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RTR-Studie offenbart schwache Basis für Digitalradio-Einführung Verein Digitalradio Oesterreich_APA-Fotoservice_Rossboth

Ausschreibung erfolgt nicht mit dem Ziel, 2022 UKW abzudrehen"

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Ausschreibung erfolgt nicht mit dem Ziel, 2022 UKW abzudrehen"

Redaktion 29.06.2016

RTR-Studie offenbart schwache Basis für Digitalradio-Einführung

KommAustria kündigt baldige Ausschreibungen für DAB+ an.

WIEN. Eine Studie im Auftrag der Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) sieht eine schwache Basis für die flächendeckende Verbreitung von österreichweitem digitalen Hörfunk im Standard DAB+. Freilich werden auch Chancen für diesen Digitalstandard und einhergehend für das Medium Radio gesehen. Jedenfalls kann man in Österreich noch lange sein Antennen-Radio benutzen.

Schlussendlich würden die Hörer über den Erfolg des Digitalradios entscheiden, so ein wesentliches Studienergebnis. Für einen Erfolg bräuchte es ein Programmangebot mindestens auf aktuellen UKW-Niveau, am besten auch darüber hinausgehende Spezialangebote, um Leute zum Umstieg zu bewegen - und entsprechendes Marketing dazu. Auch die Infrastruktur muss errichtet werden und einen möglichst hohen Bevölkerungsanteil abdecken. Zudem müssen Konsumenten zum Kauf von Digitalradiogeräten motiviert werden, heißt es in der Studie.

Der Chef der Medienbehörde KommAustria, Michael Ogris, kündigte am Dienstag jedenfalls für Ende 2016 oder Anfang 2017 Ausschreibungen von DAB+ an. Geplanter Lizenzstart: 2018. Es könnten bis zu drei verschiedene werden - es bleibt abzuwarten, inwieweit es eigene Abschreibungen, abgesehen von bundesweiten Sendeplätzen in Richtung regional und/oder bundesweit mit Regionalisierbarkeit, geben wird. Anträge, um digital Radio zu senden, können schon seit 2010 gestellt werden. Ob DAB+ ein Erfolg werde, hänge von den Anbietern ab, betonte Ogris.

Eine lange Förderung werde es nicht geben. Möglich seien, rechnete RTR-Chef Alfred Grinschgl vor, 3 Mio. Euro über drei Jahre ab 2018 mit im ersten Jahr 1,5 Mio. und einer Abflachung danach. "Ob es mehr wird, entscheidet die Politik", sagte Ogris dazu. Förderungen gibt es für Radios, die erstmals DAB+ senden, und für einen sogenannten Simulcast-Betrieb, dem Parallelbetrieb von UKW und DAB+.

Die wirtschaftliche Entwicklung des Mediums Radio war in den vergangenen zehn Jahren in Österreich rückläufig, erklärte Studienautor Bertold Heil von der Convergent Media Consulting Wien am Beginn der Präsentation der Kernpunkte der Studie am Mittwochvormittag; der jährliche Rückgang der Netto-Werbeumsätze im Radio betrug demnach von 2005 bis 2014 je 0,7%.

Zudem öffne sich die Brutto-Nettoschere zu Ungunsten der Radioanbieter - die Nettoerlöse sind im Vergleich des Jahres 2005 zum Jahr 2015 um 15% eingebrochen. Das macht aus aktueller Sicht die Einführung von DAB+ nicht leichter - es gibt erhebliche Herausforderungen und Erfolgsrisiken, besagt die Studie.

Eine Initialzündung für DAB+ würde daher wohl eher nur möglich sein, wenn alle an einem Strang ziehen würden - was aber nicht der Fall ist: Die UKW-Marktführer ORF und KroneHit planen vorerst keine Teilnahme an DAB+. Dazu bräuchte es für eine rasche flächendeckende Umsetzung wohl auch entsprechende politische Bekenntnisse.

Ohne Marktführer ORF und große Privatradios würden zumindest aktuell wesentliche Erfolgseigenschaften fehlen, so Studienautor Heil. Der ORF fordert zu seinem bisherigen Angebot zusätzliche Programme, was die Privaten ablehnen. In der Studie heißt es, dass dem heimischen Radiomarkt keine Schäden entstehen oder Vorteile entgehen würden, wenn man auf eine marktgetriebene Weiterentwicklung des bestehende UWK-/IP-Radiomarkts setzen würde.

Harte Ansage in der Studie ist, dass es weiten Teilen des Marktes an einer überzeugenden Wachstumsstory für DAB+ fehle. Genauso fehle es an realistischen Geschäftsmodellen; zudem seien medienpolitische Rahmenbedingungen im Ausland - als Erfolgsgeschichten bei DAB+ gelten laut Heil die Schweiz, Bayern oder auch Norwegen - nicht auf Österreich übertragbar. Und: "Den negativen Erwartungen der meisten österreichischen Radioanbieter können die engagierten Digitalradio-Befürworter kein positives Szenario entgegensetzen", so der Studienautor.

Beim Verein Digitalradio Österreich plädierte man dennoch für einen weiteren Ausbau von Digitalradio. "Das Ergebnis der Interessenserhebung sowie die daraus abgeleiteten Entscheidungen der Behörde zeugen von Weitsicht in der Planung von digitalem Hörfunk in Österreich. Während DAB+ bereits heute europaweit der Standard für digitale Terrestrik darstellt, wird nun auch in Österreich die Infrastruktur für eine innovative Radiozukunft aufgebaut werden können", so Obmann-Stellvertreter Wolfgang Struber. Er appellierte, Medieninnovationen stärker zu fördern, mehr Vielfalt im Radio zu schaffen und vor allem mehr Wachstum für den Hörfunksektor als Gesamtes zu sichern.

"Es ist allen Branchenkennern - auch dem ORF -, bewusst, dass DAB+ den besseren und günstigeren Übertragungsstandard für Radio darstellt", sah sich auch Vereinsgeschäftsführer Gernot Fischer bestätigt. Jene Rundfunkbetreiber, die sich gegen Digitalradio aussprechen würden, stünden "medienpolitischen, sicherheits- und verkehrspolitischen notwendigen Entwicklungen in Österreich im Weg". Digitalradio sei "die einmalige Chance, Hörfunk als eines der wichtigsten Medien in Österreich zukunftsfähig zu machen".
Warum man in Österreich aber wohl noch viele Jahre UKW-Radio hören kann, erläuterte RTR-Chef Grinschgl: "Aus meiner Sicht ist es unwahrscheinlich, einen Befehl zum Abdrehen zu geben, wenn es Ö3 oder KroneHit nicht wollen." Diskutieren werde man darüber aber schon; ähnlich KommAustria-Leiter Ogris: "Die Ausschreibung erfolgt nicht mit dem Ziel, 2022 UKW abzudrehen." (APA)

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