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„Mir macht die Arbeit noch Spaß” © Demmers Teehaus

Andrew Demmer Die Kernkompetenz von Demmers Teehaus liegt im gehobenen Fachhandel. Der Vertrieb erfolgt über eigene Geschäfte, Franchise-Partner, den Online-Shop, die Gastronomie, den Großhandel und die Souvenirshops.

© Demmers Teehaus

Andrew Demmer Die Kernkompetenz von Demmers Teehaus liegt im gehobenen Fachhandel. Der Vertrieb erfolgt über eigene Geschäfte, Franchise-Partner, den Online-Shop, die Gastronomie, den Großhandel und die Souvenirshops.

daniela prugger 01.04.2016

„Mir macht die Arbeit noch Spaß”

Im medianet-Interview sprach der Unternehmer Andrew Demmer über die Vorzüge von Fachgeschäften, den Wirtschaftsstandort Österreich, europäische Politik und den Handel mit Tee.

••• Von Daniela Prugger

WIEN. Im Jahr 1981 gründete der gebürtige Engländer Andrew ­Demmer sein erstes Teehaus in der Mölker Bastei im ersten Wiener Gemeindebezirk. Ein befreundeter Buchhändler am Schottentor machte ihn damals auf ein günstiges Geschäftslokal in Uni-Nähe aufmerksam. 35 Jahre später – mittlerweile ist Demmers Teehaus auch in Finnland, Japan und Osteuropa vertreten – zieht der Gründer und Geschäftsführer Bilanz über den Teehandel in Österreich – einem Land, in dem Kaffee noch immer das beliebteste Heißgetränk ist. Aber die Hoffnung, sagt Demmer, hat er noch nicht aufgegeben.

medianet: Demmers Teehaus feiert heuer sein 35stes Jubiläum. Wenn Sie auf die Anfangszeit zurückblicken – was hat sich am Teekonsum seitdem verändert?
Andrew Demmer: Österreich war nie eine Teenation. Das hat sich bis heute nicht verändert. Aber um etwas Positives zu sagen: Das Interesse für Tee ist gestiegen, und die Österreicher sind heute experimentierfreudiger. Schwarz-, Grün-, Kräuter-, Früchte-, Matcha-Tee – das Interesse ist da. Der Teekonsum hat sich in den letzten Jahren auch gesteigert, aber auf keinen Fall wie beim Kaffee. Heute liegt der Teekonsum bei achteinhalb ­Kilo, und der Teeverbrauch hat sich um 100 oder 150 Gramm gesteigert. Aber: Die Österreicher sind noch keine Tee-Junkies.

medianet:
Haben Sie die Hoffnung aufgegeben, dass aus Österreich noch eine Teenation wird?
Demmer: Nein, ich bin ein Kämpfer für den Tee! Und das Schöne an Österreich ist, dass wir von einem hohen Qualitätsniveau sprechen. Der durchschnittliche Tee, der nach Österreich importiert wird, hat eine gute bis sehr gute Qualität.

medianet:
Welche Sorten sind bei den Österreichern besonders ­beliebt?
Demmer: Wie wir hier begonnen haben, war der Schwarz- und Früchtetee sehr beliebt. Und über die Zeit hat Grüntee an Bedeutung gewonnen und Kräutertee seit fünf bis zehn Jahren zugelegt und ist zum festen Bestandteil eines Teegeschäfts geworden. Um jetzt wirklich von den Sorten zu sprechen – Earl Grey ist nach wie vor wichtig und bestimmend. Natürlich bestimmen aber auch die großen Markenartikel bzw. die Joghurt- und Fruchtsaftindustrie – insbesondere bei aromatisiertem Tee – den Geschmack mit. Kiwi oder Mango sind ein Beispiel dafür, die Geschmacksrichtungen finden wir mittlerweile auch im Teesortiment.

medianet: Der Preis wurde immer wieder zum entscheidenden Kaufargument der Konsumenten erklärt. Glauben Sie, trifft dies auch beim Tee zu – wird auf den Preis oder doch auf die Qualität Wert gelegt?
Demmer: Ich spreche jetzt vor allem vom Teefachgeschäft: Die Beratung, das freundliche Auftreten und die hübsche Verpackung sind hier die eindeutigen Verkaufsargumente. Im Supermarkt ist das anders: Wenn die Beratung fehlt und der Konsument nicht weiß, was er will, dann ist sicher der Preis das Verkaufsargument. Im Vergleich zu Kaffee und Bier wird beim Tee im Supermarkt aber nur selten mit Mengen- oder Warengruppenrabatt gelockt. Das, was früher das Privileg des Fachgeschäfts war – also neue Mischungen und Namen zu kreieren –, wird jetzt teilweise von den großen Markenartiklern im ­Supermarkt übernommen. Das haben sie sicher den Fachgeschäften abgeluchst ...

medianet:
Haben es Fachgeschäfte heute schwerer?
Demmer: Also das Internet hat sicher an Bedeutung dazugewonnen. Mittlerweile dient uns unser Webshop als Marketinginstrument und bietet in den Gegenden, in denen wir nicht stationär vorhanden sind, eine Möglichkeit, unsere Produkte zu verkaufen. Aber ja: Das Angebot in den Supermärkten ist breiter ­geworden, und die Konkurrenz härter.

medianet:
Wie viel Umsatz generieren Sie über den Webshop?
Demmer: Den Umsatz einer guten Filiale – 220.000 bis 240.000 Euro im Jahr. Und dabei handelt es sich um den reinen Teeumsatz; wir verkaufen kein Zubehör online.

medianet:
Wie läuft das Geschäft in Osteuropa?
Demmer: Wir sind in Ungarn, ­Polen und in Rumänien ganz gut aufgestellt. Nach der Wende war in Ungarn und in Rumänien mehr Geld da, dort spüren wir ein gewisses Sparverhalten. Rein wirtschaftlich hat Polen für uns mit Sicherheit das größte Potenzial; dort erwarten wir in den nächsten Jahren gute Zuwächse.

medianet: Sie selbst sind gebürtiger Engländer. Trinkt man Demmers Tee denn auch in England?
Demmer: Nein, bzw. nur vereinzelt. Wir haben – das ist bestimmt schon 20 Jahre her – für vier, fünf Jahre Harrods beliefert, allerdings nicht unter unserer Marke. Es wäre natürlich schön, auch in London ein Demmers Teehaus zu haben, aber das hat nicht gepasst.

medianet:
Aber hat es nie die Ambition gegeben, nach England zu gehen? Naheliegend wäre es ja ...
Demmer: Es wäre naheliegend. Aber der englische Teemarkt ist fest in den Händen der großen Supermarktketten, die entweder große Markenartikel führen oder Eigenmarken haben. In den letzten Jahren kamen aber vermehrt elitäre Teefachgeschäfte auf. Es scheint also auch bei den eingefleischten Teefans in England einen neuen Markt zu geben, die für ein besonderes Teeerlebnis ins Fachgeschäft gehen.

medianet:
Kehren Sie in Anbetracht der aktuellen politischen Situation – des Referendums über den Verbleib in der Europäischen Union und David Camerons Asylpolitik – denn gern nach England zurück?
Demmer: Es ist zwar bald 70 Jahre her, dass ich weggezogen bin. Aber mein Herz schlägt noch für England. Doch die Tendenz, wie man sich aus dem Bereich der EU trennen möchte, ist mir völlig unverständlich. Ich kann nur hoffen, dass am Ende die Vernunft siegt.

medianet: Macht Ihnen die Richtung, in die sich Österreich politisch bewegt, denn Sorgen?
Demmer: Einerseits habe ich in meiner Familie engagierte Kinder, die in der Flüchtlingshilfe sehr aktiv sind und an den Bahnhöfen mitgeholfen haben und sogar auf Lesbos und in Idomeni, an der griechisch-mazedonischen Grenze, waren und dort mitgearbeitet haben. Auf der anderen Seite habe ich auch Verständnis dafür, dass die Menschen hier in Österreich um ihren Arbeitsplatz und vor religiösem Fanatismus Angst haben. Ich kann mich auch der Meinung anschließen, dass das ungeprüfte Durchwinken auch nicht möglich ist. Aber am Ende des Tages ist es unsere Aufgabe, den Menschen zu helfen und unseren Beitrag dafür zu leisten. Es ist wahrscheinlich nur die Ungerechtigkeit der Verteilung, die Probleme innerhalb Europas aufwirft – also, dass sich manche Länder abputzen und u.a. Österreich, Deutschland und Schweden bis jetzt die Hauptlast übernommen haben. Es braucht eine größere Solidarität unter den EU-Mitgliedsländern und unter den Bundesländern. Und dass manche Medien und Politiker die Flüchtlingskrise instrumentalisieren, ist traurig. Die Bedingungen für die Menschen an der griechisch-mazedonischen Grenze sind wirklich menschenunwürdig. Davor darf man nicht die Augen verschließen.

medianet:
Wie zufrieden sind Sie als Unternehmer mit dem heimischen Arbeitsmarkt und dem Wirtschaftsstandort generell?
Demmer: Wir sehen einerseits, dass, wenn wir Mitarbeiter suchen, sich häufig überqualifizierte Leute melden. Mir tun die jungen, gut ausgebildeten Menschen heute leid. Andererseits gibt es in Österreich diese bürokratischen Schikanen – ob Magistrat oder laufende Gesetze. Viel zu oft, wenn man mit Beamten in Kontakt kommt, erklären sie einem, wie etwas nicht geht, in den wenigsten Fällen sind sie lösungsorientiert. Die Situation in Österreich ist nicht unternehmerfreundlich. Wie wir begonnen haben, war es einfacher, im Beruf Erfolg zu haben und die Ideen umzusetzen als heute. Ich mache mir eher Sorgen um meine Enkelkinder. Meine Generation hatte es definitiv leichter, der Kampf ist härter geworden.

medianet: Woher importieren Sie den meisten Tee?
Demmer: Also Sri Lanka hat leider nicht den Stellenwert bei uns, den ich mir für dieses Land wünschen würde. Qualitätstees kaufen wir großteils in Indien und in China. Japan und Südkorea sind auch wichtig für unser Geschäft; in ­Afrika kaufen wir kaum ein.

medianet:
Sie haben mit den Teebauern persönlich Kontakt. Was bedeuten Nachhaltigkeit und Fairness für Sie?
Demmer: Wenn wir zwei gleichwertige Produkte angeboten bekommen und eines davon ist bio, dann geben wir bio den Vortritt. Aber es ist nicht so, dass bio-Tee besser schmeckt als normaler Tee. Von der Idee Fairtrade bin ich begeistert, allerdings eignet sie sich für Tee nicht unbedingt, weil Tee meist auf großen Plantagen angebaut wird. Wir haben ein Projekt in Nepal, wo wir den Bauern die Abnahme garantieren und ihnen einen Stromgenerator geschenkt haben; das ist unsere Art, einen Beitrag vor Ort zu leisten.

medianet:
Wenn Sie in die Zukunft blicken – wohin entwickelt sich das Teegeschäft?
Demmer: Wir hoffen, in den nächsten Jahren in Österreich noch einige Franchisepartner zu gewinnen und unser Gastronomiegeschäft noch weiter ausbauen zu können. Wir sind positiv eingestimmt und haben auch das Team stark verjüngt. Die Zeit des Bäume-Ausreißens ist sicherlich vorbei, aber ein stetes Wachstum sehen wir als realistisch und machbar an. Mir macht das Arbeiten auf jeden Fall noch immer Spaß.

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