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Das Licht im Schatten der Coronakrise © APA/Hans Punz
© APA/Hans Punz

Redaktion 09.04.2021

Das Licht im Schatten der Coronakrise

Im Lebensmittelhandel hat die Pandemie als Verstärker von Trends einiges an Arbeit geleistet.

••• Von Christian Novacek

WIEN. Gekommen, um zu bleiben – das wäre in Bezug auf Corona eine tendenziell fatale Feststellung. Nichtsdestotrotz hat sie einen Hang zur Wirklichkeit, denn als Trendverstärker hat die Coronakrise einiges verfestigt, was vorher zwar vorhanden, aber ggf. mit schwächelnder Dynamik versehen war.

Die Frage, was an Trends nach Corona in welcher Potenz prolongiert wird, haben wir an den Handel weitergereicht. Große Einigkeit herrscht beim Thema Bio: Für Spar-Sprecherin Nicole Berkmann „ein Trend, den es bereits vorher gab und der sich durch Corona verstärkt hat” – durchaus in Richtung Mega­trend.
„Wir haben in diesem Produktbereich im vergangenen Jahr einen Umsatzzuwachs von fast 30 Prozent erreicht”, führt Berkmann aus.
Dementsprechend wird bei Spar an der Ausweitung des Biosortiments gearbeitet und das Engagement rund um gesunde Lebensmittel verstärkt. „So haben wir zum Beispiel gerade einen Bienenrat gegründet und ein ‚Gemeinsam für die Vielfalt'- Projekt gestartet”, so Berkmann.

Digitalisierungs-Push

Zwei starke Trends, die durch die Pandemie sicherlich noch verstärkt und beschleunigt wurden, sieht die Rewe Group Österreich bei den Themen Regionalität und Digitalisierung. „Der Billa Online Shop verzeichnet seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 eine stark steigende Nachfrage von rund 80 Prozent, und die Nachfrage hält weiterhin an”, berichtet Rewe-Sprecher Paul Pöttschacher.

Um der Nachfrage gerecht zu werden, wurden die Kapazitäten erhöht und die Lieferzeitfenster ausgeweitet. Österreichweit gibt es aktuell über 600 Click & Collect-Filialen und auch die werden ausgeweitet. „Auch maßgeschneiderte Angebote und zusätzliche Dienstleistungen wie Paketservice oder Shop-in-Shop-Konzepte mit ausgewählten Handelspartnern werden in Zukunft eine wichtige Rolle in unseren Märkten spielen”, berichtet Pöttschacher.

Regional & lokal

Zweitens sind für Rewe die regionalen Produkte sowie Bio-Lebensmittel in den Fokus der Aufmerksamkeit bei den Kunden gerückt. „Hochwertige Lebensmittel aus Österreich anzubieten, ist der Rewe Group Österreich ein wichtiges Anliegen und in den Sortimenten unserer Handelsfirmen stark verankert”, sagt Pöttschacher.

Seit dem ersten Lockdown sind vielen lokalen und regionalen Produzenten durch die Schließung der Gastronomie und Hotellerie die Absatzmärkte weggebrochen – hier haben Billa & Co österreichweit eine Vielzahl an neuen Listungen in den Regionen vorgenommen. „Wir setzen hier auf langfristige und stabile Geschäftsbeziehungen auf Augenhöhe und bauen das regionale und lokale Sortiment stark aus. Österreichweit haben wir über 1.400 lokale und regionale Lieferanten bei Billa”, so Pöttschacher abschließend.

Bio-Qualität bei Lidl

Auch beim Diskonter Lidl hält man die Bio-Flagge hoch. Lidl Österreich-Chef Alessandro Wolf: „Im stationären Handel liegt der Trend nicht erst seit Corona auf Frische, Regionalität und vor allem Bio-Qualität aus Österreich. Auf unserem Weg zum Smart-Diskonter haben wir in den vergangenen Monaten unser Sortiment um 400 Produkte erweitert – wie zum Beispiel unseren Bio-Bereich oder unser veganes Sortiment.”

Hand in Hand mit Bio geht ebenso in der Welt der Diskonter das Thema Regionalität. Hofer-Chef Horst Leitner schreibt diese dick ins Stammbuch der Nummer drei im heimischen LEH: „In unserem Selbstverständnis als regionaler Lebensmittelhändler beziehen wir beispielsweise seit Jahresbeginn das gesamte dauerhaft und saisonal erhältliche Fleisch- und Wurstsortiment von Rind-, Schweine- und Hühnerfleisch aus Österreich”, berichtet er von der jüngsten regionalen Adjustierung im Sortiment. Und ergänzend: „Für Hofer als einen der größten Abnehmer der heimischen Landwirtschaft ist der Regionalitäts-Gedanke somit allgegenwärtig.”

Ausgefeiltes Netzwerk

Hofer verweist im Kontext auf den Aufbau eines im Laufe der vergangenen 50 Jahre umfangreich gewordenen Produzentennetzwerks in den verschiedenen Regionen. „Wir haben Transportwege minimiert und uns mit Fairness und Handschlagqualität einen Namen als verlässlicher Partner gemacht”, führt Leitner aus.

Vor allem mit ‚Zurück zum Ursprung' habe man große Meilensteine im Bereich Regionalität gesetzt – inklusive Transparenz: Rund 4.000 österreichische Bauern produzieren für Zurück zum Ursprung, und jedes einzelne Produkt ist anhand des implementierten Rückverfolgungssystems bis zu den beteiligten Bio-Bauern nachvollziehbar.

Regionale DNA bei Unimarkt

Bei der Supermarktkette Unimarkt sieht man den Faktor Regionalität ebenso bedeutsam. „Regionalität hat durch die Coronakrise an Wertschätzung gewonnen. Konsumenten setzen sich noch bewusster mit Ernährung auseinander, und auch das Qualitätsbewusstsein steigt, weshalb regionale Produkte immer mehr an Bedeutung gewinnen”, ist Unimarkt-Chef Andreas Haider überzeugt.

Er verweist auf die regionale DNA des Unternehmens: „Die Wurzeln von Unimarkt liegen in den ländlichen Regionen, und wir setzen schon seit vielen Jahren auf eine enge Zusammenarbeit mit regionalen Produzenten und werden dies auch weiterhin so fortführen bzw. noch stärker ausbauen.”

Der Wert der Nahversorgung

Während Bio und Regionalität bereits vor der Pandemie Trumpfkarten schlechthin im LEH waren, rückt anhand der Pandemie nun ein Faktor ins Zentrum der Wahrnehmung, der bis dato als Selbstverständlichkeit unterbewertet war: Der Wert der Nahversorgung an sich.

Um hier bei Unimarkt zu bleiben, ist Andreas Haider überzeugt: „Die Krise hat gezeigt, wie wichtig die lokale Nahversorgung ist. Wir sind uns dessen schon seit langer Zeit bewusst, denn lokale Nahversorgung schafft Wohn- und Lebensqualität und verhindert Abwanderungen. Daher sind wir weiterhin bemüht, in ländlichen Strukturen die notwendigen Rahmenbedingungen zu legen, um die Bevölkerung mit Gütern des täglichen Bedarfs zu versorgen.”

Regional in der UniBox

Haider verweist hier auf die neu geschaffene UniBox, die diese Vor-Ort-Versorgung hauptsächlich an jenen Orten bieten will, wo aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Abwanderung von kleinstrukturierten Lebensmittelhändlern erkennbar ist. „Mit dieser Innovation sind wir der digitale Treiber im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel”, ist man überzeugt.

Der Grundton für die Trends hin zu mehr Bio und Regionalität ist das Thema Nachhaltigkeit – und es ist ebenso bei den Diskontern angekommen wie bereits in den Supermärkten.
Beispiel Lidl: „Für das Thema Nachhaltigkeit tun wir einiges, denn es spielt bei unseren Kunden eine wichtige Rolle”, sagt Alessandro Wolf und bezieht sich unter anderem auf die 100% heimische Bio-Eigenmarke ‚Ein gutes Stück Heimat', wo neben der Neugestaltung des Marken-Logos und des Verpackungsdesigns die gesamte Produkt-Range zu 100% klimaneutral gemacht wurde.

Kreisläufe & Klimaschutz

Darüber hinaus: „Besonderes Augenmerk liegt in den nächsten Monaten und Jahren auch auf dem Klimaschutz. Dazu gehört unsere Strategie zur Plastikreduktion, Forcierung der Kreislaufwirtschaft oder die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung, aber auch erneuerbarer Energie. Unsere neue Klimaoffensive werden wir im Herbst präsentieren”, so Wolf, der die Rolle des Diskonters ebenso auf einen weiteren Aspekt hin neu definiert sieht: „Mit derzeit rund 2.000 dauerhaft erhältlichen Artikeln sind wir mittlerweile ein richtiger One-Stop-Shop und eine Haupteinkaufsstätte für den täglichen und wöchentlichen Familieneinkauf.”

In 2021 will Lidl weiter in die Modernisierung der Standorte investieren: „Im Fokus stehen Kundenfreundlichkeit, Übersichtlichkeit, aber auch Digital Signage – beispielsweise durch den Einsatz digitaler Werbung am POS”, so Wolf.

Trendbeschleunigte Gastro

Bei jenen Händlern, die sich gleichsam als starke Gastronomiepartner sehen, hat die Coronakrise ein paar spezielle Entwicklungen angetrieben. Etwa bei Kastner, wo betont wird, dass man „seinen Kunden in turbulenten Zeiten zur Seite steht und rasche und zukunftsweisende Lösungen für die Hürden der Gegenwart” findet.

So schürte der Multifachgroßhändler etwa flugs ein Kastner Gastro Home Delivery Startpaket (www.kastner.at/home-delivery), welches aus einer digitalen Speisekarte von Ordito, einer kontaktlosen Bezahlmöglichkeit von stampaygo, und einer breiten Auswahl an nachhaltigen Verpackungsmaterialien im Kast­ner-Sortiment besteht.

Digitales Gäste-Erlebnis

Durch die Übernahme der Digitalplattform Ordito bietet Kast­ner seinen Kunden nunmehr zahlreiche, leicht nutzbare Instrumente für ein digitales Gäste-Erlebnis in der Gastronomie. „Die Software des Start-ups ermöglicht durch eine elektronische Speisekarte einen digitalen Bestellprozess – sowohl im Restaurant, als auch online über die Einbindung in diverse Plattformen”, berichtet Christof Kastner, Chef der Kastner Gruppe.

Dadurch wurden Gastronomen auf „schnellstem Wege dabei unterstützt, Liefer- und Abholservices anzubieten, um auch während des Lockdowns die eigene Vermarktung zu optimieren”. Das zusätzliche, neue Click2Collect- Service ermögliche es überdies, Waren online über den Kastner WebShop 2.0 zu bestellen und im Kastner-Abholmarkt abzuholen.

Franchise als Anker

Neben den quasi aufgelegten Trends im Bereich Bio, Genuss und Regionalität orten einige Händler auch Entwicklungen, die Anlass geben, den eigenen USP entsprechend herauszustellen. Zum Beispiel sieht sich Unimarkt als Franchisepartner im Aufwind: „Die Krise hat gezeigt, dass der Lebensmittelhandel sowie die Franchiselandschaft eine sichere, zukunftsträchtige Branche für selbstständige Unternehmer ist”, sagt dazu Andreas Haider.

Denn: Gerade in unsicheren Zeiten würden sich die Kunden nach noch mehr Sicherheit sehnen und „wenn ein Franchisepartner als Ansprechpartner vor Ort für den Kunden da ist, fühlen sich die Konsumenten noch geborgener und haben eine direkte, kompetente Ansprache für alle ihre Wünsche und Bedürfnisse”, leitet der Unimarkt-Chef eine Kompetenz ab, die in dieser Form sonst nur für selbstständige Kaufleute gelten mag.

Action mit Action

Nicht nur die Lebensmittelhändler sehen anhand der Krise neue Gewohnheiten erwachsen. Boyko Tchakarov, General Manager Action Austria, meint: „Wir sehen eine Veränderung im Kaufverhalten der Konsumenten, die wir auf Covid-19 zurückführen. Die Verbraucher kaufen mehr Produkte für zu Hause.”

Das seien etwa Heimwerkermaterialien sowie Produkte, die das Zuhause gemütlicher machen. „Wir passen unser Angebot diesem Trend an und bieten eine breite Palette von Artikeln, die diese Anforderungen erfüllen und das zu einem niedrigen Preis”, so Tchakarov.
An der Action-Geschäftsstrategie würde sich indes nichts ändern: „Wir setzen auf Expansion und eröffnen laufend neue Filialen. 2020 haben wir insgesamt 164 Eröffnungen durchgeführt, 15 davon in Österreich. Zudem sind wir in den tschechischen Markt eingetreten und planen eine erste Filiale in Italien.”

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