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Nie mehr ohne meine Drohne © APA/Keystone/Jean-Christophe Bot
© APA/Keystone/Jean-Christophe Bot

18.09.2015

Nie mehr ohne meine Drohne

Welche Geschäftsmodelle die Entwicklung von Drohnen vorantreiben, wie die Drohnen morgen aussehen – und warum sie sich durchsetzen werden.

••• Von Sven Gabor Janszky

Leise surrt die Drohne ganz nach oben auf die Alm und liefert dem Bergbauern sein Werkzeug oder eine Kiste Bier. Mit Bildern wie diesen wird der alltägliche Einsatz von Drohnen skizziert, seitdem Amazon ihn angekündigt hat. Aber bis auf Weiteres ist der Kurierfahrer mit seinem Sprinter auf der Autobahn deutlich schneller, seine Reichweite ist erheblich höher und sein Wagen ist in der Anschaffung günstiger. Und was den Bergbauern beglückt, ist noch lange kein Geschäftsmodell und kein Anreiz für Entwickler, Hersteller und Handel, stärkere und größere Drohen auf den Markt zu bringen. Dennoch werden Drohnen bald schon unverzichtbarer Bestandteil der Wertschöpfungsketten in der Logistik sein.

Der Mangel an öffentlicher Infrastruktur

Absehbarer Treiber der Entwicklung ist ein Mangel an zukunftsfähiger Infrastruktur. Prominentestes Beispiel: Brücken. Zahllose Brücken, z.B. in Deutschland, sind marode, viele Bahnbrücken sehen nicht besser aus. Die Logistikbranche muss sich mit der Perspektive vertraut machen, dass im kommenden Jahrzehnt massenhaft Straßen für den Schwerlastverkehr gesperrt werden. Die Konsequenz: Umwege, Verzögerungen, Ausfälle – und derjenige Logistiker, der den Fluss, die Bahnstrecke, das Tal anders und aus eigener Kraft überwinden kann, besitzt einen entscheidenden Vorteil. Über Jahre hat die Logistikbranche in die Leistungstiefe investiert und an der Integration ihrer Angebote in die Prozesse der Kunden gearbeitet. Der reine Transport schien ausgereizt, standardisiert, austauschbar. Dies reißt nun wieder auf. Die lückenlose Verbindung zwischen zwei Punkten wird in Kürze wieder zum Mehrwert. Wer die Elbe auch nach der Sperrung der wichtigsten Brücken noch kreuzen kann, verfügt über eine Grundlage für die Geschäftsmodelle von morgen. Hier ist die Drohne einem Fährbetrieb schon heute überlegen; ihre vermeintlichen Schwächen sind nicht von Belang: Kurze Reichweite? Kein Problem. Flugsicherheit? Im abgesperrten Bereich beiderseits des Ufers leicht regelbar. Akkulaufzeit? Systeme mit Wechselakkus sind längst marktfähig. Selbstverständlich bedeutet dies Investitionen für Logistiker. Es ist das Prinzip Suezkanal: Kein Reeder ist gezwungen, 300.000 € one-way für die Durchfahrt bezahlen. Aber die Route um Afrika herum ist nicht marktfähig. Daher lohnt es sich für Ägypten, in den Ausbau zu investieren und die kurze Route zu vermarkten. Ebenso werden in Europa Logistiker antreten, die Lücken in der öffentlichen Infrastruktur schließen.

Wie Drohnen den Kühlschrank vergrößern

Das zweite Feld, auf dem lukrative Geschäftsmodelle die Entwicklung von Drohnen vorantreiben werden, ist die Zukunft des Smart Home. Zunächst im urbanen Raum ermöglichen Drohnen die Lieferung kleinster Mengen über kurze Distanzen. Das Kühlregal im Supermarkt erweitert so den heimischen Kühlschrank. Das erste Szenario: Kühlschrank und Handy kommunizieren darüber, welche Standardprodukte fehlen. Der Mensch bestellt per 1-Klick bei seinem üblichen Lieferdienst, woraufhin der Supermarkt die Einkäufe zusammenstellt. Das Handy meldet selbsttätig an den Supermarkt, wann der Mensch in seiner Wohnung angekommen ist, und die Drohne macht sich auf den Weg. Im nächsten Schritt übernimmt der Kühlschrank oder ein anderes smartes Gerät die Bestellung gleich selbst. Denn nicht nur merkt der Kühlschrank, wann der Käse zur Neige geht. Er kann den Verbrauch abschätzen, diesen automatisiert mit der bevorstehenden Reise abgleichen, die aktuellen Angebote der bevorzugten Supermärkte auswerten und – hier kommen die Drohnen ins Spiel – eigenständig kaufen und liefern lassen. Das Haus lernt und passt sein Verhalten an. Dafür hat das vernetzte Haus von morgen neben der Katzenklappe die Drohnenklappe, mit Direktverbindung zu Kühlschrank und Lagerraum. Supermärkte werden ihren Kunden den Einbau von Smart Windows bezahlen, um der eigenen Drohne ungehinderten Zugang zu gewähren. Sie möchten keinen Drohneneingang? Dann wird der Supermarkt die Sackerln zusammenstellen und Ihr Smartphone fragen, wo Ihr Auto gerade steht. Das Handy stattet die Drohne mit den Koordinaten des Autos und dem Öffnungscode für den Kofferraum aus: Lieferung frei Kofferraum.

Mehrere internationale Automobilkonzerne arbeiten daran, den Kofferraum auf diese Weise zu vernetzen; hier entsteht eine Arbeitsteilung zwischen autonom fahrenden Autos und Drohnen. Selbst fahrende Autos kommen und sie werden Branchen und Geschäftsmodelle verändern, natürlich auch in der Logistik. Die Branche wird dabei die beiden großen Potenziale heutiger Autos erschließen: ungenutzte Zeit und ungenutzten Raum. So werden autonom fahrende Autos in ihrer Freizeit in Lieferketten integriert werden. Allerdings ist ihr Einsatz für das einzelne Tetrapak Milch schlicht zu teuer. Aber erst wenn auch diese Micro-Transporte automatisiert und integriert möglich werden, wird der Supermarkt zur Erweiterung des eigenen Kühlschranks zum externen Hauswirtschaftsraum. Ein vergleichbares Potenzial entsteht im Bereich der medizinischen Versorgung: Die Drohne, mit der die Apotheke die tägliche Medikamentendosis gekühlt und korrekt dosiert ausliefert – gerade auf dem Land als notwendige Infrastruktur der kommenden Telemedizin.

Erst Drohnen ermöglichen das Smart Home

Unternehmen unterschiedlichster Branchen treiben das Thema Smart Home voran: Technologieunternehmen, die Softwarebranche, Heizungs-, Klima- und Sanitärfirmen, Mobilfunkriesen. Sie ermöglichen es, am Mittelmeerstrand die Beleuchtung zu Hause zu regeln und aus dem Kinositz nachzuschauen, ob der Herd auch wirklich ausgeschaltet ist. Doch der Reiz solcher Gimmicks wird schnell verblassen. Auf Dauer geht es nicht um Steuerung des Hauses aus der Ferne. Das Smart Home spielt seine eigentlichen Stärken erst aus, wenn die Bewohner anwesend sind und es sich im Alltag als das bessere Haus erweist. Kunden werden erst dann in großem Umfang dafür zu gewinnen sein, ihre Daten freizugeben – zu investieren –, wenn ihr Leben im vernetzten Haus dadurch angenehmer, leichter, bequemer, günstiger wird. Deshalb werden wir Aufräumdrohnen im Kinderzimmer sehen.

Die Staubwischdrohne wird sich im Wohnzimmer die Arbeit mit dem Staubsauger­roboter teilen, so wie sich im Garten automatischer Rasenmäher und Heckenschneide­drohne ergänzen. Eine treibende Rolle der Entwicklung werden aber die Lieferdrohnen einnehmen; hier ist die Motivation für den Einsatz am unmittelbarsten greifbar – wenn der Kauf von Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs genauer an den Verbrauch angepasst ist und die Kosten der Haushaltsführung dadurch sinken; wenn der eigene Carbon Footprint durch optimierte Versorgung schmilzt; wenn der Stress des Alltags sinkt. Die persönlichen Prioritäten variieren, der Effekt bleibt: Das Smart Home wird erst dann für den Massenmarkt attraktiv, wenn auch die Lieferung kleinster Mengen gesichert und integriert ist. Kleine Last, kurze Wege, überschaubare Reichweite? Das Thema ist jetzt schon vertraut: Diese angeblichen Beschränkungen heutiger Drohnen fallen auch hier nicht ins Gewicht. Die automatisierbare Steuerung, der robuste Einsatz, die Möglichkeit der Integration in komplexe Bestell- und Lieferketten sind bereits heute Realität. Erst mit diesem Baustein wird das Smart Home tatsächlich attraktiv. Die Supermärkte können auf diese Weise Lagerflächen reduzieren, die eigenen Lieferketten optimieren und den Einsatz von Frischwaren verlustfreier planen und umsetzen – im seit Jahren margenschwachen Lebensmitteleinzelhandel ein bemerkenswerter Effekt. Aber neben diesen unmittelbaren Folgen ist der wichtigste Treiber der Entwicklung von Drohnen ein alter Bekannter der digitalen Revolution: der Wettstreit um den unmittelbaren Kundenkontakt. Wem es gelingt, die regelmäßige Versorgung von Kunden mit Waren des alltäglichen Bedarfs zu übernehmen, gewinnt den Zugriff auf lukrativste Kundendaten und kommt dem Schritt, das Betriebssystem des Lebens seiner Kunden zu werden, einen wichtigen Schritt näher. Dabei ist es aus Sicht des Kunden völlig austauschbar, ob der Kühlschrank, das Kundenprofil beim örtlichen Supermarktbetreiber oder der Mobilfunkanbieter diese Entwicklung treiben, steuern und vernetzen. Der Kunde wird sich für ein Unternehmen entscheiden, dem er vertraut. Und wer hier kein Vertrauen fassen kann, setzt die eigene Drohne ein.
Doch warum sollte ein Supermarkt die etablierten Distributions- und Verkaufswege aufgeben und stattdessen auf Drohnen setzen? Die Kunden sind doch schließlich daran gewöhnt, zu festgelegten Öffnungszeiten zu Fuß durch die Gänge zu streifen und die Auslieferung selbst zu übernehmen, per Auto, Fahrrad oder Hackenporsche. Weit wahrscheinlicher ist es, dass diejenigen Unternehmen Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs per Drohne ausliefern werden, die nicht über eigene Filialen und Verkaufsflächen verfügen. Aus deren Sicht gesprochen: diese auch nicht benötigen und nicht refinanzieren müssen. Das Spektrum der Akteure reicht vom digitalen Pizzaservice bis zum Logistikriesen wie Amazon.
Offene Fragen der Regulierung wirken bremsend, keine Frage. Solange Drohnen nur auf Sicht gesteuert werden dürfen, Überflugrechte im privaten Raum nicht verhandelt sind, und die Versicherungs- und Haftungsfragen nach Aussagen großer Konzerne zwar ohne Weiteres lösbar, aber noch nicht gelöst sind, bleiben Hürden für den breiten Einsatz – allerdings Hürden auf Zeit. Wir erwarten: Trotz aller offenen Fragen bei der Regulierung werden allein diese beiden Use Cases – private öffentliche Infrastruktur als Business Case und die umfassende Realisierung von Smart Homes auf dem Weg zur direkten Kundenbeziehung – das Potenzial haben, Drohnen breit zum Einsatz zu bringen und Herstellern Anreize zu geben, ihre Drohnen tragfähiger und smarter zu machen. Mit dieser kritischen Masse lohnt sich die Entwicklung leistungsstärkerer Drohnen, die dann auch das Potenzial haben, auf weiteren Feldern der Logistik überlegen zu sein. In diesem Sinne führt in den kommenden Jahren an der Drohne kein Weg vorbei, nur darunter durch.


Sven Gabor Janszky ist Trendforscher und Direktor des 2b Ahead ThinkTanks. www.2bahead.de

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