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Leere Kassen trotz Streaming-Boom © PantherMedia/Sergiy Tryapitsyn
© PantherMedia/Sergiy Tryapitsyn

Redaktion 19.03.2021

Leere Kassen trotz Streaming-Boom

Österreichische Musikproduktionen haben im Jahr 2020 einen Umsatzverlust von 40% erlitten.

••• Von Britta Biron

WIEN. Zum vierten Mal in Folge weist der heimische Musikmarkt ein Plus auf – 2020 haben Herr und Frau Österreicher für musikalische Unterhaltung 171,6 Mio. € ausgegeben, um immerhin 3,4% mehr als 2019. Wichtigster Treiber war – wenig überraschend – das Streaming, das um 32,4% auf 91,6 Mio. € zugelegt hat. Der Löwenanteil von 94% entfällt auf die großen Abo-Dienste wie Spotify, Apple Music, Amazon unlimited oder Deezer. Insgesamt haben die österreichischen Musikfans im Vorjahr 10,5 Mrd. Songs gestreamt, um 35% mehr als 2019. Bezogen auf den Kernbereich der Recorded Music, machen Streaming-Abos schon fast zwei Drittel (65%) der Umsätze aus.

Vom Streaming-Boom können heimische Künstler und Labels allerdings nur bedingt profitieren, da sie einerseits trotz durchaus erfolgreicher Digitalisierungs-Offensiven in den letzten Jahren auf den großen Plattformen nach wie vor unterrepräsentiert sind und andererseits wegen des Vergütungssystems, das die Urheber benachteiligt.
Letzteren Punkt sollte die Urheberrechts-Novelle in wenigen Monaten ändern, aber im Verband der österreichischen Musikwirtschaft (IFPI) sieht man die aktuell vorliegenden Entwürfe des Justizministeriums kritisch.
„Sie verfehlen klar die Ziele der EU-Richtlinie. Die urheberrechtliche Verantwortung der Plattformen soll durch neue Schlupflöcher verwässert werden”, ärgert sich IFPI-Geschäftsführer Franz Medwenitsch, und Cornelius Ballin, General Manager Universal Music Austria und IFPI Vizepräsident, ergänzt: „In diesem Krisenjahr wurde Streaming zum Rückgrat unserer Branche. Umso wichtiger ist die saubere Umsetzung der EU-Copyright-Richtlinie. Wenn die Kreativwirtschaft gegenüber den Silicon Valley-Konzernen nicht gestärkt wird, drohen langfristige negative Auswirkungen für alle Kreativen.”

Ausfall des Live-Sektors …

„In der Coronakrise hilft es enorm, dass wir schon vor vielen Jahren in Online-Angebote investiert haben. Andererseits haben wegen der Lockdowns vor allem der stationäre Handel und österreichische Künstler stark gelitten”, ergänzt Dietmar Lienbacher, Managing Director Sony Music Austria und Präsident des IFPI.

Der schon seit etlichen Jahren zu beobachtende Abwärtstrend beim Absatz der Musik-CDs hat sich vor allem durch die Schließungen und Einschränkungen im stationären Handel noch weiter verstärkt. Denn mit 30,5 Mio. € lag der Umsatz um 8,5 Mio. € bzw. 22% unter jenem von 2019. Zwar war auch der Verkauf von Schallplatten durch den Lockdown im Frühling betroffen, doch diese Verluste konnten im weiteren Jahresverlauf wieder mehr als wettgemacht werden. Insgesamt hat sich der Tonträger-Klassiker als äußerst krisenresistent erwiesen und ein Plus von 15,5% auf neun Mio. € verzeichnet.

… ist ein großes Problem

Die Schließungen im Handel, der Gastronomie und Hotellerie haben zudem die Lizenzeinnahmen der Verwertungsgesellschaft LSG nach unten gedrückt. Allein im Kernbereich der Recorded Music betrugen die coronabedingten Einnahmenausfälle rund 15 Mio. €.

Einschließlich des Ausfalls von Konzerten, Tourneen und Veranstaltungen sowie aufgrund des Verschiebens oder der Absage bereits finanzierter und fertiggestellter Musikveröffentlichungen werden die gesamten coronabedingten Einnahmenausfälle für 2020 auf rund 30 Mio. € geschätzt.

Nachdem Live-Konzerte in absehbarer Zeit kaum möglich sein werden, und Clubs und Diskotheken ebenfalls auf keine rasche Öffnung hoffen können, werden die Einnahmen aus Tantiemen und Lizenzen auch heuer unterdurchschnittlich ausfallen.
Da eine rasche Besserung nicht in Sicht ist, wären staatliche Unterstützungsprogramme, die die besondere Struktur der heimischen Musikbranche berücksichtigen, umso wichtiger. So fordert der IFPI einen Ausfall­ersatz für Musikproduzenten in Höhe von drei Mio. € und bietet dabei an, eine treffsichere wirtschaftliche Stabilisierung der Musikwirtschaft selbst zu organisieren.

„Wenn man sich als Kulturnation versteht, darf man nicht zulassen, dass Musikschaffende und ihr Umfeld in einen wirtschaftlichen und kreativen Stillstand geraten”, sagt Hannes Tschürtz, Geschäftsführer Ink Music und IFPI-Vorstandsmitglied.

Mehr Solidarität wünscht man sich aber auch von den Radiosendern, bei denen das heimische Repertoire noch immer eine zu geringe Rolle spielt. „Gerade jetzt wäre es notwendiger denn je, österreichische Künstler durch mehr Airplay zu unterstützen. ‚Spielt mehr österreichische Musik' ist ebenso berechtigt wie ‚Kauft im österreichischen Handel' oder ‚Macht Urlaub in Österreich'”, so IFPI-Präsident Dietmar Lienbacher in Richtung der Programmplaner.

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