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Päpstlicher als der Papst vs. verzichtbar © dpa/dpaweb/dpa-Zentralbild/Z1003 Jens Büttner
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Eva Kaiserseder 25.05.2018

Päpstlicher als der Papst vs. verzichtbar

Das Thema Herkunftsbezeichnungen ist umstritten: Agrarier pochen auf zusätzliche Kennzeichnungen, der Handel ist skeptisch.

••• Von Eva Kaiserseder

Not amused zeigt man sich bei den heimischen Lebensmittelverarbeitern: Es geht um die von Landwirtschaftskammer und Regierung geforderte, erweiterte Kennzeichnung von österreichischen Lebensmitteln wie etwa Fleisch,- Ei- oder Milchprodukten. Agrarier pochen ja schon länger darauf, auch, weil man sich eine verbesserte Vermarktbarkeit heimischer Produkte erhofft. Allerdings wäre das ein nationaler Alleingang, (noch) kein Schritt auf EU-Ebene. Und genau das erzürnt die Lebensmittelindustrie aktuell. Päpstlicher als der Papst sei man da, wird argumentiert: „Österreich war auch das erste Land, das aus der Käfighaltung bei Hühnern ausgestiegen ist. Da hatten die Bauern Einkommenseinbußen, niemand hat ihnen den Mehraufwand bezahlt”, so Oskar Wawschinek, Pressesprecher des Fachverbands der Lebensmittelindustrie, im Gespräch mit der APA. Verpflichtungen, die einmal mehr über bestehendes EU-Recht hinausgingen, wären kontraproduktiv. Ohnehin sei man in Österreich sehr gut aufgestellt, dort, wo es möglich sei, würde die Herkunft ja bereits freiwillig angegeben. Und auch das AMA-Gütesiegel funktioniert reibungslos, so Wawschinek. Er plädiert dagegen für mehr „geschützte geografische Angaben”, von denen es in Österreich bisher nur sechs wie den Vorarlberger Bergkäse gäbe; zum Vergleich: in Frankreich gibt es 142.

Begründetes Interesse

Rainer Will, Handelsverband-Geschäftsführer, sieht die Lage weniger eindeutig und hat einen pragmatischen Zugang: „Der österreichische Lebensmitteleinzelhandel ist im Vergleich zu anderen Branchen vorbildhaft, was die Kennzeichnung von Lebensmitteln betrifft. Insofern stehen wir einer erweiterten Regelung grundsätzlich positiv gegenüber. Auch der heimische Konsument hat schließlich ein begründetes Interesse daran, zu erfahren, wo die Produkte auf seinem Teller herkommen. Entscheidend ist, dass eine etwaige erweiterte Herkunftskennzeichnung nicht zu einem massiven bürokratischen Aufwand führt und einzelne Marktteilnehmer nicht über Gebühr belastet.”

Heimische Produkte präferiert

Was wird aber konkret gefordert? Das Regierungsprogramm der aktuellen Koalition sieht eine „verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln (Fleischprodukte, Milch, Eiprodukte, verarbeitete Produkte und Milchprodukte) nach dem Vorbild Frankreichs zunächst auf nationaler, später auf EU-Ebene” vor. Auch bei Kantinen solle es „eine nationale Kennzeichnung der Lebensmittelherkunft” geben. Gerade beim Außer-Haus-Konsum zeigt sich übrigens: Die Österreicher haben nicht nur den Wunsch nach mehr Transparenz, sondern präferieren vor allem heimische Produkte. „68 Prozent der befragten Österreicher finden, dass es in etwa Kantinen und Gemeinschaftsküchen, aber auch in Restaurants eine verpflichtende Kennzeichnung der Herkunft von Zutaten und Bestandteilen geben soll”, so Paul Unterhuber vom GfK-Austria Meinungsforschungsinstitut.

Worst Case: Abwanderung

Auf die Lebensmittelindustrie sieht Wawschinek jedenfalls eine enorme zusätzliche Belastung anrollen, sollte das geforderte Maßnahmenpaket tatsächlich in Kraft treten. Wenn bei jedem in Österreich verpackten und verarbeiteten Produkt zwingend die Herkunft angegeben wird, ist allein das Packaging keine unwesentliche Größe – Stichwort Rohstoffe: Bei jedem Wechsel der Bezugsländer müsste hier sämtlich nachgebessert werden. Ein Wettbewerbsnachteil wäre es außerdem, weil eine solche Verpflichtung für andere EU-Waren und importierte Waren nicht gilt – schlimmstenfalls würden heimische Produzenten ins Ausland abwandern, so der Worst Case. Und: Supermarktkunden wären Frische, Qualität und Preis ohnehin wichtiger als Infos über die Herkunft, ist sich Wawschinek sicher.

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