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Bauern kämpfen gegen das Armuts-Gütesiegel © Unión de Pequeños Agricultores y Ganaderos
© Unión de Pequeños Agricultores y Ganaderos

Redaktion 05.06.2020

Bauern kämpfen gegen das Armuts-Gütesiegel

Das spanische Gemüse im heimischen Lebensmittelhandel mag bio sein, sein Ursprung ist oft armselig.

••• Von Maren Häußermann

Die Tomaten und Pfirsiche kommen aus Almeria, die Erdbeeren stammen aus Andalusien, die Clementinen aus Valencia. Spanien exportiert einen Großteil seiner Obst- und Gemüseerzeugnisse nach Österreich. Seit Mai warten Aprikosen, Zitronen, Pfirsiche, Orangen, Nektarinen, Tomaten und Paprika darauf, geerntet zu werden. Doch so wie jedes andere Land steht Spanien derzeit vor einer großen Herausforderung: Seit der Pandemie geraten Bauern, Erntehelfer und die gesamte Industrie unter enormen Zeit- und Gelddruck.

Carmen Crespo ist die Landwirtschaftsministerin der autonomen Region Andalusien, dem Ort, der das meiste spanische Gemüse und Obst für den europäischen und globalen Markt produziert. Ihr zufolge zeigt die Krise die Wichtigkeit des spanischen Agrarsektors, der auch schon während der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 als Wirtschaftspuffer diente und Arbeitskräfte aufnahm. Doch in der aktuellen Krise sind rund 30% der spanischen landwirtschaftlichen Exporte von Covid-19 und den damit einhergehenden Einschränkungen betroffen. Das gesamte Handelsvolumen zwischen Spanien und Österreich beträgt rund fünf Milliarden Euro pro Jahr. Im Jahr 2018 importierte Österreich Nahrungsmittel im Wert von knapp 413 Millionen Euro; 83% davon machten die Einfuhren von Obst und Gemüse aus, im Umfang von gut 345 Millionen Euro.

Imageproblem

Die Zahlen der Importgüter schwankten in den vergangenen Jahren signifikant. Einer Erklärung der WKO in Barcelona zufolge hängt das auch mit dem Trend zur gesunden Ernährung und dem Konsum von Bio­lebensmitteln zusammen, den es in Österreich schon länger gibt. Die spanische Landwirtschaft konzentriert sich nun vermehrt auf diese Lebensmittel, hat aber auch weiterhin mit einem Imageproblem zu kämpfen.

2018 haben Investigativ-Recherchen der ARD Aufsehen erregt. Im Sommer drehte ein Fernsehteam eine Dokumentation auf den südspanischen Plantagen in Almeria, die eine Fläche von über 30.000 ha einnehmen. Der Stern titelte daraufhin: „Warum Sie kein Obst und Gemüse aus Spanien und Italien kaufen sollten”.
Die Aufnahmen zeigen Plastikdächer, die sich über Kilometer erstrecken. Laut den Recherchen der ARD befindet sich in Almeria in Andalusien „die größte Anbaufläche mit Gewächshäusern der Welt”. Die Arbeiter, die als Erntehelfer unter menschenunwürdigen Verhältnissen und für einen viel zu geringen Lohn schwarzarbeiten, leben in selbstgebastelten Hütten. Die Wände bestehen aus Matratzen, Plastik und Stoffbahnen, fließendes Wasser oder Strom gibt es nicht. Das alles sind keine Neuigkeiten.
Schon im Jahr 2005 hat Erwin Wagenhofer in seiner Dokumentation „We feed the World – Essen global” die Zustände auf den südspanischen Plantagen thematisiert. Geändert hat sich scheinbar nichts. Das Bio-Siegel kommt mit der Erfüllung verschiedener Kriterien. An der Behandlung der Arbeitskräfte ändert das allerdings nichts.

Illegal im Gemüsefeld

Soc Sat, die regionale Gewerkschaft der Feldarbeiter, sagt, dass auf den Plantagen in etwa 100.000 Arbeiter beschäftigt sind, von denen zwischen 30 und 40% keine Aufenthaltsgenehmigung in Spanien haben. Sie arbeiten nach Bedarf. In den Plantagen eines Unternehmens, das unter anderem das deutsche Biosiegel trägt, verdienen sie laut Gewerkschaft 5,59 € pro Stunde.

Der spanische Bio-Bereich im Agrarsektor ist mittlerweile allein flächentechnisch der größte in Europa und der fünftgrößte weltweit. Der größte spanische Bio-Lebensmittelhersteller Haciendas Bio erwähnt in einer Aussendung die Beobachtung, dass während der Corona-Pandemie die Nachfrage nach organischen und nachhaltigen Produkten, vor allem nach frischem Obst und Gemüse, um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sei.
Laut Pressestelle des Unternehmens haben sich die Ausfuhren im Zeitraum um Ostern ebenfalls gesteigert, verglichen mit 2019.
Viele Unternehmen beklagen dieser Tage aber auch einen Verfall der Preise durch die gesunkene Nachfrage durch geschlossene Hotels, Restaurants und Bars. Die Gewerkschaftsseite bemerkt, dass die Abstands- und Hygieneregeln in den Plantagen oft nicht eingehalten werden (können).

Demonstrationen

Die kleinen Bauern hatten bereits vor Covid-19 Probleme, über die Runden zu kommen. Anfang des Jahres fanden zahlreiche Demonstrationen in Spanien und vor allem in der westlichen autonomen Region Extremadura statt, wo Bauern in Traktoren faire Ab-Hof-Preise forderten, die es ihnen ermöglichen, die Produktionskosten zu decken.

Eine geplante Erhöhung der Mindestlöhne im Landwirtschaftlichen Bereich bedeutet für kleine Betriebe eine Kostenerhöhung von bis zu 50%. Die Gewerkschaft der kleinen Bauern warnt nun, dass sich die Situation durch die Coronakrise weiter verschärft hat.
Die spanische Wirtschaft ist ähnlich eingeteilt wie die österreichische: 76,9% der Arbeitnehmer sind im Dienstleistungssektor tätig (AT: 70,6), 19,1% in der Industrie (AT: 25,3) und vier Prozent in der Landwirtschaft (AT: 4,2). Die spanische Landwirtschaft ist geprägt Zitrusfrüchten und der Fisch- und Fleischproduktion, aber auch von Oliven- und Weinanbau.
Seit dem Ausbruch der Pandemie in Europa ist der Weinhandel eingebrochen und auch das Olivenöl bleibt in den Lagern, wie Juan Metidieri von der Vereinigung junger Landwirte sagt. Man sieht sich der ultimativen Herausforderung gegenüber: Die Bevölkerung in Spanien braucht Nahrungsmittel, aber gesunkenen Preise machen die Ernährung der Menschen kaum finanzierbar. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn die Produkte sind verderblich.

Fehlende Erntehelfer

Zwischen 100.000 und 150.000 Erntehelfer fehlen in Spanien außerhalb von Andalusien. Denn dort verlassen sich die Bauern auch auf die Arbeitskraft aus Osteuropa und Afrika. José Leal, ein Bauer aus Westspanien, erzählt gegenüber einer spanischen Zeitung, dass er schon seit 15 Jahren mit einer rumänischen Familie die Kirsch­ernte bewältigt. Seine Frau und er brauchen fünf weitere Personen, um die 50.000 bis 60.000 kg einzusammeln. Der Staat will nun Arbeitssuchende zuteilen, aber Leal sagt, dass das keine Lösung sei, weil man als Landarbeiter spezielle Kenntnisse braucht und an die körperliche Arbeit auf den Feldern gewöhnt sein muss.

Der spanische Landwirtschaftsminister Luis Planas setzt auf eine europäische Lösung und hat mit seinen Amtskollegen einen Appell an die Europäische Kommission unterzeichnet, die Landwirtschaft als Priorität zu behandeln und eine gemeinsame Lebensmittelsicherung zu garantieren. Auch Carmen Crespo in Andalusien erwartet, dass die Mitgliedsländer EU in Zukunft vor allem auf den Binnenmarkt schauen und die gemeinschaftliche Landwirtschaft schützen.

EU-Mittel für Spanien

Am 27. Mai hat die EU-Kommission nun entschieden, dass Spanien gut 140 Milliarden Euro an Zuschüssen und Krediten erhalten soll, um seine Wirtschaft wieder aufzubauen. Etwa 750 Milliarden Euro sollen die europäischen Länder aus der Coronakrise retten. Das Geld soll auch durch die Kreditaufnahme am internationalen Finanzmarkt generiert werden. Von 2028 bis 2058 haben die Mitgliedsstaaten dann Zeit, die Hilfen zurückzuzahlen.

Für Spanien ist es ohne die Hilfe nicht möglich, aus der Krise herauszukommen. Das betrifft auch die Landwirtschaft, das Auffangbecken für den eingebrochenen Tourismus. Die Biomesse Organic Food Iberia, die sowohl für österreichische als auch spanische Anbieter von großem Interesse ist, wurde für dieses Jahr abgesagt. Wie sich die Coronakrise schlussendlich auf die Exporte auswirken wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar.

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