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Scheitern? Ja, aber bitte früh und oft! © Panthermedia.net/Kantver
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Nadja Riahi 28.06.2019

Scheitern? Ja, aber bitte früh und oft!

Im Überblick: Der Problemlösungsansatz Design Thinking soll helfen, neue, innovative und nutzerorientierte Ideen zu entwicklen.

••• Von Nadja Riahi

WIEN. Die „Zeit Online” hat es gemacht, der ORF macht es, die Stanford d.school unterrichtet es. Die Rede ist von Design Thinking, einem Konzept zur Lösung von Problemen und für das Erschaffen von innovativen Ideen, entwickelt an der Stanford University in Kalifornien. Rund 10.000 Kilometer entfernt, im Gründerzentrum der Wirtschaftsuniversität Wien, hat Stephan Kardos einen Workshop zu genau diesem Thema gehalten.

Von Problemen zu Lösungen

Der Gründer des The Creativity Gym, einer Plattform rund um Kreativität, erklärt die Basics, die einzelnen Design-Elemente und vor allem: Er gibt praktische Übungen vor, die diesen doch sehr abstrakten Prozess greifbarer machen.

„Design Thinking ist ein Problemlösungsansatz, wie ihn Designer verwenden, um zufriedenstellende Lösungen für Kunden zu finden. Design bedeutet Problemlösen und Entdecken von Möglichkeiten aus einem tiefen Verständnis für menschliche Bedürfnisse”, erklärt Kardos. Der Prozess beginnt mit einem „Problem” oder, weniger negativ behaftet ausgedrückt, mit etwas Ungewissem.
„Nach diesem ersten Design-Element folgt eine Phase, in der wir entdecken, was uns fehlt. Wir versuchen zu verstehen, und im nächsten Schritt geht es daran, Ideen zu generieren. Dazu helfen verschiedene Übungen”, so Kardos. „Die Gestaltung eines Prototyps hilft, das Abstrakte zu etwas Konkretem zu machen. Das letzte Element des Design Thinking-Prozesses ist die Lösung, auch bezeichnet als das Gewisse”, sagt Kardos.
Wichtig beim Design Thinking ist laut Kardos die Auseinandersetzung mit einem Problem. „Wir neigen dazu, das Unangenehme zu überspringen und schnell irgendeine Lösung zu suchen”, erklärt der Gründer.

Mit einer Portion Optimismus

Beim Design Thinking herrscht allerdings das Motto „fail often and early” – denn dann merkt man schneller, wie man es besser macht. „Dabei ist es aber auch vollkommen okay, etwas nicht zu wissen. Ein gewisser Optimismus zieht sich beim Design Thinking durch alle Schritte durch – nach dem Motto ‚Geht nicht, gibt’s nicht'”, sagt Kardos. „Auch essenziell: Der Glaube, dass jeder das Potenzial dazu hat, gute Ideen hervorzubringen.”

Einer, der sich beruflich der Design Thinking-Elemente bedient, ist der Unternehmens­berater Stefan Ströbitzer. „Wenn ich einen Workshop halte, beginne ich immer damit, die Teilnehmer zu bitten, eine andere Rolle einzunehmen. Viele Unternehmen leben in ihrer Blase, treffen immer die gleichen Menschen und bestärken sich gegenseitig in ihrem Handeln. Als Folge geht der Bezug zu ihrem Publikum, ihren Lesern oder Kunden ein Stück weit verloren”, erklärt Ströbitzer.

Über den Rand denken

„Design Thinking ist eine Innovationsmethode, die sehr nutzer­zentriert ist. Das heißt, dass ich von Anfang an aus der Sicht der Nutzer denke und sie in den Entwicklungsprozess mit einbeziehe. Das zweite wesentliche Merkmal ist dieser Rhythmuswechsel aus analytisch sehr konkretem Denken und dem Kreativen ‚Out of The Box'-Denken. Dann breche ich das Ganze wieder in das Konkrete herunter und teste mit unseren Nutzern sofort, ob das Produkt auch funktionieren kann und ob es realistisch und finanzierbar ist”, so Ströbitzer weiter. Als ehemaliger Leiter des Projekts „Multimedialer Newsroom ORF” habe er mit seinen Mitarbeitern einzelne Elemente des Design Thinkings angewandt.

Die richtigen Tools

„Ich finde es sinnvoll, sich je nach Anforderung verschiedene Elemente aus diesem Ansatz herauszuholen. Wir werden uns zum Beispiel einen Prototypen eines Newsrooms bauen, sei es mit Lego, in einer großen Lagerhalle …”, erklärt Stefan Ströbitzer. Design Thinking beinhaltet verschiedene Methoden und Übungen, um Probleme zu lösen sowie neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln.

Eine Frage, die oft gestellt wird, ist die „How might we”- Frage, übersetzt „Wie können wir…?” Das Ziel ist es, mit der HMW-Frage auf Anhieb fünf bis sechs Ideen produzieren zu können. Gelingt das nicht, muss die Frage umgeschrieben werden. Eine weitere Übung ist das sogenannte Brainwriting; dieses funktioniert ähnlich wie das den meisten Menschen bekannte Brainstorming, nur schreiben hier die Gruppenmitglieder ihre Ideen auf ein Blatt Papier, anstatt sie in einer Diskussion erst auszusprechen. Das Papier wird dann nach zwei Minuten weitergereicht und mit neuen Ideen ergänzt. Dieser Vorgang wird solange wiederholt, bis jedes Mitglied wieder sein eigenes Blatt vor sich liegen hat – nur jetzt mit neuem Input.
Dadurch, dass die Ideen aufgeschrieben werden, werden sie weiterentwickelt und nicht sofort mit „Nein” oder „Aber” abgetan. Letztendlich ist die Sache mit dem Design Thinking laut Stephan Kardos folgendermaßen: „Design Thinking ist schwer fassbar, jeder versteht darunter etwas anderes oder beschreibt dasselbe irgendwie anders.”

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