Zugegeben, das Thema Informationsfreiheit hat bereits eine sehr wechselvolle politische Geschichte hinter sich, dennoch werden wir versuchen, die politischen Verantwortungsträger von der Sinnhaftigkeit einer solchen Regelung – ähnlich wie sie in Deutschland seit Jahren herrscht – zu überzeugen.

 

medianet: Nach Bekanntwerden des Regierungsprogramms hat sich der VÖZ zunächst wohlwollend zu den Vorhaben im Bereich Medien geäußert. Wo sehen Sie die wichtigsten Themenbereiche, bei denen sich der VÖZ einbringen wird müssen?
Grünberger: Es ist erfreulich, dass österreichische Unternehmen bei der digitalen Transformation unterstützt werden sollen, und die Bundesregierung sich im Regierungsprogramm für faire Rahmenbedingungen in einem global gewordenen, digitalen Markt einsetzt. Auch der VÖZ fordert ein ‚level playing field' und wird sich auch weiterhin gern einbringen. Unsere Ansatzpunkte auf nationaler und europäischer Ebene reichen von der Einführung einer digitalen Betriebsstätte zur Reduktion der Mehrwertsteuer für digitale Contentprodukte, einem Urheberrechtsschutz für Zeitungsinhalte und einiges mehr. Selbstverständlich wünschen wir uns auch eine deutliche Aufstockung der Presseförderung – alles Themen die bei der bevorstehenden Medienenquete zur Sprache kommen werden.

medianet:
Davon betroffen ist auch Ihr digitaler Wettbewerber, die TV-Anbieter; hier haben Sie nach der Übernahme von ATV durch die Pro7-Gruppe vor ‚langfristig höheren Preisen' für die Werbewirtschaft gewarnt. Wie beurteilen Sie die Situation heute, gut ein Jahr danach?
Grünberger: Fakt ist, dass der genannte deutsche Medienkonzern mit dem Erwerb von ATV seine Marktdominanz weiter ausgebaut hat. Ich denke, dass die Einschätzungen von damals – zumindest berichten dies zahlreiche Marktteilnehmer – so auch eingetreten sind. Der Verband Österreichischer Zeitungen hat sich stets für faire Wettbewerbsbedingungen am heimischen Medienmarkt eingesetzt und wird dies auch in Zukunft tun. Dies gilt in alle Richtungen.

medianet:
Mit schauTV oder oe24.tv gehen auch heimische Printverleger ins Segment TV – welche Bedeutung werden künftig Aktivitäten dieser Art für die künftigen Erlöse von Printhäusern haben?
Grünberger: Lineares TV, audiovisueller Content auf Onlineportalen, Podcasts und selbstverständlich Radio sind neben den Kernprodukten wie Zeitungen und Magazinen seit einiger Zeit fixer Bestandteil der 360-Grad-Strategie unserer Medienhäuser verlegerischer Herkunft. Zunächst muss man sehen, dass solche Akquisitionen ein Investitionsobjekt darstellen, wenngleich damit neue Angebote und auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Also eine durchaus positive Entwicklung für den Mediensektor. Wenn die mediale Produktpalette diversifiziert und vorhandene journalistische Ressourcen über verschiedene Kanäle dann verwertet werden können und zusätzliche Erlöse generieren, dann ist das nahezu ein Glücksfall für unsere Medienwirtschaft. Ich denke, die Sicherung von originären, österreichischen Contentangeboten wird die Herausforderung der nächsten Jahrzehnte sein. (fej)

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