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Zivilcourage essen ­Untätigkeit auf
Redaktion 10.09.2015

Zivilcourage essen ­Untätigkeit auf

Was die Politik jahrelang absichtlich verschlafen hat, nämlich eine funktionierende Flüchtlingsversorgung, bewerkstelligt die Generation Internet in wenigen Tagen

••• Von Dinko Fejzuli

MACHTÜBERNAHME. Wer ganz genau wissen will, wie – eigentlich – staatliche Aufgaben von einer sich selbst organisierenden Gruppe junger Menschen – noch dazu viel billiger, als es der Bürokratiemoloch Staat jemals könnte – schnell erledigt werden, braucht nur an den Wiener Westbahnhof oder den neuen Hauptbahnhof fahren.
Denn während die Politik die Flüchtlingsbetreuung lieber in die Hände von zwingend profitorientierten, da privatwirtschaftlichen Unternehmen gibt, die dann etwa traumatisierte Flüchtlinge statt von eigentlich benötigten Sozialarbeitern und Psychologen lieber von billigen Studenten „betreuen“ lässt, zeigen etwa am Hauptbahnhof Generation Digital, wie es auch gehen kann, wobei eine wesentliche Rolle in der Strukturierung und Organisation der Hilfe vor allem Facebook und Twitter spielen.


Organisiertes Gewusel
Minütlich wird gepostet, geliked oder geteilt: Vor allem Informationen darüber, was direkt vor Ort gebraucht, aber auch was an Hilfsgütern gerade nicht benötigt wird.
Parallel dazu starten Unternehmen wie etwa die Drogeriekette dm Aktionen, bei denen Konsumenten sehr leicht direkt an der Kassa spenden können, und andere, wie etwa Merkur oder McDonald’s, leeren beziehungsweise öffnen ohne viel Tammtamm oder Bürokratie einfach ihre Lagerflächen, etwa am Wiener Westbahnhof, und stellen sie als Lagermöglichkeiten für die Helfer zur Verfügung.
Apropos Bürokratie: Neben Kleidung, Essen, Hygieneartikeln, Nahrung oder Kindersachen benötigen Flüchtlinge auch Wohnraum – etwas, worum die verantwortlichen Politiker wochenlang gestritten haben und nicht zuwege brachten; und zu Beginn der Krise ging es um lediglich 300 Menschen, die ein Dach über dem Kopf benötigten.
Hier sprang ebenfalls die Zivilgesellschaft ein, organisierte sich über das Netz, bot Hilfsgüter an und verteilte sie. Aber statt zu helfen, wirft der Staat den Helfern auch hier beamtenhaft Knüppel zwischen die Beine und besteht auf die Erfüllung von Auflagen, wo gleichzeitig Kriegsvertriebene nach langen Märschen, oft genug im Regen, einfach nur ein Dach über dem Kopf benötigen würden. Und zwar mit oder ohne vorherige behördliche Abnahme der Unterkunft.


Digitales Erwachen
Wer mit den Helfern spricht, bemerkt eines recht schnell: Den wachsenden Unmut über die Untätigkeit des Staats in dieser Frage. Und anders als früher hat man diesen vielleicht in seinem ganz persönlichen Umfeld geäußert, oder bestenfalls in einem Leserbrief kanalisiert.
Heute, in Zeiten der digitalen Kommunikation, die quasi binnen Mausklick für viele Tausend Menschen buchstäblich veröffentlicht wird, gewinnen solche Unmutsäußerungen plötzlich viel mehr an Gewicht. Wie gesagt: alles nur dank Web 2.0.
Und deshalb sollten sich die politisch Verantwortlichen im übertragenen Sinne Eugen Roths Spruch, man solle zwar Gottes Segen für seien Arbeit erbitten, ohne gleichzeitig von ihm zu verlangen, dass er sie auch noch tut, rasch zu Gemüte führen.

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