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„Gut gelungen” © Martina Berger
© Martina Berger

Redaktion 10.01.2020

„Gut gelungen”

Kommunikationsberaterin Heidi Glück im Interview über die bisherige Kommunikation der neuen Regierung.

WIEN. Die neue Regierung steht, und trotz vieler Unkenrufe hat man es auch geschafft, von Beginn der Verhandlungen bis zur Regierungsbildung selbst kommunikationstechnisch das Heft in der Hand zu behalten. Dafür gab es aus der Branche durchaus auch Beifall.

Eine Expertin, wenn es u.a. um Kommunikationsberatung geht, ist Heidi Glück, eine Kommunikationsexpertin mit mehr als 25 Jahren Erfahrung in der Beratung von Top-Unternehmen in Österreich, Regierungen und internationalen Konzernen. medianet bat Glück, die selbst einmal Pressesprecherin eines österreichischen Bundeskanzlers war, um eine erste Einschätzung der bisherigen Kommunikation der nun neuen Regierung


medianet:
Frau Glück, Sie haben sich dieser Tage auf Twitter positiv über die Kommunikation der Regierungsverhandler sowohl auf Grüner- als auch auf ÖVP-Seite geäußert. Was genau werten Sie denn da als so gelungen?
Heidi Glück: Erstens war ich sehr erstaunt über die enorme Disziplin der Verhandler auf allen Ebenen – und das waren in Summe ja an die 100 –, wochenlang nichts aus den Verhandlungsrunden an die Medien weiterzuspielen. Bei der ÖVP war das nicht überraschend; dass es bei den Grünen auch so läuft, war doch ziemlich unerwartet. Aber es ist schon ein gewisses Kunststück, wenn es gelingt, nach Abschluss der Gespräche rund eine Woche bis zum Bundeskongress die Inhalte zurückzuhalten und die Zeit mit Namensnennungen künftiger Minister im Tagesrhythmus zu überbrücken. Der Druck der Medien war ja doch extrem hoch, und dennoch hat die geplante Kommunikations-Regie ausnahmslos funktioniert. Es war offenkundig den Grünen extrem wichtig, in einer künftigen Regierung endlich einmal gestalten zu können und nicht die nächsten fünf Jahre auf der undankbaren Oppositionsbank Platz nehmen zu müssen.

medianet:
Was hätte hier schiefgehen können in der Woche zwischen dem Abschluss der Verhandlungen und dem grünen Bundeskongress?
Glück: Die eine oder andere sehr heikle Zustimmung der Grünen zu Migrations- oder Sicherheitsfragen hätte durch eine tagelange Debatte in der Öffentlichkeit – bewusst angeheizt durch SPÖ, Neos und FPÖ – den einen oder anderen Teilnehmer des Bundeskongresses verunsichern können, weil ja in solchen Situationen nur Einzelprojekte debattiert werden und nicht die Gesamtschau des Programms.

medianet:
Das, was Sie als gelungene Kommunikation bezeichnen, könnte man natürlich auch als Message Control sehen.
Glück: Ich definiere es eher als koordinierte Kommunikation, gut orchestriert und professionell mit Daten und Fakten unterlegt aufbereitet. In der Wirtschaft wird nur so gearbeitet, in der Politik sind vor allem die Innenpolitik-Journalisten frustriert, wenn es nichts vorab ­exklusiv gibt, mit dem man bei den eigenen Lesern punkten könnte.

medianet:
Warum hat der Begriff Message Control vor allem bei Journalisten einen so schlechten Ruf bzw. können Sie diesem Begriff auch etwas Positives abgewinnen?
Glück: Kein Journalist macht gern eine Geschichte über etwas, das allen gleichzeitig als Story angeboten wird, perfekt aufbereitet und zum geeigneten Zeitpunkt durchkommuniziert von allen Akteuren mit derselben Sprachregelung. Das ist – gebe ich gerne zu – journalistisch fad und keine Challenge, mit der man beim Chefredakteur punkten kann. Die Politik will mit dieser Methode den Diskurs in der öffentlichen Meinungsbildung mitsteuern, was sie sonst nicht könnte. Und gerade diese Steuerung wollen sich Journalisten als Privileg der vierten Gewalt im Staat ungern aus der Hand nehmen lassen. (fej)

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