PRIMENEWS
Mutter Staat und ihre Kinder
13.11.2015

Mutter Staat und ihre Kinder

Setteles „10 Verbote” regen zu Diskussionen an. Fazit: Du sollst dir kein Bildnis machen von einer Zukunft, die du dir nicht vorstellen kannst.

Leitartikel ••• Von Sabine Bretschneider


ER SAH, DASS ES GUT WAR. ORF-Journalist Hanno Settele entpuppt sich als Garant für intelligentes Infotainment auf Haubenniveau. Mittwochabend: „Settele und die 10 Verbote – Die Lust alles zu regeln”. Worüber auch medianet seit Jahren berichtet – die überbordende Bürokratie in rot-weiß-rot und das anhaltend laute Wehklagen von Generationen von Managern, was hätte dies besser illustrieren können als die leidgeprüfte Kaffeehausbesitzerin und ihr Kampf gegen die Behördensorgfaltsüberschreitung (Wer’s verpasst hat: http://goo.gl/04WzgP)?

„Gewöhnen wir uns mit all den Verboten und Regulierungen auch das Denken ab?”, stellte Settele in den Raum. Dazu drängt sich eine berechtigte Anschlussfrage auf: Wäre dies – ein Aus-Knopf für das dauernde reflexhafte Gedenke –, nicht ohnehin ein gangbarer Weg – in Zeiten, in denen mit Euphorie davon berichtet wird, dass die neuesten Ausformungen der KI (künstliche Intelligenz) nicht mehr bloß Schach spielen und Luft-Luft-Raketen steuern, sondern endlich auch mit ihresgleichen zu spielen beginnen (und demnächst wahrscheinlich Reitstunden auf Pferdedrohnen nehmen)? Superspannend übrigens, aber: „In dieser Hinsicht wird zum Ersatzgott, zum nunmehr gleichsam pantheistisch verehrten Götzen der digitalen Revolution die künstliche Intelligenz auf Computerbasis”, schreibt Werner Thiede in „Die digitalisierte Freiheit” (2014). Gut, Thiede ist nicht nur Publizist, sondern auch evangelischer Pfarrer. Aber so unrecht hat er nicht. Wer heute welche Medien auch immer konsumiert, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die „digitalen Evangelisten” längst mit den Taufscheinkatholiken gleichziehen. Zahlenmäßig zumindest. Sie sind jedoch mit viel mehr Verve unterwegs.

Alles ein Orchideenthema

Alles relativ egal, meint ein Kollege halb scherzhaft, der die Diskussion darüber für eine Abart des gängigen Orchideenthemas hält: Demnächst zerbreche eh die Europäische Union und damit auch der regulierende und regulierte Staat.

Wie sehr sind wir Österreicher im Grunde unseres Herzens brave und glückliche Kinder des Nannystaats und beschweren uns über die ausufernde Verbotskultur nur der Nörgeltradition zuliebe? Oder ist es vielmehr so, dass Mama Staat uns so autoritär („Kinder brauchen Grenzen”) erzieht, dass wir des Aufbegehrens schon müde sind, bevor wir noch zu einer frechen Antwort ausgeholt haben?
Wie erzeugt man eine gute Mischung aus funktionierendem Sozialstaat samt seinen robusten Auffangnetzen und erzieht dennoch den Staatsbürger zu einer gewissen Risikofreude – abseits absurder Trendsportarten?
Vielleicht ist dies alles eine Generationenfrage, die die Jüngeren schon unbeantwortet hinter sich gelassen haben, noch bevor sie an ihrer zweiten Nationalratswahl teilgenommen haben. Die sogenannte Generation Praktikum, die eine ordentliche Ausbildung durchlaufen hat, Matura, Hochschule, Auslandsaufenthalt – und dann ein Jahrzehnt in diversen Praktika festhängt, sieht die berufliche Welt ohnehin schon mit anderen Augen. Von wegen Sozialstaat und Beschneidung der individuellen Freiheit, wenn es bis dreißig nicht einmal dafür reicht, sich eine eigene Substandardwohnung zu nehmen.

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