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Ein Hoch auf die Crowd © rawpixel
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Gianna schöneich 31.08.2018

Ein Hoch auf die Crowd

Das Finanzierungskonzept Crowdfunding ist längst etabliert. Berater Wolfgang Gumpelmaier-Mach spricht im Interview über Chancen und die Lage in Österreich.

••• Von Gianna Schöneich

WIEN. Seit rund zehn Jahren beobachtet Wolfgang Gumpelmaier-Mach das Thema Crowdfunding. Schon 2008 vernetzte er sich vor allem per Twitter mit Indie-Filmern und Crowdfunding-Plattformen vorranging aus den USA. Zu dieser Zeit begann Indiegogo als erste Plattform dieses neue Finanzierungskonzept zu etablieren, kurz darauf folgte Kickstarter. 2010 machte sich Gumpelmaier-Mach mit einer Agentur selbstständig, die den Fokus auf Online-Kommunikation und Crowdfunding-Beratung hat; er zieht nach Oberösterreich und hält im Rahmen der stARTconference in Duisburg einen Vortrag über „Crowdfunding und Film”. Auf eben dieser Konferenz hat auch die deutsche Plattform Startnext ihren Betrieb aufgenommen.

Diverse Studien

„Mittlerweile habe ich wohl knapp 100 Projekte aus den unterschiedlichsten Branchen und Bereichen beraten und begleitet und u.a. gemeinsam mit meinen Kollegen von ikosom in Berlin diverse Studien und Artikel durchgeführt und veröffentlicht”, erzählt Gumpelmaier-Mach im Interview.

Gemeinsam mit seinem Linzer Partner, der Creative Region, organisierte er 2012 das erste Crowdfunding-Symposium und berät seit einigen Jahren Unternehmen aus der Kreativwirtschaft im Rahmen dieser Zusammenarbeit in regelmäßigen Crowdfunding-Sprechstunden. Immer wieder interviewt Gumpelmaier-Mach auch erfolgreiche Crowdfunder, schreibt Gastartikel zum Thema, organisiert Workshops und Events und gibt News dazu auf seiner Webseite http://crowdfunding-service.com/ und im monatlich erscheinenden Crowdfunding-Newsletter weiter.

Vier Formen

Beim Crowdfunding soll Geld für die Finanzierung eines Projekts oder eines Unternehmens eingesammelt werden. Zu unterscheiden sind vier Formen des Crowdfunding: das Belohnungsmodell (reward-based), das Spendenmodell (donation-based) sowie das Beteiligungsmodell (equity-based) und das Darlehensmodell (lending-based).

„Ich persönlich glaube, dass mit dem reward-basierten Crowdfunding-Modell sehr viel möglich ist, weil man hier bereits mit einer Idee oder einem Prototypen an die breite Öffentlichkeit, also die Crowd, geht und über verschiedene Kommunikationsmaßnahmen und -kanäle versucht, das Vertrauen dieser zu gewinnen und Feedback einzuholen”, so Gumpelmaier-Mach.
„Meine Schwester hat 2014 für die Anschaffung einer Photovoltaik-Anlage für die Partner-Schneiderei ihres Fair-Trade-Labels fairytale fashion in Kathmandu/Nepal Geld gesammelt. Neben der erfolgreichen Finanzierung hat sie vor allem aber Bewusstsein für das Thema Fair Trade bzw. Green Energy geschaffen und sich eine eingeschworene Community (v.a. auf Facebook) aufgebaut”, erzählt Gumpelmaier-Mach weiter.

Kommunikationsarbeit

So wird auch deutlich, welche weitere wichtige Funktion Crowdfunding erfüllen kann: Eine Crowdfunding-Kampagne ist mit viel Kommunikationsarbeit verbunden. „Dazu zählt nicht nur die optimale Projektpräsentation auf einer Crowdfunding-Plattform, sondern auch alles, was drumherum passiert: vom E-Mail-Sammeln für den Newsletter über Social Media- und PR-Aktivitäten bis hin zu Kickoff-Events und echten Gesprächen. All das hilft dabei, eine Geschichte zu erzählen, Vertrauen zu gewinnen, eine Community aufzubauen und letztendlich das Crowdfunding-Projekt erfolgreich abzuschließen. Die Crowd ist im besten Fall nicht nur ein Haufen Menschen, sondern wird zu einer Community auf Augenhöhe.”

Ein Beispiel für erfolgreiches Crowdfunding ist der Wiener Autor TG, der seinen Facebook-Roman „Zwirbler” mithilfe von Crowdfunding aus Facebook holte und so die Veröffentlichung in Buchform und einer Spezial­edition auf Klopapier finanziert hat.

Erfolgreiche Markteintritte

Es müssen aber nicht immer nur Projekte sein, die ohne die Crowd nicht umgesetzt werden könnten, so Gumpelmaier-Mach. Start-ups wie das Grazer Unternehmen SunnyBag, das kabellose Mikrofon Mikme, das Getränkesystem nuapua, das Hängematten-Zelt flying tent, die quetschbare Metallflasche Keego, der Soziale Mobilfunkanbieter goood oder die nachhaltige Babypflegeserie Truly Great haben sich eine erste Serie und ihren (sanften) Markteintritt via Crowdfunding ermöglicht und auf diese Weise erste Kunden gewinnen können, die im Idealfall später als Multiplikatoren und Markenbotschafter agieren.

Über das sogenannte Crowd­investing (so wird im D-A-CH-Raum landläufig das Beteiligungs- und Darlehensmodell genannt) holen sich junge Unternehmen, aber immer häufiger auch etablierte Firmen und KMUs, frisches Kapital für Innovationen von der Crowd.

Vielschichtiges Instrument

„Alle diese Beispiele zeigen, was mit Crowdfunding möglich ist und wie vielschichtig dieses Instrument eingesetzt werden kann”, so Gumpelmaier-Mach.

Im Gegensatz zu anderen Ländern sei Österreich beim Thema Crowdfunding „ganz gut” aufgestellt.  „Gemeinsam mit meinem Kollegen Karsten Wenzlaff von ikosom in Berlin bin ich aktuell in einem dreijährigen Interreg-Projekt der EU namens Crowd-Fund-Port engagiert. Gemeinsam mit Conda und ISN aus Österreich und der Uni Bologna sowie der Stadt Bologna geben wir unsere Erfahrungen an die restlichen Projektpartner weiter. Denn Österreich, Deutschland und (Nord-)Italien gelten hier in Sachen Crowdfunding als Vorreiter, weil wir z.B. bereits eigene Gesetze haben, die den Bereich Crowdinvesting regeln”, so Gumpelmaier-Mach.

Dies läge an der Vielzahl von Plattformen und den zahlreiche Projekte die dank Crowdfunding ermöglicht wurden.  „Mit unserem Know-how helfen wir mit, in Ländern wie Ungarn, Polen, Tschechien, der Slowakei, Slowenien und Kroatien, das Thema voranzutreiben und mit verschiedenen Maßnahmen die Akteure vor Ort zu unterstützen, etwa mit einem von uns zusammengestellten Trainingsmaterial, aber auch beispielsweise mit regelmäßigen Workshops.”

Nachhaltiges System

Trotz dieser positiven Bilanz hinke Österreich internationalen Entwicklungen noch etwas hinterher: „Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn wir neue Ideen nicht immer so überkritisch und besserwisserisch bewerten würden. Aber grundsätzlich bin ich zufrieden: viele Branchenvertreter, Universitäten, Banken, öffentliche Einrichtungen und die Medien haben das Konzept grundsätzlich verstanden und unterstützen uns dabei, ein nachhaltiges Crowdfunding-Ökosystem in Österreich und Europa aufzubauen.”

Initiativen wie die Crowdfunding-Förderungen der Stadt Linz und der Stadt Graz sind hier exemplarisch hervorzuheben: Beide gewähren Zuschüsse auf kreativwirtschaftliche Leistungen (Videoproduktion, Fotos, Agenturleistungen, etc.), die im Rahmen der Vorbereitung auf eine Crowdfunding-Kampagne in Anspruch genommen werden.
Als Crowdfunding-Berater hebt Gumpelmaier-Mach gern hervor, wie wichtig diese Vorbereitung ist – alle Maßnahmen, die eine weitere Professionalisierung von Start-ups und Kreativen ermöglicht, sei begrüßenswert.

„Auch die Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft mbH oder die Wirtschaftskammern haben die Notwendigkeit alternativer Finanzierungsmodelle erkannt und unterstützen hier ebenfalls mit verschiedenen Aktivitäten und Maßnahmen.”

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