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„Digitaler, jünger, diverser“: Vizefinanzdirektor Roland Weißmann bewirbt sich als ORF-Chef © APA/Robert Jäger

ORF-Manager Roland Weißmann.

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ORF-Manager Roland Weißmann.

Redaktion 22.07.2021

„Digitaler, jünger, diverser“: Vizefinanzdirektor Roland Weißmann bewirbt sich als ORF-Chef

Der derzeitige Vize-Finanzdirektor und Verantwortliche für den ORF-Player, Roland Weißmann, hat seine Kandidatur um den ORF-Führungsposten bekanntgegeben.

WIEN. Jetzt ist die Katze aus dem Sack: Der am höchsten gehandelte Gegenkandidat von Alexander Wrabetz als ORF-Chef, der derzeitige Vize-Finanzdirektor und Verantwortliche für den ORF-Player, Roland Weißmann, hat einige Tage vor Ende der offiziellen Bewerbungsfrist mit den Worten „Ja, ich werde mich für die Position des Generaldirektors bewerben“ seine Kandidatur um den ORF-Führungsposten bekanntgegeben.

Vorteil für Weißmann: Die ÖVP hält derzeit mit „ihren“ und den ihr zugerechneten Stiftungsräten eine Mehrheit und kann den Chefposten des ORF bei der kommenden Wahl im Alleingang bestimmen, wobei Weißmann bei der Pressekonferenz betonte, kein Parteibuch zu besitzen und betont, mit jedem Stakeholder der Republik Gespräche zu führen. Weißmann dazu: „Ich bin kein Kandidat einer Partei, sondern ich bewerbe mich für ein Amt."

Bei der Pressekonferenz am Donnerstag gab Weißmann auch bekannt, dass er sein Team bereits konkret zusammengestellt habe; dieses wolle er aber zunächst den ORF-Stiftungsräten präsentieren. So gab er auch keine Auskunft darüber, wie es mit dem Verhältnis Männern und Frauen im Direktorium aussieht, er betonte aber generell, bei der Personalpolitik in allen Ebenen die Gesellschaft abbilden zu wollen.

Er selbst, der er viele Jahre als Journalist und nun im Management tätig ist, sehe sich als optimalen Kandidaten für den Posten, so Weißmann. Als Parole für seine Kandidatur und seine Pläne als Generaldirektor für den ORF gab er bei der Pressekonferenz die Schlagworte „digitaler, jünger und diverser“ aus.

Der ORF stehe sehr solide da, sei sehr gut durch die Krise gekommen, aber trotzdem brauche es „es den radikalen Wandel“, um rasch in der digitalen Welt Fuß zu fassen und erfolgreich zu sein, denn auch wenn sich die Quoten und Marktanteile für den ORF gut entwickelt hätten, seien die Kennzahlen bei der jungen Zielgruppe rückläufig und hier bestehe Handlungsbedarf. Zudem dränge die finanzkräftige, globale Konkurrenz immer mehr in den Markt und besetze bereits jetzt gut 800 Millionen Euro des insgesamt zwei Milliarden schweren heimischen Werbekuchens.

Deshalb müsse man – dort, wo sie sich eben bewege – die junge Zielgruppe erreichen, denn „die Zeit des digitalen Lagerfeuers, wo sich die ganze Familie am Abend vor dem TV-Gerät versammelt hatte, ist vorbei“.

Als Folge müsse der ORF wie schon erwähnt digitaler, jünger und diverser werden. Dafür benötige es einen Wandel in der Unternehmenskultur, so Weißmann. Dieser Wandel sei machbar, wenn alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitgenommen und mit einer neuen Denkweise ausgerüstet werden, um diesen digitalen Wandel auch zu bewältigen. Denn: Auch wenn es künftig Ausnahmen etwa für die ZIB oder die Journale gebe, werde die Devise künftig oftmals „online first“ lauten müssen.

Deshalb will Weißmann, sollte er gewählt werden, auch eine eigene Unit für Innovation aufbauen und den Umgang mit Daten forcieren. „Das haben wir beim Player begonnen und das brauchen wir auch für die anderen Bereiche. Hier denke ich vor allem an die junge Zielgruppe.“

Als positives Beispiel nennt Weißmann dann auch die ZiB Insta mit gut 800.000 Abonnenten, „aber das reicht eben nicht“. Davon brauche es mehr.

Um passende Mitarbeiter zu finden, will Weißmann vor allem die in den kommenden Jahren anstehende Pensionswelle im ORF nutzen, um dann jüngeres Personal nachzuziehen: „Das ist eine Chance, Kollegen mit neuen Skills zu holen, um dann auch den Gender-Gap zu schließen."

Während des Pressegesprächs betonte Weißmann auch, das es gelte – auch künftig, auch im neuen Newsroom – die Unabhängigkeit und Objektivität der ORF-Information zu sichern und zu bewahren. „Ich fühle mich der Unabhängigkeit und Objektivität des ORF voll verpflichtet. Diese sind auch durch das ORF-Gesetz und das Redakteursstatut geschützt. Ich werde mich persönlich dafür einsetzen, dass das auch im multimedialen Newsroom so bleibt“.

Apropos Unabhängigkeit des ORF und mögliche Versuche der Parteien, Einfluss auf Entscheidungen im ORF zu nehmen, insbesondere bei redaktionellen Belangen: Hier vertritt Weißmann die Position, dass es aus Sicht der Parteien durchaus legitim sei, deren Interessen zu vertreten, aber: „Politische Interventionen machen bei mir keinen Sinn, weil ich denen nicht nachgebe.“

Gefragt nach einer möglichen Struktur seines Geschäftsführungsteams und ob da auch, wie früher, ein Generalsekretär denkbar wäre, antwortete Weißmann folgendermaßen: „Es ist nichts, was in einer Bewerbung stehen muss, aber es lohnt sich darüber nachzudenken." Generell sei sein Team eines der besten Köpfe, so Weißmann weiter.

Zum Abschluss der Pressekonferenz betonte Weißmann nochmals das gute Arbeitsverhältnis mit den beiden anderen Kandidaten, Wrabetz und Totzauer, denn er sehe das ganze auch nicht als Wahlkampf, sondern als Wettbewerb der besten Ideen.

Gefragt, ob er nach einer etwaig verlorenen Wahl weiter im Unternehmen bleiben werde, oder wie Richard Grasl damals den ORF verlassen könnte, meinte Weißmann, dass er erstens antrete zu um gewinnen und zweitens er sich mit so einer Frage, wenn überhaupt, nach dem 11. August, also nach der Wahl beschäftigen würde.

Roland Weißmann Im Interview mit medianet:

medianet: Herr Weißmann, was sind denn die Beweggründe für Ihre Kandidatur?
Roland Weißmann: Durch meine Verantwortung für das Projekt des ORF-Players habe ich mich sehr stark mit dem Thema beschäftigt und auch gesehen, wie wichtig die erfolgreiche Ansprache der Zielgruppe der unter 30-Jährigen ist, die ja nicht nur wir immer schwerer erreichen.

Und, generell gesprochen: Wir müssen jetzt im ORF etwas ändern, und rasch beginnen, uns den digitalen Strukturen anzunähern, um den Jungen ein Angebot zu machen, dabei aber gleichzeitig eine „Sowohl als auch“-Strategie fahren, um dem bestehenden Publikum ebenfalls ein Angebot machen zu können. Denn ich bin überzeugt davon, dass wir es schaffen, dieses Haus zu transformieren und ich möchte meinen Beitrag dazu leisten.

Für mich spricht sicher, dass ich sowohl lange als Journalist und dann erfolgreich im Management des Hauses tätig war und nun auch dieses – nennen wir es ‚digitales Feuer‘ durch die intensive Beschäftigung mit dem ORF-Player in mir entfacht ist.

medianet: Neben der jungen Zielgruppe gibt es mit den Migranten eine zweite Zielgruppe, die dazu neigt, Inhalte, auch Information, eher in der eigenen Muttersprache zu konsumieren. Planen Sie auch hier die Aktivitäten auszubauen, um diese Menschen mit ORF-Inhalten besser erreichen zu können?
Weißmann: Der ORF tut hier jetzt schon einiges. Ich glaube aber dass man auch mit einem neuen ORF-Gesetz und dem dann neuen ORF-Player diese Zielgruppe, eventuell auch sogar in deren Sprache, verstärkt ansprechen könnte. Der ORF-Player würde hier sicher eine Chance bieten, via Social Media in eine Welt einzudringen, in der wir derzeit nicht präsent sind.

medianet: Fürchten Sie hier nicht, dass die eine oder andere politische Partei versuchen könnte, politisches Kleingeld damit zu machen, dass der ORF Gebührengelder für Content in etwa türkischer, serbischer Sprache usw. verwendet?
Weißmann: Das kann sein, aber es ist eine neue Zeit mit einer neuen Realität und da müssen wir uns mit neuen Ideen hineinbewegen. Wir haben ja schon während Corona unsere Nachrichten in mehreren Sprachen angeboten.

medianet: Kommen wir zur Finanzierungsfrage des ORF. Wie sieht hier ihre Position aus?
Weißmann: Wir stehen an der Schwelle zur neuen Gebührenperiode 2022 bis 2027, dies gilt es vorzubereiten und dies passiert unter der Verantwortung des derzeitigen Generaldirektors. Ein Problem hier ist sicher die Streaminglücke und wir setzen uns natürlich hier für eine Lösung ein.

Sollte vom Gesetzgeber darüber hinaus eine andere Finanzierungsform für den ORF angedacht werden, werden wir uns hier in die Diskussion mit unserer Expertise einbringen. Diese Initiative sehe ich derzeit nur nicht.

medianet: Aber für welche Finanzierungsform ist denn nun der Kandidat Weißmann?
Weißmann: Ich bin für eine ausreichende Finanzierung des ORF. Dafür trete ich ein. Das Wie ist eine Frage des Gesetzgebers.

medianet: Eine Frage, die intern als auch ORF-extern diskutiert wird, ist jene, ob es im neuen Newsroom eine Art Zentralchefredakteur geben wird.
Weißmann: Es wird ein Führungsteam geben und es gibt von mir eine ganze klare Absage an einen zentralen Chefredakteur oder Newsmanager – oder wie auch immer die Position heißen würde. Es ist kein Medium unter den anderen und alle drei müssen auch gleichberechtigt im Newsroom ankommen und dort auch gleichberechtigt behandelt werden.
Was es schon geben wird, ist die Frage, auf welchem Kanal Inhalte zuerst ausgespielt werden, aber das hat nichts mit Personen oder Posten zu tun.

medianet: Apropos Posten. Würde ihre Führungscrew mehr weibliche Mitglieder haben als die des derzeitigen Generaldirektors?
Weißmann: Zunächst muss ich einmal die Wahl gewinnen. Ich führe natürlich sehr gute Gespräche und ja, das Ziel wäre es.

medianet: Wenn wir eine Ebene darunter schauen, dann haben hier die Landeshauptmänner und -frauen ein Anhörungsrecht bei der Bestellung der Landesdirektoren. Sind sie dafür, dieses Recht aus dem Gesetz zu streichen?
Weißmann: Natürlich redet man mit verschiedenen Stakeholdern und das ist aus meiner Sicht eine Frage des Gesetzgebers. Wenn es bleibt, kann ich damit gut leben – und wenn es abgeschafft würde, könnte ich auch damit gut leben.
Aber mit oder ohne Anhörungsrecht bin ich dafür, immer mit den Stakeholdern Gespräche zu führen. (fej)

 

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