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Frauen auf Wikipedia? 404 Page not found © Clemens
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Redaktion 04.03.2022

Frauen auf Wikipedia? 404 Page not found

Wikipedia sei frauenunfreundlich, hieß es vor einem Jahr. Hat sich daran etwas geändert oder existiert der „Wiki-Gap” noch immer?

••• Von Alexander Haide

WIEN. Das unschöne Wort „Relevanz­kriterien” wird Frauen bei Wiki­pedia oft zum Verhängnis. Das zumindest meinte „Futurezone” noch vor einem Jahr. Doch worum geht es? Um einen Eintrag in die Online-Enzyklopädie hinzuzufügen, muss das betreffende Thema bzw. die Person gewisse Kriterien erfüllen. Erst dann gibt’s die Aufnahme in Wiki­pedia.

Künstlerinnen sollen zwei Einzelausstellungen nachweisen, Journalistinnen Megaskandale aufgedeckt haben, Wissenschaftlerinnen schaffen es nur mit Professorentitel oder als renommierte Preisträgerinnen zum eigenen Eintrag – so die Kritik.
Moniert wurde, dass es vor allem Männer sind, die Wiki-Kriterien festlegen. Claudia Garád, Geschäftsführerin des Vereins „Wikimedia Österreich”, wünschte sich schon vor einem Jahr mehr Diversität bei den Autorinnen und Autoren. Weltweit werden nur geschätzte zwölf Prozent der Wiki-Einträge von Frauen verfasst; in Österreich schreiben mehr als 500 Menschen regelmäßig Beiträge, davon sind etwa 22% Frauen. Grund genug, bei Claudia Garád nachzufragen, was sich in der Zwischenzeit getan hat.

medianet: Gibt es heute mehr österreichische Wiki-Autorinnen als vor einem Jahr?
Claudia Garád: Diese Zahlen sind grobe Schätzungen, da wir die Demografien nicht erheben. Ein Weg, um zu sehen, ob sich da etwas verändert hat, ist, wenn man die Community offline trifft. Wegen Corona ist das aber sehr schwierig. Über Events und Stammtische ist es einfacher, Menschen einzugliedern, aber derzeit passiert alles online. Deshalb gehe ich nicht davon aus, dass wir hier im vergangenen Jahr die großen Veränderungsschritte getan haben.

Wir haben einige Akzente gesetzt, aber es ist eine große Herausforderung, die Menschen nachhaltig (zur Mitarbeit bei Wikipedia, Anm.) zu gewinnen. Zu aktiven Autorinnen zählen wir jene, die im Schnitt zumindest fünf Artikel pro Monat editieren. Mir wäre niemand bekannt, der im vergangenen Jahr auf diesem Aktivitätslevel in der österreichischen Community dazugekommen wäre.

medianet: Gerade in der Pandemie wäre doch genügend Zeit, um sich Wikipedia zu widmen?
Garád: Wir merken, dass es gerade in den Lockdown-Phasen erhöhte Aktivität in unseren Communities gab, weil die Menschen mehr Zeit dafür hatten. Andererseits merkt man eine gewisse Müdigkeit, was Online-Events angeht. Nach zwei Jahren Pandemie ist man froh, wenn man nicht auch noch in der Freizeit stundenlang bei Online-Editier-Events herumhängt. Auch das Online-Klima mag die eine oder andere Person abschrecken.

medianet:
Ist Hass gegen Frauen im Netz bei Ihnen ein Thema?
Garád: Wir versuchen, Nischen zu schaffen, wo das weniger ausgeprägt ist. In der Wikipedia-Welt herrscht durchaus mal ein rauerer Ton. Beim Editieren von Impf-Themen oder Asyl gibt es schon manchmal unschöne Diskussionen. Frauen sollen aber nicht unbedingt vor allem Frauenthemen behandeln. Frauen sollten zu allem schreiben. Es ist möglich, sich ohne Hass und bittere Diskussionen zu engagieren.

medianet:
Die Umgangsformen sind also eher ruppig …
Garád: Zu Recht sind die Ansprüche an Wikipedia höhere als anderswo im Internet. Als Frau muss ich sagen, dass ich Twitter und andere Online-Plattformen an jedem einzelnen Tag schlimmer finde. Da geht es um die Tonalität und die Untergriffigkeit, wie da Frauen angegangen werden. Das geht bis zu Morddrohungen. Das gibt es bei Wikipedia nicht, das steht bei uns nicht auf der ‚Tagesordnung'.

medianet:
Moniert werden oft die sogenannten Referenzkriterien. Eine Frau müsse viel mehr Qualifikationen für einen Eintrag bei Wikipedia vorweisen. Wurden die Kriterien ‚frauenfreundlicher'?
Garád: Nein. Die Regeln bestimmt die Community. Wenn hier weniger Frauen vertreten sind, werden sich solche weniger Regeln durchsetzen. Deshalb ist es unser Anliegen, mehr Frauen für die Community zu gewinnen und hereinzuholen.

medianet:
Wikipedia ist also ein Spiegelbild der Offline-Gesellschaft?
Garád: Ja, natürlich!

medianet:
Wie sieht es mit der LGBTQ-Beteiligung aus?
Garád: Da ist die Unterpräsenz noch deutlicher. Bei Frauen haben wir viel erreicht, da das seit zehn Jahren ein Schwerpunktthema ist. Die Queeren-Themen kommen jetzt schön langsam und gewinnen mehr an Sichtbarkeit. Je mehr das in den öffentlichen Dialog rückt, je mehr Quellen und je mehr prominente Personen es gibt wie Felix Reda, ehemals Julia Reda, desto mehr wird es sich in Wikipedia niederschlagen.

Wenn jemand sein Geschlecht ändert und es gibt keine Quellen dazu, dann wurde das in der Vergangenheit immer wieder rückredigiert. Das finden die Betroffenen als verletzend. Felix Reda hat sich in einem großen Presseinterview geoutet. Da gibt es dann eine Quelle, die wir zitieren können. Wenn so etwas auf einem Blog oder in einem Twitter-Post basiert, fehlt für eine Änderung einen zuverlässigen Beleg.
Was vor allem queere Gesundheitsthemen betrifft, ist Wikipedia weltweit die größte Online-Ressource. Aber es gibt noch viel zu tun.

medianet: Wann wird Wiki gleichberechtigt weiblich sein?
Garád (lacht): Vor zehn Jahren war das ein Nischenthema, heute ist es selbstverständlich. Es hat sich sehr viel getan. Die klassische Enzyklopädie wird vielleicht immer einen Gender-Gap behalten. Die Frauensonne ist bei Wikipedia noch nicht aufgegangen, aber es gibt bereits wärmende Strahlen.

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