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Die Blockchain kommt und ändert bald alles © Stefan Zamisch

ExpertenrundeMassimo Gentilini, Blockchain-Experte bei CRIF, Rainer Will, Geschäftsführer Handelsverband, und Ross King vom Austrian Institute of Technology.

© Stefan Zamisch

ExpertenrundeMassimo Gentilini, Blockchain-Experte bei CRIF, Rainer Will, Geschäftsführer Handelsverband, und Ross King vom Austrian Institute of Technology.

christian novacek 27.04.2018

Die Blockchain kommt und ändert bald alles

Für die einen ein Fremdwort, für die anderen die Basis von Bitcoin, für Optimisten die Revolution im Handel – was kann die Blockchain?

••• Von Christian Novacek

Beschaffungsprozesse verändern sich rasant. Deren aktuellstes Beschleunigungselement ist die Blockchain. Zuletzt war sie eher diffus beleumundet – zumal die Kryptowährung Bitcoin auf ihr basiert.

Grundsätzlich steht Blockchain für eine kontinuierlich erweiterbare Liste von Datensätzen – im Beschaffungsbereich mithin für eine Rückverfolgbarkeit in einer bis dato nicht gekannten Qualität.
Aber ist sie jetzt Hype oder Revolution? Spekulationen gehen dahin, dass in 2025 zehn Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts mithilfe der Blockchain abgewickelt werden. Speziell was globale Handelsbarrieren betrifft, soll die Blockchain selbige reduzieren und gleichzeitig Transparenz und Sicherheit garantieren. Wo die Hoffnung beginnt und die Spekulation endet – darüber gibt nun eine neue Studie von AIT Austrian Institute of Technology, CRIF und Handelsverband Auskunft.
Demnach wird der Blockchain-Technologie in Sachen Supply-Chain-Management und Handel durchaus revolutionäres Potenzial zugestanden. In einer Lieferkette haben viele Akteure miteinander zu tun, die einander nicht zwingend (und auch: nicht wirklich) vertrauen. Gleichzeitig sind aber Vertrauen und Transparenz jene Faktoren, die eine effiziente Zusammenarbeit fördern. Hier kommt die Blockchain ins Spiel: „Derzeit ist die Blockchain in aller Munde”, sagt demgemäß Studienautor Ross King von AIT. „Der Hype begründet sich auch durch den dramatischen Preisanstieg von Bitcoin, der mit der grundsätzlichen Nützlichkeit der Technologie aber nichts zu tun hat”, erklärt King.
Er erläutert den grundsätzlichen Mehrwert der Blockchain: In der Lieferkette wird ein unveränderbares Verzeichnis aller Aspekte einer Transaktion geschaffen – von der Herkunft des Rohstoffs über die Verarbeitung bis zur Verpackungshistorie. Dieses Verzeichnis kann ein neues Fundament für Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Vertrauen schaffen.

Das Problem der Schnittstelle

„Die Krux liegt im Detail. Natürlich kann die Blockchain das Supply-Chain-Management oder auch die Kreditwürdigkeitsbewertung verbessern. Das zentrale Problem ist jedoch die Schnittstelle zwischen der physischen und der digitalen Welt”, erläutert Massimo Gentilini, seines Zeichens Blockchain-Experte der Wirtschaftsauskunftei CRIF.

Demnach muss jeder Vorgang von einem Menschen oder einer Maschine außerhalb der Blockchain protokolliert werden – erst dann kann er unveränderbar und nachvollziehbar festgehalten werden. Wenn man diesen Einheiten (Menschen oder Maschinen) außerhalb der Kette ohnehin vertrauen kann, dann bräuchte man in vielen Fällen gar keine Blockchain. „Oft würde eine zentrale Datenbanklösung mit gemeinsamen Lese- und Schreibrechten ausreichen. Wenn man umgekehrt den externen Einheiten nicht vertrauen kann, dann kann leider auch die Blockchain das Vertrauensproblem nicht lösen”, so Gentilini.

Smarte Automatisierung

Eine Applikation der Blockchain-Technologie besteht in der potenziellen Automatisierung einzelner Prozessschritte des Wirtschaftsgeschehens. Verantwortlich dafür sind im Vorhinein programmierte Smart Contracts. So könnte das Eintreffen eines Produkts an einem bestimmten Ort automatisch weitere Verarbeitungsschritte auslösen, Routineprozesse könnten somit selbstständig ablaufen. „Die technologischen Einsatzmöglichkeiten sind vielseitig, der rechtliche Rahmen für Smart Contracts ist jedoch noch nicht geklärt. Daher ist auch Vorsicht geboten. Entwicklungsländer könnten profitieren, sofern die neue technische Infrastruktur mittelfristig geringere Anforderungen als die vorherrschenden standardisierten Datenbanksysteme erfordert – etwa, um alle Bauern und Zwischenhändler einzubeziehen”, bestätigt Ross King.

Die in der Studie untersuchten Anwendungsfälle setzen auf sog. Permissioned Blockchains. Bei diesen können – im Gegensatz etwa zu Bitcoin – bewusst nur bestimmte Akteure teilnehmen. Der Zugang zu den Daten ist ggf. gezielt eingeschränkt. Das ist sinnvoll, da in manchen Fällen zu viel Transparenz Mitbewerbern Wettbewerbsvorteile verschaffen könnte.
Andere Entwicklungen setzen auf offene Blockchains als „Infrastruktur”, um darauf aufbauend Geschäftsprozesse abzubilden, die anonym durchgeführt werden sollen.
Um neben der Unternehmensperspektive die Sicht der Kunden besser einschätzen zu können, haben Handelsverband und Mindtake Research eine „Consumer Check”-Kurzumfrage zum Thema Blockchain durchgeführt. Das überraschende Ergebnis: Trotz aller Medienberichte und Forschungs- und Entwicklungsvorhaben hat nur ein Viertel der befragten Österreicher schon von der Blockchain-Technologie gehört.
„Eines der spannendsten Anwendungsfelder ist die Verwendung der Blockchain zur Sicherstellung der Produktqualität im Lebensmittelhandel und in der Zertifizierung. Dies scheint auch bei Konsumenten sehr gefragt zu sein, denn knapp zwei Drittel der Befragten können sich die Nutzung einer Blockchain-basierten App dafür vorstellen”, so Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will.
Was die Potenzialanalyse betrifft, ist klar ersichtlich: Die Österreicher brauchen noch mehr und v.a. leichter verständliche Informationen, um das Potenzial der Blockchain wirklich einschätzen zu können (42%).

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