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Sind Insekten unsere Nahrung der Zukunft? © Pinaks
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Redaktion 04.06.2021

Sind Insekten unsere Nahrung der Zukunft?

Das Unternehmen Pinaks aus Deutschland bringt auch in Österreich Grillen-Cracker auf den Markt – vom Krabbeln in der Insektenbranche.

••• Von Maren Häußermann

BERLIN. Der Verzehr von Insekten als Fleischersatz ist nicht neu, aber noch nicht ganz etabliert. Es gibt Rezepte, es gibt Zuchtbetriebe und es gibt Anbieter fertiger Produkte. Diese massentauglich zu machen, ist die wirkliche Herausforderung, der sich etwa die GmbH Pinaks aus Berlin stellen will – ein Start-up, das nun seine Grillen-Cracker mit Rosmarin- oder Zwiebel-Kräuter-Geschmack auf den Markt gebracht hat.

Die Gründer Camilo Wilisch und Sebastian Kreßner haben sich 2019 an die Entwicklung ihres Produkts gemacht, mit zwei Mitarbeitern im Marketingbereich. In der eigenen Küche und schließlich in der Backstube einer Berliner Bäckerei haben sie verschiedene Rezepte ausprobiert. Ihr Ziel war es, nichts komplett Extravagantes zu schaffen, sondern ein Produkt, mit dem sich die Konsumenten identifizieren können. Denn deren Bereitschaft, Insekten zu essen, war schon da. Basierend auf einer Umfrage des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertnung von 2015 hieß es, dass 30% der Deutschen Insekten probieren würden, im Jahr 2020 waren es schon 40%. Nun müssen diese Leute nur noch abgeholt werden …

Europäischer Trend

Auch in Österreich werden Insekten als Nahrungsmittel attraktiv gemacht: Der heimische Markt kennt bereits einige Unternehmen, die sich auf die Zucht und Verarbeitung von Insekten spezialisieren. Die Wurmfarm aus Kärnten beispielsweise tunkt Mehlwürmer in Schokolade, in Wien haben die Unternehmen Zirp und Livin Farms ihren Sitz. Ersteres bietet Falafel- und Pfannkuchen-Mischungen mit Insektenzusatz an, Livin Farms konnte sich bereits international einen Namen als Experte in der Insektenaufzucht machen.

Vertreten werden all diese Unternehmen auf EU-Ebene von der International Platform of Insects for Food and Feed (IPIFF), die als Sprachrohr der Insektenindustrie gilt. Einer Studie dieser Plattform zufolge gab es 2019 in der Europäischen Union 500 t Insektenprodukte, und rd. 9 Mio. EU-Bürger haben Insekten gegessen.
Allerdings gelten bisher in der EU nur Mehlwürmer als sicheres neuartiges Nahrungsmittel. Zu prüfende Anträge auf Zulassung bestehen für den Buffalo- Wurm, zwei Grillenarten, Heuschrecken, Bienenlarven und die Schwarze Soldatenfliege. Sollten diese in Zukunft Bestandteile eines Produkts sein, muss dieses als „Novel Food” gekennzeichnet werden.
Die Umsetzung der EU-Verordnungen liegt bei den Mitgliedsstaaten, auch in Bezug auf diese neuartigen Lebensmittel. Soweit die Gründer von Pinaks es verstehen, dürfen in Österreich aktuell nur ganze Insekten verarbeitet werden. Da ihre Cracker aber auf Grillenmehl basieren, also einen weiteren Produktionsschritt beinhalten, ist der vor-Ort-Verkauf in Österreich schwierig, und Pinaks konzentriert sich vorerst aufs Online­geschäft.

Die pure Insektenfreude

Ihre Grillen beziehen sie von einer Farm in Spanien, die von einem holländischen Unternehmen betrieben wird. Zur Produktion arbeitet das deutsche Start-up mit dem Schweizer Unternehmen Cornu zusammen, das sich auf die Serienproduktion von Backwaren spezialisiert hat. Gleichzeitig ist die Schweiz ein interessanter Markt für den Insektensektor, da dort schon seit 2017 Mehlwurm, Grille und Wanderheuschrecke als Lebensmittel zugelassen sind.

Nach Rücksprache mit Experten aus den Sektoren Vertrieb und Einkauf und Gesprächen mit dem erfahrenen Schweizer Partner erwartet Pinaks für das Jahr 2021 einen Umsatz von 100.000 €.
Zielgruppe sind Millennials und Flexitarier generell: „Wir sehen eine Chance darin, die Lücke zu schließen zwischen Veganismus und Fleischkonsum”, sagt Kreßner. Um das Ziel zu erreichen, weniger Fleisch zu konsumieren, bieten sich Insekten auch aus Ressourcenperspektive gut an.
In Bezug auf die Landnutzung sind Insekten vorteilhaft, da sie in großer Stückzahl auf geringem Raum gehalten werden. Natürlich braucht man dazu weiterhin Energie, weil Insekten es gerne warm mögen – allerdings beschäftigen sich die Pinaks-Gründer mit Alternativen. So steht das Unternehmen beispielsweise im Austausch mit einem Holzproduzenten in Brandenburg, der die Abwärme der Holzproduktion für die Insektenzucht verwendet.

Was der Markt hergibt

Auch Pinaks will einmal Insekten aus der eigenen Zucht verwenden. Bis sie diese aufgebaut haben, müssen sie mit den Ressourcen arbeiten, die der Markt hergibt – eine Herausforderung der speziellen Art, denn die Insekten von Pinaks sollen glutenfrei sein. Häufig werden die Lebewesen aber auf Getreidebasis gezüchtet.

Außerdem gibt es Unterschiede im Proteingehalt der Grillen. Manche Züchter schaffen es, einen Proteingehalt von 70% zu erreichen, andere dagegen nur die Hälfte. Pinaks hat verschiedene Tests durchgeführt, um zu entscheiden, was man in seinen Produkten haben will; dementsprechend haben sie ihre Suche nach den passenden Partnern angepasst.
Auch in der Insektenbranche spielt das Preis-Leistungs-Verhältnis eine wichtige Rolle. Laut Pinaks zahlt man für die günstigsten Insekten auf dem Markt aktuell 30 € pro kg inklusive Transportkosten, für ihre Grillen bezahlt das Unternehmen um die 60 € pro kg.

Raus aus der Nische

Anklang finden Insektenprodukte aktuell vor allem wegen ihres Proteingehalts – und somit bei Sportlern. Viele Produkte sind dabei nicht nur sehr nischig, sondern gleichfalls teuer. „Unser Produkt hat ein physiologisch ausgeglichenes Nährstoffprofil. Einen Supersportler, der nur Proteine und null Fett und null Kohlenhydrate isst, kann man damit nicht überzeugen, und das wollen wir auch gar nicht”, bezieht Kreßner einen weniger nischigen Standpunkt, der auf die breite Masse zielt.

Bisher verkauft das Unternehmen nur zwei Geschmacksrichtungen, die bisher gleichermaßen beliebt sind. „Wir haben weitere Ideen, die wir umsetzen wollen. Aber wir wollen das effizient gestalten und dementsprechend erst mal eine überschaubare Menge anbieten, die wir gut handhaben können”, sagt Keßler. Auf lange Sicht will man die Produkte dann im Einzelhandel verkaufen.
Dabei sehen die Pinaks-Gründer Unterschiede zwischen den Märkten: Während in Deutschland oft ein Ansprechpartner für eine ganze Kette zentral spricht, sind österreichische Läden häufiger dezentral und inhabergeführt; dementsprechend konzentriert sich das Unternehmen zunächst auf den deutschen Markt.
Die bisherige Finanzierung des Projekts lief über ein Stipendium; seit vergangenem Jahr haben sie außerdem einen Vertrag mit einem Investor, der zusätzliche finanzielle Unsterstützung bietet. Der Produktlaunch fand über Crowdfunding statt.
Im Anschluss an eine Kampagne zum Launch gab es eine Umfrage mit der Rückmeldung, dass besonders Kinder die Cracker liebten. Am wichtigsten für das Unternehmen ist mithin das Marketing. „Tastings sind sehr wichtig. Wenn die Situation sich wieder normalisiert, wollen wir den Leuten unser Produkt in die Hände drücken und sie so begeistern.”

Insekten als Nahrung

Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, dienen Insekten bereits zwei Mrd. Menschen als Nahrungsquelle. Trotzdem ist die Vorstellung, ein Insekt zu essen, für viele befremdlich. Dabei sind Insekten nachhaltig, gesund und klimafreundlich; ihr essbarer Anteil liegt bei 80%, während es beim Rind nur 40% sind, und sie haben einen hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren, B-Vita­minen und Mineralstoffen sowie einen ähnlichen Proteingehalt wie Fleisch von Rind, Schwein oder Pute. Im Gegensatz zu diesen brauchen sie allerdings viel weniger Platz und Wasser und verursachen weniger Treibhaus­emissionen – eine zukunftsfreundliche Alternative?

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