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Mythos Geldknappheit © AFP/Dmitry Kostyukov
© AFP/Dmitry Kostyukov

12.02.2016

Mythos Geldknappheit

Bestimmt sich der Wert des Geldes nicht durch seine Knappheit? Nein, die Knappheit ist nicht nur relativ. Sie ist sogar eine Illusion.

••• Von Klaas Kramer

Menschen bedienen sich natürlicher Ressourcen, um ihr Dasein zu bestreiten: Luft, Trinkwasser, Nahrung, Baumaterial, Heizmittel, Treibstoff zur Fortbewegung und Rohstoffe für allerlei Ge- und Verbrauchsgüter. Je nach Wohlstands- und Komfort-Level ist der Verbrauch pro Person unterschiedlich hoch. Im Sinne der Nachhaltigkeit wäre es, wenn im Durchschnitt nicht mehr verbraucht würde, als vom Planeten als Rohstoffquelle regeneriert werden kann. Und Menschen tragen ganz unterschiedlich dazu bei, das ökologische Gleichgewicht zu schonen, wiederherzustellen oder Produkte, Verfahren, Ideen zu entwickeln, um trotz steigender Bevölkerungszahl den Raubbau an natürlichen Ressourcen zurückzufahren und letztlich ganz zu stoppen. Das ist Wirtschaft. Hier kommt das Kommunikationsmedium Geld ins Spiel. Geld ist eine vom Menschen erdachte Fiktion, die nur so lange funktioniert, wie der Glaube an diese Funktion aufrechterhalten wird. In Ermangelung an Alternativen und weil Geld tief den Alltag fast jeden menschlichen Erdenbewohners durchdrungen hat, konnte dieser Glaube auch durch die Finanzkrisen der vergangenen Jahre nicht ernsthaft erschüttert werden.

Geld wird nur in der Wahrnehmung von Haushalten „verbraucht”. Ein Gehaltsempfänger bekommt am Anfang des Monats eine Überweisung und tätigt im Verlaufe des Monats diverse Auszahlungen für subjektiv lebensnotwendige Dinge. Am Ende des Monats ist das Budget in der Regel aufgebraucht. Öffentliche Haushalte funktionieren im Grunde genauso, nur dass sie in der Regel eine Jahresplanung haben. Aus der Haushaltsperspektive ist Geld stets knapp. Wenn ein Haushalt von Investitionen spricht, so hat das nicht die selbe Bedeutung wie wenn ein Unternehmen investiert.

Der Geldhahn

Nach gängiger Volkswirtschaftslehre investiert ein Unternehmen in Produktionsmittel, um durch die ermöglichte Produktivitätssteigerung abzüglich der Abschreibung seine Rentabilität zu steigern: Das eingesetzte Kapital verzinst sich. Der Unternehmer hat einen Geldhahn installiert. Nun kann so ein Geldhahn sprudeln, weil Kunden einen höheren Nutzen haben und daher der Umsatz steigt. Er könnte auch deshalb sprudeln, weil Arbitrage-Effekte besser ausgenutzt werden: z.B. Auslagerung in Niedriglohnländer, Umgehung von behördlichen Auflagen durch legale Umdeklarierung, subventionierte Re-Importe, etc.. Mich interessieren Geldhähne mit einem echten Mehrwert für den Kunden weit mehr als halb- oder illegale Tricksereien, bei denen der Geldhahn nur deshalb so prächtig fließt, weil an anderer Stelle des Planeten der Hahn zu tropfen aufgehört hat.

Ein Blick auf die Weltwirtschaft – im Kleinen wie im Großen – verrät, wie viel Produktivitätspotenzial brach liegt: An der einen Stelle werden Rohstoffe verschwendet, an der anderen haben demotivierte Mitarbeiter innerlich gekündigt, an wieder einer anderen herrscht Krieg, geflüchtete Menschen werden in Auffanglagern am Produktivsein gehindert. An anderen Orten wird Arbeit nicht getan, weil sich niemand dafür findet, und ein paar Straßen weiter fühlen sich Menschen nicht gebraucht, werden depressiv und arbeitsunfähig. Was für eine Verschwendung materieller und immaterieller Ressourcen! Überangebot des einen dort, Mangel des anderen (z.B. sinnvoller Arbeit) hier. Es gibt noch genug Innovationspotenzial zur Lösung offener Probleme – Aufgaben für unternehmerisch denkende Menschen: Erfinde ein Angebot, das subjektiv empfundenen Mangel auflöst und kreiere daraus einen Geldhahn. Wenn Geld schneller fließt und dabei brachliegende Leistungen für Menschen schneller aktiviert werden, sieht Geld auf einmal nicht mehr knapp aus, denn die absolute Geldmenge verringert sich ja nicht. Geld wird nicht verbraucht, sondern aktiviert die Wirtschaft, den Leistungsaustausch.

Armutsbewusstsein

Eine weitere steile, aber durch persönliche Erfahrung gestützte These: Wer Geld als knappes Gut sieht, ist arm. Wer Geld als reichlich vorhanden sieht („Das Geld liegt auf der Straße”), ist reich. Man beachte die Kausalität: Nicht der Reiche ist reich, weil er Geld hat, sondern der Reiche hat Geld, weil er reich ist (reich denkt!). Die Mehrheit der Menschen widerspricht mir, denn das hieße, man ist für seine Armut respektive seinen Reichtum selbst verantwortlich.

Die Vorstellung, dass sich innerer Reichtum im äußeren Reichtum spiegelt und es sich mit dem Gegenteil – der Armut – genauso verhalten soll, war jedoch auch mir lange Zeit zu simpel. Nach rund 300 Unternehmer-Coachings habe ich mittlerweile viele Menschen und Lebenssituationen kennengelernt, die mir bestätigen: Geldarmut ist immer ein Teilaspekt grundsätzlicher Armut, der sich in allen anderen Lebensbereichen ebenso zeigt. Reichtum verstehe ich nicht allein monetär, sondern auch als Reichtum an Liebe, Ausgeglichenheit und seelischer Erfüllung. Dieser „innere Reichtum” geht einher mit der Bewusstheit von hoher Handlungs­autonomie und Selbstbestimmtheit. Wer dies jedoch eng an die Verfügbarkeit von Geld knüpft, macht sich abhängig. Reich ist, wer der Zeit einen höheren Wert beimisst als dem Geld. Wer Geld investiert, um Zeit zu gewinnen, steigert seinen unternehmerischen Wirkungsgrad. Wer nur Zeit gegen Geld tauscht, macht langfristig gesehen ein schlechtes Geschäft. Viele Inhaber von Unternehmen bemerken erst, dass etwas nicht rund läuft, wenn das Geld knapp wird. Kein Geld bedeutet offenkundig stark eingeschränkte Handlungsfähigkeit. Hinzu kommen Symptome wie Existenzangst und Folgekosten wie hohe Zinsen und Inkassogebühren. Geld kann lediglich kurzfristig diese Symp­tome lindern. Die Ursache von Geldnot sind jedoch immer falsche Entscheidungen aufgrund von Fehleinschätzungen des unternehmerischen Wirkungsfeldes.

Geldcoaches laufen ins Leere

Für Menschen mit dezidierten Armuts-Bewusstsein haben alle Erfolgs- und Geldcoaches dieser Welt dieselbe Antwort: „Ersetzt Eure Glaubenssätze von der Schlechtheit des Geldes und der Armutsüberzeugung durch welche, die Euch sagen, Ihr seid reich und Geld ist geil.” Einfach zu verstehen, einfach nachzuplappern, schon nicht mehr so leicht, das auch wirklich zu glauben. Aber das Prinzip ist einfach zu verstehen: Reich denken, reich handeln und dann kommt durch die empirische Bestätigung auch der Glaube. Und jeder, der das praktiziert, weiß, dass das ein harter Weg ist, bei dem 99% aller, die ihn beginnen, aufgeben, bevor sie Ergebnisse erzielen. Die Hoffnung auf schnell konsumierbare Rezepte steht dem bei jedem von uns prinzipiell vorhandenem Durchhaltevermögen im Weg.

Es ist jedoch nicht immer ein ausgesprochenes „Armuts-Bewusstsein” mit Glaubenssätzen wie „reiche Menschen sind schlecht” oder „Geld stinkt”, die Menschen in finanzielle Not führen. Gerade unter kreativen Freiberuflern ist die Geldnot in einer bedenklichen Entwurzelung zu finden, die intellektuell unter einer falschen (weil konstruierten) Bodenständigkeit getarnt wird. Die Abgehobenheit geht einher mit der Vorstellung, einzigartig wertvoll zu sein und „eigentlich” zu ganz anderen Tagessätzen arbeiten zu können, was zurzeit nur gerade nicht gelingen will. Aber man stünde kurz davor. Seit fünf Jahren.
Die Folge ist ein Umfeld aus Menschen, die sich in den Bann einer solchen Illusion ziehen lassen, Geld leihen, unbezahlte Praktika machen – für Monate, manchmal Jahre. Das Umfeld bestätigt durch sein Mittun fatalerweise, dass es jeden Moment bergauf ginge. Die Entsprechung im natürlichen Geldfluss bleibt aus. Ein Geldfluss in Form von Leihgaben oder Zahlungsaufschub ist unnatürlich.

Eingebildeter innerer Reichtum

Anders als Menschen mit offenkundigem Armutsbewusstsein ist die eben beschriebene Kategorie von Unternehmern sich ihrer inneren Armut keinesfalls bewusst. Die Bezeichnung „innere Armut” ist sogar irreführend, denn sie haben viel. Allerdings kommt es an den verkehrten Stellen zum Tragen. Es ist unproduktiv. Es wird viel Output produziert. Nur eben nicht für einen an den Geldfluss angebundenen Markt. Die Orientierung an einen Pseudo-Markt ist der entscheidende Fehler. Es ist ein Pseudo-Kundenmarkt, weil außer Anerkennung und Versprechen auf mögliche spätere Aufträge nichts gezahlt wird. Es besteht keine zwingende Nachfrage. Dieser Systemfehler wird direkt an einen Pseudo-Beschaffungsmarkt weitergeschaltet: Arbeitsleistung gegen Versprechen auf einen „richtigen” Job oder eine virtuelle Unternehmensbeteiligung.

Unter Unternehmern mit künstlerischem Hintergrund gibt es die Tendenz, sich besonders weit vorn zu sehen, was beratungsresistent macht: Alle Coaching-Methoden sind schon bekannt, alle Gedanken schon gedacht, alle Fragen längst beantwortet. Das Geschäft läuft trotzdem nicht. Nur, was sollen diejenigen machen, die bereits überzeugt sind, innerlich reich zu sein? Sie müssen als erstes ihre Traumwelt verlassen. Sie müssen ihr Besonderheitsvehikel loslassen, das ihnen (falsches) Selbstwertgefühl vermittelt und lernen, sich zu lieben wie sie sind. Als Mensch. Nicht als konstruierte (Marketing-)Kunstfigur.
Nur Geld ist definitiv keine ­Lösung, denn es würde nicht nur die innere Armut manifestieren, sondern – noch schlimmer – sie wieder unsichtbar machen.

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