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Eine Bestandsaufnahme, mitten in der Krise © Panthermedia.net/Khen Ho Toh
© Panthermedia.net/Khen Ho Toh

Redaktion 17.04.2020

Eine Bestandsaufnahme, mitten in der Krise

Angelika Sery-Froschauer, Obfrau des Fachverbands Werbung und Marktkommunikation, im Interview.

••• Von Georg Sander

Die fünfte Woche seit Beginn der Corona-bedingten Einschränkungen des Lebens brachte erste Lockerungen. Normalität wie bis Anfang März ist noch lange nicht in Sicht. Angelika Sery-Froschauer, Obfrau des Fachverbands Werbung und Kommunikation bei der Wirtschaftskammer Österreich, zeigt sich aber für die Branche zuversichtlich.

Turbulente Tage

„Die Branche Werbung und Marktkommunikation war vom Start weg betroffen”, blickt Angelika Sery-Froschauer im Gespräch mit medianet auf turbulente Wochen zurück, „die Messe- und Eventfirmen sind – wie auch die Gastronomie-, Touristik- und Reisebranche – von heute auf morgen betroffen gewesen. Die haben das von Beginn an brutal gespürt.” Das betrifft nicht alle im Fachverband, der von Textern, über Eventfirmen bis zu Fullserviceagenturen breit gefächert ist. Dennoch war man von Anfang an mit allen Möglichkeiten und Hilfsinstrumenten vonseiten der Wirtschaftskammer gefragt.

Sery-Froschauer, die bekanntlich selber eine Agentur leitet, wusste sofort: Das kann für einige existenzbedrohend sein, da neben den beruflichen Herausforderungen auch private Themen in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen zusätzlich Auswirkungen haben: „Es hat manchen den Boden unter den Füßen weggezogen – bis die Regierungspressekonferenz kam, bei der die ersten Pakete angekündigt wurden.”
Viele hätten sich bei der WKO erkundigt, was kommen würde, die Wirtschaftskammer wickelte die ersten Hilfen im Auftrag der Regierung gut ab. Sery-Froschauer ist erfreut, dass so gehandelt wurde. Für die Branche eine große Hilfe sei die Kurzarbeit: „Unsere Agenturen haben das Angebot zu einem großen Teil angenommen.” Viele, das muss so drastisch ausgedrückt werden, wollten auch ihre „Teams retten, weil die über Jahre aufgebaut wurden. Da gibt es nicht nur eine fachliche Beziehung zu den Mitarbeitern, sondern auch eine menschliche.”
Durch die Kurzarbeit können nun viele die Mitarbeiter weiter-beschäftigen. Doch was ist mit der Vielzahl der Einpersonenunternehmen? Das sind im Fachverband österreichweit rund 75%. „Für die war die Existenzangst, die Notsituation, noch härter. Auch große Unternehmen brauchen zwischen 30 und 40 Prozent Neugeschäft im Jahr. Diese Akquise läuft über einen längeren Zeitraum, bei EPUs ist der Anteil da noch höher.” Vor allem der Stillstand in den Regionen trifft die Kleinunternehmer, die nicht mehr auf ihr kleines, aber oft funktionierendes Netzwerk zugreifen können: „Es ist der regionale Unternehmer, der dem Webdesigner oder Texter die Jobs gibt. Das steht still.”
In dem Bereich gab es eben den Härtefallfonds – und der klappte; der Antrag konnte beispielsweise am Samstag ausgefüllt werden, wenige Werktage später war das erste Geld am Konto, schnell und unbürokratisch. In der nun gestarteten zweiten Phase des Härtefallfonds erhofft sich Sery-Froschauer, dass man weiterhin helfen kann. Die gegenwärtigen Maßnahmen bezeichnet sie als „sensationell”.

Digitale „Revolution”

Die Dauer der Krise ist noch nicht abschätzbar. Österreich ist im internationalen Vergleich auf einem guten Weg, die Normalität vor Corona dürfte erst dann zurückkehren, wenn es eine Impfung gibt. Diese wird laut übereinstimmender Medienberichte eher erst 2021 eingeführt. Also muss es unter diesen Vorzeichen weitergehen. Die besonderen Herausforderungen bei Werbung und Kommunikation? Die so wichtigen Kundenbeziehungen sowie Innovationen sind „nur sehr schwer möglich unter diesen Rahmenbedingungen”. Eine wieder zum Normalmodus zurückkehrende Wirtschaft wäre da vonnöten.

Ein unbestreitbarer Vorteil aber ist, dass Telefonkonferenzen, VPNs, Homeoffice bzw. digitales Arbeiten kein Problem ist. Das kenne und könne man: „Die Prozesse haben wir ganz gut im Griff.” Allerdings fehle gerade im Kreativprozess der zwischenmenschliche Kontakt, das „geht auch mit den besten Videokonferenzsystemen nicht”.

Schwierigkeiten

Wer bislang schon viel auf digital setzte, hat in Zeiten, in denen Internet und TV notgedrungen vermehrt konsumiert werden, nicht die ganz großen Probleme. Anders sieht es eben im Bereich von Veranstaltungen, POS und Out of Home aus. „Events verlieren zu hundert Prozent, vielen anderen fehlen 50 bis 60 Prozent”, meint sie. Allerdings habe die Branche insgesamt die Aufgaben gut erledigt: „Es gibt so gut wie keine Agentur, die gar keine Digitalkampagne gemacht hat.” Positiv wäre noch zu erwähnen, dass Kunden den Wert der Digitalisierung mittlerweile verstehen, auch wenn diese „mit der Brechstange” über sie hereingebrochen wäre. So wären nun auch kleine, regionale Shops für Webshops bereit. Doch etwas ist auch wichtig: Entscheidend wird nicht nur, wie man 2020 mit der Krise umgeht, sondern auch im Jahr 2021.

„Jene Betriebe, die die letzten Jahre gut gearbeitet haben, tun sich jetzt leichter”, stellt Sery-Froschauer klar. Logisch: Wer gut arbeitet, kann auch eine Krise durchtauchen. Dass es Corona-bedingte Pleiten geben könnte, will sie nicht in Abrede stellen: „Wer sich schon immer schwer getan hat, wird jetzt Probleme bekommen.” Es wird erst eine genaue Analyse zeigen, ob die (kleine) Selbstständigkeit letztlich dann an Corona gescheitert sein wird.

Positive Effekte!

Insgesamt würden viele Dinge mitgenommen werden können, etwa Videocalls statt Konferenzen. Das spare Zeitressourcen. Remote Working, das Wege zum physischen Arbeitsplatz zugunsten von Freizeit ermöglicht, wird vermehrt eingesetzt werden.

Allen mutmachenden Prognosen, Paketen und Einschätzung zum Trotz schließt Angelika Sery-Froschauer mit dem Statement, man wäre noch weit weg vom Normalzustand. Doch eine durchaus schöne Erkenntnis aus dem Gespräch soll als Schlusswort stehen bleiben: „Wir hängen alle zusammen, sind ein großes Netzwerk – nicht nur Österreich, sondern auf der ganzen Welt.”

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