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Ein Blick in die Zukunft des Handels © APA/AFP/Niklas Halle’n
© APA/AFP/Niklas Halle’n

daniela prugger 07.06.2019

Ein Blick in die Zukunft des Handels

Im „Retail Report 2020” analysieren Theresa Schleicher und das Zukunftsinstitut die Trends in der Handelsbranche.

••• Von Daniela Prugger

Vor zehn Jahren setzten sich viele Unternehmen Ziele wie das Schritt halten mit der Digitalisierung. Als Umsetzungszeitpunkt wurde allzu oft 2020 genannt. Damals schien 2020 noch Lichtjahre entfernt, das ideale Jahr für Visionen: Pakete werden nur noch mit Drohnen ausgeliefert, Shopping erfolgt via QR-Code, den stationären Einzelhandel gibt es nicht mehr, und die menschlichen Verkäufer werden durch Roboter ersetzt. Nächstes Jahr ist es so weit: 2020 steht vor der Tür, und so wie es aussieht, ist die Zukunft menschlicher als gedacht. Die Drohnen schwirren noch nicht durch die Luft, gezahlt wird noch mit Karte, den stationären Einzelhandel gibt es noch und obwohl die SB-Kassen zunehmen, werden in den Läden noch immer Verkäufer beschäftigt sein.

Doch es gibt auch klare Trends in der Branche, schreibt die Retail-Expertin Theresa Schleicher im „Retail Report 2020”, den sie gemeinsam mit dem Zukunftsinstitut erstellt hat. Zum einen mache das schnelle Leben der Konsumenten dem stationären Handel zu schaffen, weshalb innovative Konzepte gefragt sind. Retailer und Brands, die den Kunden ein Erlebnis bieten, kommen heute besonders gut an.
Ob Black Friday, Cyber Monday, Singles’ Day – Rabattaktionen an selbst kreierten Shopping-Tagen begeistern auch in Österreich. Und spätestens seit Apple Pay und Amazon Go ist das Bezahlen ohne Bargeld oder Karte zum Trend geworden. In Deutschland kooperieren zahlreiche Banken mit den Tech-Giganten. Inzwischen können Nutzer des Zahlungsdiensts PayPal ihren Account der App Google Pay hinzufügen – und so in Läden mit ihrem Android-Mobil­telefon im Vorbeigehen bezahlen.
Ob per App, Fingerabdruck oder Wearable – die zunehmende Beliebtheit digitaler Verfahren ändert die Art und Weise, wie Kunden über das Bezahlen denken. Der Bezahlvorgang rückt immer stärker in den Hintergrund, und das Shoppingerlebnis gewinnt an Bedeutung.

15 Sekunden

Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren ist nach Einschätzung von Schleicher die Verkürzung der Zeit fürs Bezahlen. „15 Sekunden – länger darf das gerade bei der tempoverwöhnten jungen Generation nicht dauern”, sagt sie. In China sei es weit verbreitet, mittels Gesichtserkennung zu bezahlen. „Die nötige Mimik fürs Bezahlen ist ein Lächeln.”

Der Handel müsse sich auf immer umfassendere Service-Wünsche der Kunden einstellen und darauf reagieren. Etwa könne das Abholen der Wäsche für die Reinigung bald schon eine Zusatzleistung nach Lieferung der online bestellten Lebensmittel sein, sagte Schleicher der Deutschen Presse-Agentur.

Konditionen verbessern

Angesichts der neuen Verbraucherwünsche und der Umsatzzahlen in den verschiedenen EU-Ländern sieht die Expertin die Überlebenschancen des stationären Handels aber deutlich gestiegen.

Gerade der kleine Einzelhändler könne davon profitieren, dass immer öfter das Besondere, das Handgemachte, das Regionale gewünscht werde, Produktion und Herkunft der Ware transparent nachvollziehbar sein sollten. Der Berater und Verkäufer sei dabei unverzichtbarer, als vorausgesagt. Online-Giganten wie Amazon suchten die Kooperation mit den stationären Händlern, um das Sortiment auf ihrem Marktplatz attraktiv zu erweitern. „An fairen Konditionen muss man aber noch arbeiten”, sagt Schleicher.
Immerhin: Der Megatrend „New Work” verändere den Handel von innen heraus. Mitarbeiter haben heute andere Ansprüche an das Arbeitsleben. Die Kreativökonomie löst die rationale Leistungsgesellschaft ab. New Work stellt die Potenzial­entfaltung eines jeden einzelnen Menschen in den Mittelpunkt – das reicht von Pioniergeist im Start-up bis zum Hobby-Professional. Denn Kreativität passiert nicht einfach am Schreibtisch zwischen 9 und 17 Uhr.
Dass sich der Einzelhandel auch in Österreich etwas überlegen muss, ist evident. Schließlich hat die Beliebtheit der Branche als Arbeitgeber bei den Auszubildenden und Lehrlingen in den vergangenen Jahren stark abgenommen.

Zero Waste & Lifestyle Service

Auch das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum komme langsam, aber sicher in der Mitte der Gesellschaft an. So zeigt sich z.B. im Luxusmarkt der Trend zu Sustainable Luxury, indem Statussymbole mit ethischem Mehrwert und nachhaltigem Anliegen aufgeladen werden.

Doch auch Designobjekte werden immer häufiger recycelt oder upgecycelt – und somit zum Ausdruck von Zero Waste und dem Denken in Kreisläufen der Circular Economy. Und auch der Wunsch nach Lifestyle-Services macht sich bemerkbar. In Zeiten des Massenkonsums erfreut sich etwa in der Modebranche der „Made to Measure”-Trend großer Beliebtheit: die individuelle Anpassung von Schnittmustern auf die Maße des jeweiligen Menschen, sodass eine optimale Passform gewährleistet wird. Auch der Trend zum Curated Shopping ist Ausdruck des Wunschs nach Individualisierung und Vereinfachung in Zeiten von Überangebot.

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