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Handlungsbedarf bei der Digitalisierung im LEH © Messe Düsseldorf / Constanze Tillmann
© Messe Düsseldorf / Constanze Tillmann

Redaktion 08.04.2022

Handlungsbedarf bei der Digitalisierung im LEH

EuroCis und EHI zeigen, wohin die Digitalisierung den Handel bringt und welche Trends man mitmachen muss.

••• Von Christian Novacek

WIEN. Der erste kassenlose „Amazon Go”-Store eröffnete in 2018. Die Experten waren sich einig: ein hochspannendes, technologisch sehr ambitioniertes Projekt. Ein Unternehmen wie Amazon kann sich so was leisten. Aber: Für die klassischen Food-Retailer wird das in absehbarer Zeit sicher nicht umsetzbar sein.

Die Gründe fürs potenzielle Kleinreden der Innovation waren schnell an der Hand: angeführt wurden die hohen Kosten, mangelndes technologisches Know-how und auch fehlendes Vertrauen der Verbraucher in ein derartiges, gegebenenfalls leicht suspektes, Hightech-Konzept. Infolgedessen gab es bis 2020 bis auf wenige kleine Projekte tatsächlich kaum Ambitionen, in größerem Stil in kassenlose Stores zu investieren. Dann aber kam die Coronapandemie und mit ihr der Innovationsturbo. Das Thema nahm – wie viele andere Digitalisierungsaktivitäten – in kurzer Zeit an Fahrt auf.
Wie ernst es der LEH auch im D-A-CH-Raum mit der Umsetzung meint, darauf weisen zum einen zahlreiche unterschiedliche Pilotprojekte hin. Zum anderen untermauern das die Ergebnisse der Studie „Technologie-Trends im Handel 2021” des EHI Retail Institute, an der knapp 100 Händler teilgenommen haben, darunter auch nahezu alle großen Food-Retailer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (insgesamt 32 Unternehmen des LEH).

Variationen von Amazon Go

Erstmals taucht das Thema sowohl bei den Top-Zukunfts­trends (29% Nennungen der Befragten) als auch bei den strategisch wichtigsten Projekten der nächsten Jahre (25%) auf. Dabei handelt es sich nicht zwingend um 1:1-Abbildungen des Amazon Go-Konzepts; vielmehr gibt es vielfältige Varianten bzw. Umsetzungsoptionen.

Allerdings sind noch Fragen offen: Welche Mutationen werden in der Gunst der Kunden vorne sein? Ab welcher Skalierung trägt sich eine solche Strategie wirtschaftlich? Gibt es nachhaltige Limitierungen bezüglich Sortimentsbreite und -tiefe sowie der Filialgröße? Sind alle Privacy-Aspekte (Datenschutz) bedacht worden? Eine Menge Fragen, die gewisslich in den nächsten ein bis drei Jahren reichlich Antworten finden.

Top-Trend lautet auf KI

Ein weiteres Kernergebnis der Studie ist die ungebrochen positive Einschätzung der Entscheider bezüglich der Bedeutung von Künstlicher Intelligenz für die Branche: 63% der befragten Unternehmen sehen diese als wichtigsten Zukunftstrend an. 54% gaben dabei an, KI bereits im Einsatz zu haben, weitere 25% haben konkrete Projekte für die kommenden Jahre.

Haupteinsatzgebiet der KI ist und bleibt das Themenspektrum „Analytics”. Hier dominiert der Bereich Forecasting & Replenishment (Efficient Replenishment: auch Dauernachschub via automatisiertem Wiederbestellsystem) im Zentrum; 71% aller KI-Projekte im LEH beziehen sich darauf.

Self-Checkout vor Rollout?

Ebenso gewinnt das Thema Self-Scanning und Self-Checkout im LEH in den Pandemiejahren an Popularität. War das Thema in der Vergleichsstudie 2019 nicht als eigener Top-Zukunftstrend erfasst, so steht es 2021 wieder weit oben auf der Trendliste. Das ist wesentlich auf zwei Effekte zurückzuführen: auf die sehr schnelle Umsetzung von Scan & Go-Projekten (sowohl per Kunden-Smartphone als auch mit Handhelds) einerseits und andererseits die zunehmende Bedeutung für die Food-Discounter – genau die hatten sich dem Thema SCO und Self-Scanning lange Zeit verschlossen.

„Dauerbrenner” bei den Top-Projekten der kommenden Jahre bleibt im LEH die Erneuerung und Optimierung von ERP-Systemen (Enterprise-Resource-Plan­ning). Anders als in der Handelsbranche insgesamt (dort ist Analytics auf Position eins) gibt es im LEH offensichtlich noch viel Handlungsbedarf beim Thema ERP.
Ein Thema, welches nicht in den Rankings der wichtigsten Zukunftstechnologien auftaucht, aber eine bemerkenswerte Entwicklung genommen hat, ist Electronic Shelf Label (ESL). Lange als unwirtschaftlich und nicht ausreichend funktional verschrien, hat es sich mittlerweile fix etabliert: In 79% der im EHI-Panel vertretenen LEH-Unternehmen ist ESL bereits heute im Einsatz. Zwar handelt es sich im LEH-Discount noch um Pilotprojekte, 54% der Firmen geben allerdings an, den Einsatz des ESL in den kommenden Jahren klar ausweiten zu wollen. Die Gründe: Preisrückgang bei den Tags und stark verbesserte Technologien.

Überschaubares IT-Budget

Abschließend ein Blick auf das durchschnittliche IT-Budget im LEH: Es liegt aktuell bei 1,2% vom Nettoumsatz. Dieser Wert liegt nach wie vor deutlich unter dem Gesamtschnitt des Handels in Summe (1,47%), aber auch klar über dem Wert von 2019 (1,06%).

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