Unterm Strich: It takes two to tango
MARKETING & MEDIA Redaktion 30.01.2026

Unterm Strich: It takes two to tango

Die EU braucht Partner. Die Kontrakte liegen auf dem Tisch; die Wähler beäugen sie misstrauisch.

Leitartikel  ••• Von Sabine Bretschneider

WIDERSPENSTIG. Die Europäische Union tritt handelspolitisch die Flucht nach vorn an. Der Abschluss der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Indien ist weniger Triumph als Signal strategischer Notwendigkeit. Angesichts stets drohender neuer US-Zölle und anhaltender Spannungen mit China sucht Brüssel nach Alternativen, nach Märkten, die groß genug sind, um Abhängigkeiten zumindest abzufedern.

Das Indien-Abkommen, das am Dienstag verkündet wurde, bleibt dabei hinter früheren EU-Verträgen zurück. Es klammert zentrale Bereiche wie das öffentliche Beschaffungswesen, Energie, Rohstoffe sowie Investitionen in die industrielle Fertigung aus. Dennoch beschwören beide Seiten die „Mutter aller Deals“ – nicht zuletzt wegen der schieren Dimension: Zwei Mrd. Menschen, ein Handelsvolumen von zuletzt 120 Mrd. € und die Aussicht, EU-Exporte bis 2032 zu verdoppeln. Symbolik kittet teils die Risse in der Substanz.

Ähnlich pragmatisch ist der Blick nach Südamerika. Das Mercosur-Abkommen, nach einem Vierteljahrhundert Verhandlungen unterzeichnet, wäre das größte Zollabbauprojekt der EU. Wären da nicht innenpolitische Widerstände, Umweltbedenken und die Anrufung des Euro­päischen Gerichtshofs. Auch in Mexiko und Südostasien zeigt sich das Muster: Bestehende Abkommen werden modernisiert, festgefahrene Gespräche reaktiviert, neue Partner umworben. Es geht um Dienstleistungen, Rohstoffe, Lieferketten – und um einen geopolitischen Befreiungsschlag. Selbst das gescheiterte Australien-Dossier soll wieder geöffnet werden, nicht zuletzt wegen kritischer Mineralien wie Lithium.

Fazit: Freihandel wird heute weniger als Wohlstandsversprechen verkauft, sondern als Absicherung gegen eine fragmentierte Weltwirtschaft. Ob diese Strategie trägt, entscheidet sich daran, ob Europa bereit ist, auch die innenpolitischen Kosten dieser neuen Offenheit zu tragen. Wer bei jedem wirtschaftlichen Außenkontakt die Traktoren anstartet, fährt ökonomisch betrachtet ohne Turbolader.

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